Alsdorf - „Verhüten ist wichtiger als Bruchrechnen”

„Verhüten ist wichtiger als Bruchrechnen”

Von: Stefan Schaum
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Wer gehört zu meiner Familie?
Wer gehört zu meiner Familie? Mit Spielfiguren stellen die Jugendlichen der Alsdorfer Elisabethschule ihr Umfeld dar. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Herbert Heinrichs hat schon viel erlebt. Von einer jungen Mutter kann der Leiter des Alsdorfer Jugendamtes erzählen, die den Po ihres Neugeborenen mit Backofenspray zu reinigen pflegte. Oder von Fällen, in denen schreiende Kinder von ihren Eltern derart heftig durchgeschüttelt wurden, dass sie bleibende Schäden davontrugen.

Böse Absichten seien dabei selten im Spiel. Viel eher sei es Überforderung mit einer Aufgabe, die häufig viel zu früh im Leben beginne. Jugendlichen zu zeigen, was eine frühe Schwangerschaft alles mit sich bringt, ist Ziel einer Kooperation des Jugendamtes und der Elisabeth-Förderschule.

Sechs weitere Schulen in sechs Kommunen beteiligen sich an dem städteregionalen Projekt, das einen langen Titel hat: „Vor dem Anfang starten - Junge Menschen entwickeln Erziehungskompetenz.” In Alsdorf ist der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Träger des auf zwei Jahre befristeten Angebots. So lange wird Sozialarbeiterin Lisa Trümper-Loogen die Neunt- und Zehntklässler der Elisabethschule besuchen. Da sitzen dann 14-, 15-jährige Mädchen vor ihr, die teils schon recht laut über das Mutterwerden nachdenken.

„Es findet eine deutliche Verschiebung statt, die mit zunehmender beruflicher Perspektivlosigkeit zu tun hat. Die Jugendlichen sagen sich: ?Wenn ich sowieso keinen Job bekomme, kann ich auch gleich Mutter werden!” Das ist der eine Impuls. Der andere ist die Kompensation fehlender Geborgenheit in der Familie. Nach dem Motto: Ich bekomme ein eigenes Kind - dann werde ich wenigstens geliebt!

Dass das so einfach nicht ist, will Lisa Trümper-Loogen den Teenagern nun nahebringen. Dazu hantieren die im Ethikunterricht, in den das Projekt eingebettet ist, zunächst mal mit Spielfiguren. „Ich bitte die Schüler, mit den Figuren ihre eigene Familie darzustellen.” Nicht selten stehen zum Schluss viele Püppchen auf dem Tisch. Oft in Grüppchen. Mama mit ihrem neuem Mann und ein paar Kindern, Papa mit seiner Freundin und weiteren Geschwistern. Dabei geht es vor allem um Transparenz. „In diesem Alter reflektieren Jugendliche noch gar nicht so sehr die eigenen Verhältnisse.” Der Anblick der Figuren diene dazu, ihnen zu zeigen, wie kompliziert heute manche Familienstruktur geworden ist.

Um Abschreckung geht es dabei nicht, wie Schulleiterin Astrid Petry unterstreicht. „Wir wollen den Schülerinnen ja nicht sagen: ?Werdet bloß nie schwanger!” Doch gehe es darum zu zeigen, dass der Zeitpunkt der richtige sein sollte, dass es sich zu warten lohnt.

Viele Fragen sollen sich die Schüler im Lauf des Projekts stellen. Wer bin ich eigentlich? Wo komme ich her, wo will ich hin? Wäre ich schon bereit, wirklich für ein Kind zu sorgen? Zum Ende des Projekts hin sollen die Jugendlichen auch mal ein Wochenende mit elektronischen Babypuppen verbringen, die alle Bedürfnisse von Neugeborenen simulieren. Die schreien und ins Bettchen machen.

Mittlerweile, nach ein paar Wochen im Projekt, sagen sich die Schüler schon untereinander: „Ey, willst Du wirklich jede Nacht aufstehen? Das ist ja wohl voll der Stress!” Das Thema wird diskutiert, das ist ein Anfang. Lehrerin Verena Jansen weiß, wie bedeutsam solche Unterrichtseinheiten sein können. Sie meint es nicht lustig, wenn sie sagt: „Verhütung ist oft ein wichtigeres Thema als Bruchrechnen.” Doch nicht nur um Schwangerschaft geht es in dem Projekt.

Ganz allgemein soll der sozial-emotionale Bereich der Schüler gestärkt werden, wie es in der Beschreibung heißt. Auch Jobsuche und der Umgang mit Geld sind im Blick. Alles, was zu einem Leben mit Kind gehört. Bildung sei letztlich immer der Schlüssel, sagt Astrid Petry, die sich sehr wünscht, dass die Inhalte des Projektes einmal ganz regulär zum Curriculum der Schulen gehören. „Das passt prima in unseren Stundenplan hinein.”
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