Um 7.29 Uhr läuten alle Glocken der Stadt

Von: Lars Odenkirchen
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Stumme Zeugen: An den zahlreichen Grabensteinen vorbei zog der lange Zug der Trauernden, die die Erinnerung an die Katastrophe wach halten wollen. Foto: Lars Odenkirchen

Alsdorf. Die Dunkelheit liegt noch über dem Kellersberger Friedhof, als sich der Gedenkzug langsam in Bewegung setzt. Es ist früher Morgen, kurz vor halb acht, und das Thermometer ist kaum über die Vier-Grad-Marke geklettert.

Dennoch haben sich rund 50 Alsdorferinnen und Alsdorfer eingefunden, um an das schreckliche Grubenunglück vor 80 Jahren zu erinnern. Nur die Lampen der Männer in Knappenuniform erleuchten die Umgebung, als der Zug am Gedenkkreuz anhält.

Im Halbkreis versammeln sich die Menschen um das steinerne Mal, kein Wort, kein Räuspern, kein Geräusch durchdringt die Stille. Dann ist es 7.29 Uhr - der Moment, in dem vor 80 Jahren eine noch in den Nachbarstädten zu hörende Explosion das morgendliche Leben schmerzvoll durchbrach und den Alltag der Menschen damals für immer veränderte.

Jetzt sind es die Kirchenglocken, die ertönen, erst in der Ferne, dann nach und nach in der ganzen Stadt. Auch in Kellersberg, wo sich die Menschen auf Einladung der beiden IGBCE-Ortsgruppen, der SPD und des Bürgervereins versammelt haben. Es ist ein emotionaler Moment, in dem man noch einmal ein wenig davon erspüren kann, was sich damals ereignete. Ein Stück Trauer, ein Stück Verzweiflung, vielleicht auch ein Stück Wut.

Viele der Gesichter, die man an diesem frühen Morgen am Kellersberger Friedhof erblickt hat, sieht man nur wenige Stunden später bei der zentralen Trauerfeier auf dem Nordfriedhof wieder. Hier liegen die meisten der 271 Opfer begraben. Wie groß die Anteilnahme der Alsdorfer noch immer ist, lässt sich schon vor dem Betreten der Ruhestätte erahnen.

Der Parkplatz ist völlig überfüllt, mehrere Hundert Meter weit stehen die Autos der Gäste geparkt, die an dem Festakt der Stadt Alsdorf und des Bergbaumuseumsvereins Grube Anna teilnehmen möchten.

In der Heimat berichten

Die Totenhalle kann nicht alle Besucher aufnehmen, den Worten von Pfarrer Ulrich Eichenberg, Pastoralreferentin Bärbel Schumacher und Gemeindereferentin Brigitta Schelthoff können viele Trauernde nur von außerhalb folgen. „Kaum eine Familie gab es damals, die das Unglück nicht in irgendeiner Form betroffen hat”, legt der Pfarrer dar. „Das Grubenunglück ist seitdem untrennbar mit der Geschichte dieser Stadt verbunden, und gerade weil immer weniger Menschen noch leben, die es selbst erlebt haben, ist es wichtig, dass es auch von den anderen Menschen in Erinnerung behalten wird”, stellt er fest.

Dazu will auch Edeward Joosten beitragen, der mit drei Kumpeln aus der Partnerstadt Brunssum gekommen ist. „Ich bin beeindruckt, wie der Toten dieses Unglücks gedacht wird”, stellt der Niederländer fest. Er habe nicht gewusst, dass so viele Kumpel bei der Schlagwetterexplosion ihr Leben lassen mussten. In seiner Heimat will er nun davon erzählen.

Chile, China, Indien...

Schließlich setzt sich auch am Nordfriedhof der Trauerzug in Bewegung. „300 bis 400 Menschen”, schätzt der Erste Beigeordnete Ralf Kahlen, nehmen daran teil. Von dieser Resonanz ist er „überrascht und beeindruckt.” Der Zug schreitet durch die Gräberreihen auf das Denkmal zu, wo die Kränze niedergelegt werden. Jeder Stein ein verlorenes Menschenleben - auf diesem Weg wird einem das Ausmaß der Katastrophe noch einmal bewusst.

Immer wieder wird aber auch auf das Unglück in Chile Bezug genommen, ebenso auf die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter in China oder Indien. „Die Kameradschaft und Gemeinschaft ist bei den Menschen hier tief verwurzelt”, hält die Landtagsabgeordnete Eva-Maria Voigt-Küppers nach der „würdigen und schönen Gedenkfeier” fest. Ein Wert, den man wohl dem Bergbau zu verdanken hat.

Zugleich macht der Tag bei aller Erinnerung an Tradition und schöne Zeiten aber auch eines wieder bewusst: Bergmann sein, das war eine Arbeit, die einen jeden Tag das Leben kosten konnte.
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