Vom Teilezurichter zum Zugführer

Von: Beatrix Oprée
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Rundum betreut: Willi Dierlich
Rundum betreut: Willi Dierlich aus Baesweiler (Mitte) mit (v.l.) Beraterin Stefanie Heinrichs, Yes-Geschäftsführer Jörn Jesko sowie Mercedeh Christov und Marlies Jahnsen von Low-Tec. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Das Durchschnittsalter betrug 52 Jahre, drei Jahrzehnte Betriebszugehörigkeit waren die Regel, gerade einmal zehn Prozent der Klientel verfügte über eine aktuelle Ausbildung: Leicht war die Aufgabe nicht, die die Low-Tec GmbH in der Transfergesellschaft für die Ehemaligen der einstigen Schmetz-Tochter PME zu stemmen hatte.

258 Menschen waren im Zuge von Insolvenz und Unternehmens-Neuorientierung freigesetzt worden, 159 von ihnen begaben sich schließlich unter die Fittiche von 13 Beraterinnen und Beratern der Low-Tec Transfer. Orientierungsseminare markierten den ersten Schritt in neue berufliche Sphären, individuell zugeschnitten waren die folgenden Einzel- und Gruppencoachings. Vom Europäischen Sozialfonds geförderte Alphabetisierungs- beziehungsweise Deutschkurse für viele der Teilnehmer, zudem EDV-Fortbildungen, dazu Einführungen in moderne Produktionstechniken in Zusammenarbeit mit dem in Alsdorf ansässigen Berufsdienstleister „Aqus” gehörten dazu. Die alles dokumentierenden „Transfermappen” der einzelnen Teilnehmer waren zum Ende gut gefüllt.

Intensive Betreuung

Mit Stolz kann Projektleiterin Marlies Jahnsen bilanzieren, dass es nach der für die einzelnen Teilnehmer jeweils zehn Monate dauernden intensiven Betreuung - die letzten Maßnahmen sind jetzt ausgelaufen - nunmehr gelungen ist, immerhin 52 Menschen aus der Arbeitslosigkeit herauszuhalten. 42 ehemalige PMEler haben neue Jobs gefunden, neun haben die Zeit bis zur Rente überbrückt, und einer hat eine Umschulung begonnen.

Einer von denen, die optimistisch in die Zukunft gestartet sind, ist Willi Dierlich aus Baesweiler. Jahrzehnte war der 46-Jährige gelernte Teilezurichter bei PME beschäftigt, als Maschineneinsteller, wie er berichtet. Nur sieben Leute gab es von seiner Sorte in der Firma, die die althergebrachten mechanischen Maschinen voll im Griff hatten. Viel Feingefühl hatte er über die Jahre entwickelt, mit bloßem Auge konnte er eine Nadelgröße taxieren und bei Bedarf zurecht schleifen. Spezialnadeln sind eben ein „sehr komplexes Produkt” mit verschiedenen Spitzenformen, jeweils passend für die unterschiedlichen zu verarbeitenden Materialien: „Das Ergebnis muss sehr präzise und glatt sein.” 18 bis 20 Arbeitsgänge pro Nadel sind dazu notwendig.

Doch Willi Dierlichs großes Know-how auf diesem Sektor war nicht mehr gefragt, eine Neuausrichtung angesagt, die der zweifache Familienvater denn auch mit Elan angegangen ist. Mit Menschen zu tun zu haben und Verantwortung zu tragen, hatte er als seine Grundvoraussetzungen formuliert - im Vertrieb oder Außendienst vielleicht.

Stets an seiner Seite in den vergangenen Monaten: Transfer-Beraterin Stefanie Heinrichs. Die präsentierte ihm eine Ausschreibung der Bahn AG: „Kundenbetreuer im Nahverkehr gesucht”. Fünf Monate Ausbildung waren damit verbunden. Nach 30 Jahren nochmals die Schulbank zu drücken, war zunächst eine abenteuerliche Vorstellung für den gestandenen Facharbeiter. Schon das Auswahlverfahren in Köln hatte es in sich, mit psychologischen Reaktions- und Stresstests sowie diversen Klausuren. „Von 15 Mitarbeitern haben zwei bestanden”, erzählt Dierlich, „die meisten waren weitaus jünger als ich ?” Tägliche Fahrten zwecks Ausbildung nach Wuppertal folgten, auf eigene Fahrtkosten, was er gerne in Kauf nahm. Aber: „Es war schon eine harte Zeit, der Druck war groß”, zeigte er dennoch eisernen Willen. Halt und Beistand haben ihm die familiäre Eingebundenheit in die Transfergesellschaft und die Beraterin gegeben, die regelmäßig ein Feedback einholte. Dierlich: „Da wusste man, dass man es schaffen kann.”

Vielfältige neue Aufgaben

Sehr gute Prüfungsergebnisse waren der Lohn, zudem die Anfrage der Bahn bei der Low-Tec: „Können Sie uns nicht noch mehr Herr Dierlichs schicken?” Mit einem zunächst befristeten Vertrag hat der Baesweiler nun als Zugführer mit besonderen Befugnissen begonnen, trägt eine schicke Uniform, hat im Zug Hausrecht und ist für die unterschiedlichsten Dinge verantwortlich: das Rangieren und die Bremsvorbereitung („wenn ein Zug 24 Stunden steht, darf er ohne Bremsprobe nicht fahren”), die Kundenbetreuung im Zug, die Fahrkartenkontrolle (für die es eigens einen Memory-Test beim Auswahlverfahren gab) sowie die Kontrolle auf dem Bahnsteig, ob nicht etwa Fahrgäste oder Gepäck in der Tür eingeklemmt sind. Ist alles in Ordnung, erfolgt das, wovon wohl jeder kleine Junge einmal geträumt hat: der schrille Achtungpfiff mit der Trillerpfeife. Die ersten Testfahrten erfolgten zu aller Zufriedenheit. Auf Hartz IV kann Willi Dierlich also nun buchstäblich pfeifen.
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