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Uhrmachermeister taucht in TV-Welt ein

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Von wegen „eingeschränktes Sichtfeld“: Uhrmachermeister Ulrich Kriescher aus Würselen wird bald im Fernsehen zu sehen sein. Foto: V. Müller

Würselen. Der Prototyp des eigenbrötlerischen Uhrmachers ist Ulrich Kriescher gewiss nicht, das weiß er selbst. „Uhrmacher haben ein eingeschränktes Sichtfeld“, meint er, durch den Blick durch die Lupe, aber auch im übertragenen Sinne.

Kriescher ist eher ein Mensch, dem es nicht an Selbstbewusstsein fehlt, einer, der weiß, dass er gut über sein Thema, Uhren, räsonieren kann – und der auch eine einmalige Chance erkennt, für sich und sein Würselener Familienunternehmen Werbung zu machen. Da muss man nicht groß drum herumreden. Aber er ist niemand, der sich penetrant in den Vordergrund drängt.

Jedenfalls wird Ulrich Kriescher ab dem 27. März sonntags ab 13.20 Uhr in zunächst fünf Pilotfolgen des ZDF-Formats „kaputt und ... zugenäht“ neben einem Antiquitätenhändler für bildende Kunst, einem für angewandte Kunst, einer Holzrestauratorin sowie einem Puppen- und Spielzeugrestaurator als Experte zu sehen sein. Wie es dazu kam?

Viele Uhrmachermeister gibt es nicht mehr, so unwahrscheinlich war es also nicht, dass das ZDF bei der Suche nach Experten für seine neue Sendung auf den 42-Jährigen stoßen würde. Ein paar Telefon-Castings, Probe-Video, persönliche Vorstellung, dann war klar: Kriescher ist fernsehtauglich.

Auch vorher hat er schon über seine Werkbank, die seit 1929 besteht und sich inzwischen in dritter Generation in Familienhand befindet, geschaut: Als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Uhrmacherhandwerk. Bei Gerichtsverfahren wird er hinzugezogen, wenn geklärt werden muss, wie ein bestimmter Schaden an einer Uhr entstanden sein kann oder ob das Stehenbleiben der Uhr mit dem Todeszeitpunkt eines Mordopfers übereinstimmt.

Ehrenamtlich fürs Museum

Außerdem repariert Kriescher ehrenamtlich für das Aachener Couven-Museum Uhren, „so, wie ich gerade Luft habe“, sagt er. Denn auch wenn er das Unternehmen noch gemeinsam mit seinem Vater Hermann-Josef Kriescher und acht Angestellten betreibt, hat er einen Vollzeitjob. Werkbank, Büro, Kundenberatung. Die fünf Pilotfolgen sind innerhalb einer Woche en bloc in der Solinger Halle einer alten Messerschleiferei gedreht worden. „Das war schon anstrengend“, sagt Kriescher. Zum Teil 14 Stunden am Tag, immer wieder Unterbrechungen, weil irgendetwas mit der Technik nicht stimmte oder etwas fehlte. Normalfall für neue Produktionen. „Der letzte Tag verging dann wie im Flug“, so Kriescher weiter.

Bei einer alten Tischuhr aus Holz war sein Sachverstand gefragt – gemeinsam mit dem der Holzrestauratorin – , bei einer rund 200 Jahre alten Uhr, mit niederländischer Zifferblattmalerei und englischem Uhrwerk und bei einer Personenwaage. Ja, einer Personenwaage. „Im Grunde ist das ja Mechanikerhandwerk, was ich betreibe, deshalb war ich technisch gesehen noch am nächsten an dem Objekt dran“, so Kriescher.

Nichts sei in der Sendung gestellt, „echte“ Menschen brächten ihre (teils vermeintlichen) Kostbarkeiten, um sie von den Experten taxieren und reparieren zu lassen. „Wir machen einen Kostenvoranschlag und die Leute können entweder darauf eingehen oder nicht.“ Einem Mann mit einer Schatztruhe war der Preis zu hoch, aber ihm konnte mit einem Tipp geholfen werden, wie er die rostigen Beschläge selbst behandeln kann. So sieht die Sendung aus, so ähnlich wie „Kunst und Krempel“ des Bayerischen Rundfunks, aber mit einem ganzheitlicheren Ansatz samt Reparaturoption.

Sollte sich die neue Sendung bewähren, will Kriescher gerne dabeibleiben. „Das war schon toll!“, sagt er. Dass in Blöcken gedreht werden würde, hat für ihn Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite wird er nicht immer wieder tagesweise aus seinem Beruf gerissen, auf der anderen Seite bleibt in den Drehphasen wenig Zeit für sein Hobby, das Apnoe-Tauchen. Mit Yoga- und Atemübungen am Morgen hat er das beim letzten Dreh überbrückt.

Seit 35 Jahren ist Kriescher auch Wettkampfschwimmer, zeitweise war er Mitglied der Bundesligamannschaft. Der Ruf, den Leistungsschwimmer haben – überbordendes Selbstbewusstsein bis hin zum Größenwahn –, ist Kriescher bekannt. Er lacht. „Ich habe nicht den Drang, immer in der ersten Reihe zu sein“, sagt er. Mitmischen ja, aber nicht an vorderster Front. Irgendwo zwischen dem Klischee des verschrobenen Uhrmachermeisters und dem des exzentrischen Leistungsschwimmers eben.

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