Tritt gegen Kopf von unsäglicher Brutalität

Von: Beatrix Oprée
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Am helllichten Tag: An dieser Stelle kam es zu der folgenschweren Auseinandersetzung. Die beiden Opfer sind bis heute in Behandlung. Foto: Oprée

Herzogenrath. „Man kann von Glück sprechen, dass hier nicht mehr passiert ist“, Richter Christoph Gast sprach dem Angeklagten A. bei der Urteilsverkündung unmissverständlich ins Gewissen. Der „unsägliche Tritt“ gegen den Kopf eines wehrlos am Boden liegenden Opfers, mahnte der Richter, hätte auch als versuchter Totschlag gewertet werden können.

Diese  als besonders brutal eingestufte Tat war es letztlich, die das Schöffengericht im Urteil gegen den 33-Jährigen bewegte, der Nebenklage zu folgen und die geforderte Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten nicht zur Bewährung auszusetzen  – wie es Verteidigung und Staatsanwältin beantragt hatten. Die Mitangeklagte J. erhält eine Strafe von zehn Monaten, für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Als besonderer „Denkzettel“ werden ihr zudem 150 Sozialstunden auferlegt.

Gestern beendet wurde der Prozess im Fall der beiden türkischstämmigen Frauen, die am 23. August vergangenen Jahres am Parkplatz vor dem Schulzentrum von einem aus Alsdorf stammenden polizeibekannten Pärchen zusammengeschlagen worden waren. Aus „nichtigem Anlass“, wie der Richter resümierend konstatiert: im Streit um eine Sitzbank.

Die 25-jährige Angeklagte J. ist eine zierliche Person mit langen aschblonden Haaren. An beiden Verhandlungstagen trägt sie einen Alemannia-Schal um den Hals. Den Angeklagten A. bezeichnet sie als ihren Verlobten. „Hochzeit? In Zukunft geplant“, antwortet sie mit leiser Stimme auf die Frage des Richters.
A., blass mit dunklen Ringen unter den Augen, behält sich vor, zum Tathergang zu schweigen. Ebenso sein Vater, der als Zeuge geladen ist. „Alles, was Sie hier sagen, kann gegen Sie verwendet werden“, hat der Richter ihn genauso wie die anderen Zeugen zuvor belehrt.
A. hat mit 17 Jahren die Hauptschule nach der 7. Klasse verlassen, mit den Lehrern habe er sich nicht verstanden. Es folgen Berufsschule und VHS-Kurse, ein Job über zweieinhalb Jahre, Arbeitslosigkeit, weitere Jobs und schließlich Hartz IV. Seine finanzielle Situation beschreibt er als „ganz gut“, Schulden habe er kaum, 1000 oder 2000 Euro vielleicht. Drogen nehme er „nicht mehr“.

J. hingegen hat den Überblick über ihre Schulden verloren, wie sie angibt. Aufs Heilig-Geist-Gymnasium ist sie mal gegangen, dann zur Gesamtschule, nach der 9. Klasse ohne Abschluss abgegangen. Aushilfsjobs und Hartz IV kamen danach, ein Nebenjob über die Arge ist in Aussicht, „Möbel aufhübschen“ in einem Sozialkaufhaus. Drogen? „Schon ewig nicht mehr!“

Am Nachmittag des 23. August hatten die beiden nach eigenen Angaben auf besagter Bank darauf gewartet, von A.‘s Vater abgeholt zu werden. Um einen Bekannten zu begrüßen, seien sie aufgestanden. Genau zu diesem Zeitpunkt erreichten Aicha K. und ihre Schwester Selma S. den Parkplatz. Vom Krankenhaus kommend, in dem der schwer kranke Ehemann K. lag, wollten sie sich Kummer von der Seele reden. Sie steuern auf die just leer gewordene Bank zu. Das missfällt der Angeklagten: „Jetzt setzen sich die Scheißtürken auf unsere Bank“, habe sie zu A. gesagt. Diese und weitere ausländerfeindliche Anwürfe gesteht sie auch ein, „ich lasse schon mal meine Sprüche los“. Rede und Gegenrede folgen, bis A. dazwischenfährt: „Haltet Eure Fotzen.“ Die von Zeugen als die Aggressivere beschriebene J. zerrt Aicha am Kopftuch, es kommt zum Handgemenge im Zuge dessen Aicha J. in den Finger beißt. Selma möchte ihrer Schwester zu Hilfe kommen und wird zweimal durch gezielte Schläge von A. niedergestreckt. Zwischenzeitlich erreichen A.‘s Vater und eine Bekannte den Tatort. Letztere ist als Zeugin geladen und sagt aus, eine umhergeschwungene Handtasche gesehen zu haben – und dann „nur Hände fliegen“. Den abschließenden Fußtritt von A. gegen den Kopf der am Boden liegenden Aicha will sie nicht bemerkt haben – was ihr eine Rüge der Staatsanwältin einbringt, die sie an die Belehrung des Gerichts erinnert, tunlichst die Wahrheit zu sagen: „Ihre Aussage passt zeitlich nicht zusammen!“ Denn besagter Handtaschenschwung gehörte laut J. ganz an den Anfang der tätlichen Auseinandersetzung.

Weitere Zeugen – ein Spaziergänger und zwei Fußballspieler, die auf dem angrenzenden Sportplatz Geschrei und ausländerfeindliche Sprüche gehört haben – sagen aus, dass eine Person, die sich als A.‘s Vater herausstellte, gerufen habe „Wir müssen weg!“ A. habe daraufhin nochmals ausgeholt und der auf dem Rasen liegenden Aicha den massiven Fußtritt gegen den Kopf verpasst. „Volle Kanone“, „So etwas habe ich noch nie gesehen, außer beim Fußball“, „Das wird mir ewig im Kopf bleiben“, sind die  drei jungen Männer  immer noch geschockt. Ihre übereinstimmenden Aussagen sind es, die Staatsanwaltschaft und Gericht letztlich überzeugen. In seiner Urteilsbegründung lobt der Vorsitzende Richter mit Blick auf die schwierige Urteilsfindung ausdrücklich das Verhalten dieser drei Beobachter des Geschehens: „Zum Glück gab es weitere Zeugen, die die Tat gesehen und auch gemeldet haben. Ihnen ist zu danken, dass sie ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachgekommen sind.“ Zu Recht habe das Verfahren Wirbel gemacht, sagt Richter Christoph Gast überdies. Er stellt fest, dass es sich hier weniger um eine grundsätzlich ausländerfeindliche als um eine menschenverachtende Tat gehandelt habe. Gegen die Urteile ist Berufung möglich.


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