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„Theaterbüro“: Der Tod ist erst der Anfang

Von: Yannick Longerich
Letzte Aktualisierung:
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Schlichte Kulissen begleiten den Blick ins Unvorstellbare: Drei auf ewig verdammte Seelen zusammengepfercht in der Hölle, jeder ein Folterknecht der jeweils anderen. Sven Bünemann, Aylin Duman und Simone Severin inszenierten Jeans-Paul Satres „Geschlossene Gesellschaft“ in einer fesselnden wie beklemmende Art und Weise.

Herzogenrath. Es wartete eine Schwebe zwischen Realität und Jenseits, eine Erfahrung fern der menschlichen Vorstellungskraft. Was ist nach dem Tod, was ist die Hölle? Die Mitglieder des „Theaterbüros“, Sven Bünemann, Aylin Duman und Simone Severin, wagten sich bei der Bühnenpremiere des Ensembles im Merksteiner Bürgerhof an die vielleicht größte Frage des menschlichen Seins.

Die mit eigener Interpretation gespickte Inszenierung der „Geschlossenen Gesellschaft“ von Jeans-Paul Satre überzeugte mit subtil vermittelter Vorstellung sowie Vernichtung von Moral und der Verantwortung am jüngsten Tag. Schuld und Sühne – so ganz anders als gepredigt und doch viel grausamer. Kompakt ist die Rahmenhandlung: Drei verblichene Seelen verharren ohne Aussicht auf Entkommen im Jenseits.

Eingekerkert in einen Raum, der ihre Bleibe von nun an auf ewig begrenzen wird, erkennen die Sünder schnell, dass sie nichts außer der gemeinsamen Strafe verbindet. Die Charaktere verstricken sich in einen unendlichen Teufelskreis aus Antipathie, Reflexion der eigenen, unverzeihlichen Schuld sowie ewigem Selbstbetrug. Die Hölle zeigt sich als ein neutraler, vollkommen biederer Ort, der einem jeden seine Schicksalsgenossen als Inkarnation des Leibhaftigen vorstellt. Bünemann als schroffer, gefühlskalter Chauvinist Joseph Garcin, Aylin Duman als nach außen hin bildhübsch und unschuldig wirkendes, aber innerlich verdorbenes Mädchen Estelle Rigault und Simone Severin als von Macht besessene, egomanische Dame Inès Serrano begegneten dem Publikum abwechselnd als Antagonisten und erzeugten mit ihrer Darstellung der uneinsichtigen Sünder ein bizarres wie schockierendes Bild von menschlicher Schuldinterpretation.

Die Unendlichkeit vor Augen, erkennen die drei, dass sie selbst nur Folterknechte der jeweils anderen sind. Abseits der Unterwelt unterscheidet Duman, Severin und Bünemann lediglich der jeweilige Geburtsjahrgang, Duman ist mit 19 Jahren das „Küken“ in der Runde. Begonnen hatte alles, als sich die drei auf der Aachener Schauspielschule kennenlernten und in identischer Formation einen Auszug des Stückes zu Lernzwecken einstudierten. „Die Thematik war für uns alle von der ersten Sekunde an unheimlich fesselnd. Wir haben das Interesse am Stück niemals verloren und nach Gründung der Gruppe wollten wir sofort wieder einsteigen“, erzählte Dulan. Satre sollte zeitlos interpretiert werden, so dass am Ende fast zehn Seiten Text aus dem Original gestrichen oder angepasst wurden.

Ein schlichtes Bühnenbild einer ewig „konservierenden“ Umgebung aus Folie erzeugte die gewollt beklemmende Grundstimmung. Elena Kristin Boecken lieferte bei ihrer Regie-Premiere ein auf die Irrationalität des menschlichen Gewissens fein abgestimmtes Werk ab. Die gebürtige Kölnerin wurde seit 2013 an der Theaterakademie Köln (TAK) ausgebildet und stieß durch reinen Zufall auf das „Theaterbüro“: „Der Kontakt kam über den damaligen Hauptregisseur einer größeren Produktion zustande, der ich als Regieassistentin beiwohnte. Ich kam mit Sven, Aylin und Simone ins Gespräch, wo es sofort das berühmte Kribbeln gab. Von da an gehörte ich zum Team.“ Das „Theaterbüro“ selbst hat in seiner derzeitigen Konstellation bereits kommende Projekte fest vor Augen. „Wir möchten sehr viel ausprobieren, mit unterschiedlichen Regisseuren zusammenarbeiten und mit dem ein oder anderen Gast-Schauspieler spielen“, erläuterte Severin.

Bünemann fügte hinzu: „Wir haben besonderes Interesse an klassischen Stücken, wobei wir weiter versuchen werden, die Botschaften zeitlos für eine moderne Gesellschaft zu verpacken. Man darf gespannt sein, was das Trio in seiner Merksteiner „Büroetage“ – der improvisierte Probenraum tat das seinige zur Namensgebung – nach seinem überzeugenden Erstwerk noch alles auf die Beine stellen wird. Wie kam es zum Wechsel von der Bühne auf den Regiestuhl? Boecken: Von Beginn meiner Ausbildung an habe ich in diversen Funktionen an Theaterproduktionen mitgewirkt. Während meiner ersten Erfahrungen als Regieassistentin unter Stefan Krause habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das macht.

Als Autorin habe ich zudem das Stück Pandaemonium geschrieben, das noch dieses Jahr uraufgeführt wird. Kommt es zu weiterer Zusammenarbeit mit dem Theaterbüro? Boecken: Genauso wie Aylin, Simone und Sven möchte ich natürlich viele Erfahrungen sammeln und mit vielen unterschiedlichen Künstlern zusammenarbeiten. Wir halten Kontakt und werden sicher noch einige Male zusammenarbeiten. Ein düsteres Thema zur Regie-Premiere – was kommt als nächstes? Boecken: Ich kannte das Stück schon grob, als ich die drei kennenlernen durfte. Da sie Auszüge bereits während der Ausbildung gespielt hatten, war schnell klar, dass wir dieses Werk interpretieren werden. Natürlich werde ich mich auch mit anderen Themen und Genres befassen, Erfahrungen möchte ich auch hier sammeln.
 

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