Von Alsdorf in die große, weite Welt hinaus

Von: Christina Vedar
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Der Künstler Zinober und seine reiselustigen Farben: Eva Broszy (vorne v.l.), Emma Zang, Donna Klamma, Lea Schaffrath, Natalie Junge (hintere Reihe v.l.), Stephan Kivel als Zinnober, Tabea Breuer, Paula Kruwinnus, Lena Baumanns, Nora Jansen und Hannah Müller. Foto: Christina Vedar
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Zusammengerückt finden auch die Kleinsten ihren Platz: Sie warten gespannt auf den Beginn der Generalprobe in der Ballettschule Harlekin. Foto: Christina Pfedar

Alsdorf. Was für den Schreiberling die Worte, das für den Künstler die Farben: Arbeitsmaterial und Lebensgrundlage. Nicht selten verbindet er mit seiner Leidenschaft, die gleichzeitig Broterwerb bedeutet, aber oft auch als brotlose Kunst verschrien wird, genau soviel Sehnsucht wie Zweifel.

Letzteres kann ebenfalls der Begriff der Heimat in uns auslösen. Heimatliebe und Fernweh müssen aber keine grundsätzlichen Gegensätze darstellen. Die Geschichte beginnt in Alsdorf. Es ist ein Sonntagmorgen, halb elf. Frischer Kaffeeduft durchströmt die Räume, und das Teewasser summt leise. Plätzchen und Gebäck sind auf riesigen Tellern drapiert, die ersten Hände huschen schnell drüber und erhaschen sich einen Keks. Die Tür klappert durchweg und geht auf und zu, auf und zu. Kleine Mädchen in rosa Ballettoutfits, große Mädchen in lila Baggy-Pants, Frauen stepptanzend durch den Saal oder in Ponchos gehüllt.

Eine regenbogenfarbige Flut von Frauen und Kindern, Jungen und Mädchen durchströmt die Räume der Ballettschule Harlekin. Mit Leichtigkeit und Disziplin werden Schrittfolgen wiederholt. Man streckt und dehnt sich. Fleiß und harte Arbeit gepaart mit der Liebe zum Tanzen erwecken Sehnsüchte.

Der Traum einer jeden Tänzerin und eines jeden Tänzers ist es, dass alle Mühen belohnt und Sehnsüchte gestillt werden: Für die Tänzerinnen und Tänzer der Ballettschule Harlekin erfüllt sich dieser Traum am Samstag und Sonntag, 9. und 10. März, in der Alsdorfer Stadthalle. Sie führen das Stück „Eine ungewöhnliche Reise um die Welt“ aus der eigenen Feder von Heike Schrey und Uschi Vleek auf.

Zur ersten großen Generalprobe am Sonntag finden sich die knapp 320 Tänzerinnen und Tänzer ein. Zum ersten Mal werden die insgesamt 34 Einzeltänze zu einem großen Stück zusammengefügt. Alle sind gespannt und aufgeregt. „Seit Monaten proben die Mädels und Jungs ihre Stücke ein, und jetzt schauen sie wie alles zusammenpasst. Wir haben das Stück ja noch nie im Ganzen gesehen und sind sehr gespannt“, erklärt Uschi Vleek, eine der beiden Leiterinnen der Balletschule Harlekin und Autorin des Stückes.

Die tatkräftigen Unterstützerinnen, die Mitarbeiterinnen Laura Hoffmann und Sarah Siebertz proben bereits seit Monaten in den einzelnen Tanzgruppen ihre Tänze ein: vom Modern Jazz bis zum Spitzenballett, von der Tanzfrüherziehungsgruppe bis zur Stepptanztruppe ist alles dabei.

Die bunten und schillernden Kostüme bekommen ihren letzten Schliff. Haare werden gezubbelt und hochgesteckt. Man dehnt sich und streckt sich, und eine orangene Spitzentänzerin wirbelt durch den Saal. Und das alles auf engstem Raum. Heike Schrey, ebenfalls Leiterin der Ballettschule und Autorin des Stückes, betont den organisatorischen und logistischen Aufwand. Aber nicht nur die Generalproben in der Ballettschule, sondern auch die Aufführungen in der Alsdorfer Stadthalle sind eine Herausforderung.

Über 300 Tänzer und Tänzerinnen müssen „pünktlich“ auf der Bühne stehen. Der weite Weg von den Garderoben bis zur Bühne wird tatkräftig von freiwilligen Helferinnen begleitet, die liebevoll „Läuferinnen“ genannt werden. Aber nicht nur das gehört zu ihren Aufgaben: Auch beim Um- und Anziehen stehen sie bei, schminken, frisieren und halten den von Lampenfieber Betroffenen die aufgeregt-zitternden Hände. Kurzum: Sie helfen bei allem und jedem.

Mitten im Gewusel werden eine Leinwand drapiert, Ölfarben ausgepackt und ein Künstler in orangenem Overall macht sich ans Werk. Es ist mucksmäuschenstill. Alle Augenpaare sind auf ihn und sein Kunstwerk gerichtet: „Was zeichnet er da?“, „Ist das der Förderturm in Alsdorf?“ „Und wird das nun, ein Regenbogen?“, flüstert man sich in den Reihen zu.

Es ist der Künstler Zinober alias Stephan Kivel, einer der Hauptdarsteller des Stückes. Der freischaffende Theaterpädagoge, Schauspieler und Pantomime aus Düsseldorf ist in diesem Jahr erstmals dabei.

Der erste Akt hat begonnen. Die Generalprobe ist gestartet. Musik setzt ein. Leise, immer lauter werdend. Und da entspringt Zinober die erste Farbe aus der Leinwand, eine weitere folgt ihm. Sie tanzen durch den Raum, hüpfen frech davon. Mit einem hämischen Lächeln auf den Lippen verschwinden sie, in Pirouetten drehend in die weite Ferne. Nach und nach, eine Farbe nach der anderen machen sie sich auf und davon. Zinober, zunächst erstaunt, dann fordernd und kämpferisch, stellt traurig-wundernd fest, dass alles, was von seiner Kunst übrig ist, grau in grau und farblos ist.

Doch warum haben sie das getan? Und wo sind sie hin? Welche Sehnsucht treibt sie in die weite Welt? War es ihnen zu langweilig bei mir? In der Heimat, da wo sie hingehören? Der Förderturm in Alsdorf muss nun auf der Leinwand erstmal ohne Regenbogen auskommen. Zinober macht sich auf die Reise und läuft seinen Farben nach. Sie kommen nach New York über Hollywood, erleben Abenteuer in Südamerika, Afrika und Australien. Schafft es Zinober, seine Farben wieder mit nach Hause zu bringen und seinen Regenbogen zu vollenden?

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