Versorgung im Kindergarten: Kaum Zeit für das Wesentliche

Von: Elisa Zander
Letzte Aktualisierung:
Kinder unter zwei und drei Jah
Kinder unter zwei und drei Jahren benötigen eine besondere Pflege und Aufmerksamkeit: Die wollen ihnen die Erzieherinnen der Herzogenrather Kitas auch zuteil werden lassen. Foto: Elisa Zander

Herzogenrath. Scheppernd wird das Geschirr auf den Tischen verteilt. Das Besteck schnell daneben gelegt. Kinder laufen durch den Raum, spielen, rufen. Es ist laut. Eine Erzieherin bringt Schüsseln mit Kartoffeln und Gemüse. Die Kinder setzen sich an den Tisch, singen „Wir haben Hunger.”

Über 80 Kinder werden mittags in der Kita St. Mariä Heimsuchung verköstigt, in der Kita Helene Simon sind es sogar über 100. Dem pädagogischen Anspruch des gemeinsamen Essens in ruhiger und entspannter Atmosphäre können die Erzieherinnen immer schwerer nachkommen. „Es hat Mensa-Atmosphäre angenommen”, sagt Mariä-Heimsuchung-Leiterin Gabriele Johnen.

Mittlerweile gebe es immerhin eine Ergänzungskraft, die in der Küche das Essen aufteilt und nach dem Essen Töpfe und Schüsseln spült. „Das haben wir vorher alles selber gemacht.” Die Zeit für die Kinder war entsprechend knapp. Die Besserung der Situation ist in einigen Kitas aber bald schon wieder Vergangenheit, wie Sonja Stiebert von Kollegen anderer Kommunen berichtet. „Es fehlt das Geld.”

Und nicht nur das. Auch das qualifizierte Fachpersonal wird immer knapper. Lena Rongen, Leiterin des AWO-Familienzentrums Helene Simon, kann junge Leute „verstehen, dass sie unter den Bedingungen nicht den Erzieher-Beruf wählen. Die Gehälter sind absolut nicht üppig. Die Arbeit ist mehr und schwerer geworden. Und es gibt befristete Arbeitsverträge.”

Letzteres geht insbesondere auf das mit dem Kinderbildungsgesetz (Kibiz) eingeführte Stundenbudget zurück. Eltern können zwischen 25, 35 oder 45 Betreuungsstunden wählen, wobei letztere besonders beliebt sind. „Berufstätige können mit 25 Stunden nichts anfangen”, ist Johnens Erfahrung. Doch die 45-Stunden-Plätze können in einigen Kitas in Roda aufgrund fehlender finanzieller und räumlicher Optionen nicht aufgestockt werden.

Der Personalschlüssel ist an die Buchungsstunden gekoppelt: Im Kibiz sind bei einer wöchentlichen Betreuungszeit von 25 Stunden für 20 Kinder zwei Fachkräfte mit 55 Stunden vorgesehen. Bei 45 Stunden kommen auf 20 Kinder zwei Erzieher mit 99 Fachkraftstunden. Der wechselnde Bedarf wird jährlich vom Jugendamt abgefragt. Danach wird der Personalschlüssel berechnet.

Für Kinder unter drei Jahren gibt es die Einschränkung nicht. 45-Stunden können stets gebucht werden. „Aber das Kind wird älter, und wenn es dann drei Jahre wird, kann ich der Familie gegebenenfalls keinen 45-Stunden-Platz mehr anbieten”, erklärt Johnen.

Dem Bedarf an Plätzen für unter Zwei- und Dreijährige will man in Roda nachkommen. Bruno Barth, Vorsitzender des Ausschusses Bildung, Sport und Kultur, schätzt, „dass wir zum Kindergartenjahr 2013 den gesetzlichen Anspruch von 35 Prozent überschritten haben. Wir achten darauf, dass nicht nur die Quantität steigt, sondern die pädagogische Qualität der Einrichtungen erhalten bleibt.”

Dass „der Bedarf immer dann kommt, wenn das Angebot da ist”, ist die Erfahrung von Andreas Heine, städtischer Fachbereichsleiter Jugend und Bildung. Bei den U2-Plätzen ist es anders. Nahezu alle Kitas haben lange Wartelisten, müssen Kinder abweisen. In Gesprächen mit den Eltern versuchen die Leiterinnen herauszufinden, ob als Alternative auch eine Tagesmutter in Betracht käme.

„Doch viele Eltern haben ein negatives Bild von einer Tagesmutter”, berichtet Lena Rongen. „Wir versuchen dem entgegenzuwirken.” Schließlich seien die Tagesmütter und -väter gut ausgebildet, berichtet Andreas Heine während eines öffentlichen Forums zu Kindertagesstätten, zu dem die SPD-Herzogenrath in das AWO-Heim an der Ruifer Straße geladen hatte. Auflage sei es, auch anschließend jährlich Fortbildungen zu besuchen.

„Eine große Sorge von Eltern ist, dass sie nicht wissen, wo ihr Kind hin soll, wenn die Tagesmutter krank ist”, erzählt Birgit Blankenheim, Leiterin der Kita Roda-Kindertreff. Darum sei eine Kooperation von Kitas und Tagesmüttern wichtig. Die vielen Fragen, die Eltern diesbezüglich haben, würden sie oft nicht stellen, ist die Erfahrung von den Leiterinnen.

Darin spiegelt sich auch ihre Angst wider, etwas falsch zu machen, Eltern denken, dass ihr Kind ohne gute Ausbildung in der Gesellschaft nicht existieren kann. Rongen: „Da setzen sie schon nach der Geburt an und versuchen dem Kind möglichst viel mitzugeben.”

Die Erzieherinnen geraten unterdessen immer weiter unter Druck, das Arbeitspensum steigt. Auch im Hinblick auf „die Bürokratisierung”, sagt Gabriele Johnen. Die Bearbeitung von Zuschuss-Anträge von Hartz IV-Empfängern etwa, oder das Führen von Listen über beispielsweise die stete Desinfizierung der Auflage der Wickelkommode. „Das frisst unheimlich viel Zeit.”

Zeit, die die Erzieherinnen lieber mit pädagogisch sinnvollen Aktivitäten verbringen würden. Etwa mit einem entspannten Mittagessen in schöner Atmosphäre.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert