Theateraufführung der Realschule Kohlscheid: Mobbing und Zivilcourage

Von: Elisa Zander
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Was wäre, wenn...? Hier ist es nur eine Theaterszene, aber Angriffe auf vermeintlich Schwächere sind mittlerweile zum Alltag geworden. Viel zu oft jedoch wird weggeschaut ... Foto: Elisa Zander

Herzogenrath. Plötzlich wird die Werbung in der Zeitschrift extrem interessant. Die Frau an der Bushaltestelle vertieft sich augenscheinlich immer mehr in das Blatt. Der Mann neben ihr versinkt in den Tiefen seines Mobiltelefons. Vor ihren Augen wird gerade ein Halbwüchsiger von zwei aggressiven Jugendlichen angegriffen.

Einschreiten? Helfen? Warum denn? Da findet sich bestimmt jemand anderes? Diese Gedanken hängen förmlich in der Luft. Das Theaterstück „Betti tut was”, das von Jugendlichen der Realschule Kohlscheid und dem Berufskolleg Stolberg aufgeführt wird, stellt jedem Zuschauer die Frage: „Was würdest du tun?” Nach der Vorlage von Bettina Begner, einer Schülerin des Würselener Gymnasiums, haben die Realschüler im Rahmen der Projektwoche das Stück adaptiert und im Jugendtreff Kohlscheid geprobt.

Unterstützt von Lehrerin Karin Jager und Christian Stankewitz vom Team Jugend der Stadt Herzogenrath zeigen die Jugendlichen, mit welchen einfachen Mitteln Zeugen zu Helfern und Opfer vor weiterem bewahrt werden können. „Viele haben zu viel Angst und schützen sich lieber selber”, rappt Alexander Majewski in einem selbst getexteten und komponierten Lied.

Schulalltag als Horrorshow

Für das Team Jugend der Stadt war die Aufführung Anlass, das Thema Mobbing und Zivilcourage aufzugreifen. Auf Einladung war Sylvia Hamacher gekommen, eine heute 19-Jährige aus Recklinghausen, die ihre Erfahrungen als Mobbing-Opfer in einem Buch „Tatort Schule” niedergeschrieben hat.

Definitiv zu wenig Menschen hatten das Angebot aus Theater und Lesung angenommen. Die aktuelle Thematik, die insbesondere an Schulen immer wieder aufkommt, hätte mit größerer Aufmerksamkeit behandelt werden müssen.

Die Einblicke, die Sylvia Hamacher gibt, sind aufschlussreich und erschreckend. Sie war gerade 14 Jahre alt, als nach einer Geburtstagsparty, zu der sie nicht, wie der Gruppenzwang es verlangt hätte, alle 14 Mädchen der Klasse eingeladen hatte, sondern nur einen Teil, ihr „Schulalltag zur Horrorvorstellung” wurde. Freunde wenden sich von ihr ab, lassen sie auf dem Schulhof stehen, niemand redet mit ihr, auch auf Fragen im Unterricht bekommt sie keine Antwort. „Es war, als ob ich nicht existieren würde”, erinnert sich die hübsche junge Frau. Mit der Zeit gewöhnte Sylvia Hamacher sich an die systematische Ausgrenzung. Als die Mitschüler merkten, dass es bei ihr keine Reaktion mehr auslöste, fingen sie an, über die Schülerin herzuziehen, lästerten vor ihr, schubsten sie die Treppe hinunter. Gespräche mit dem Rektor, dem Klassenlehrer und dem Klassenverbund brachten keine Besserung, im Gegenteil: Gerüchte wurden gestreut, Hausaufgaben zerrissen, Eigentum aus dem Fenster geworfen, ihre jüngeren Geschwister ebenfalls angegangen. Am Ende erfuhr sie sogar Gewalt.

Über eineinhalb Jahre verschlimmerte sich die Situation stetig. Ein Schulwechsel kam für Sylvia Hamacher nicht in Frage, „den Kampf wollte ich nicht aufgeben”.

Viel Halt gaben ihr die Eltern, doch der Zerfall ihrer eigenen Person wird deutlicher. Sylvia Hamacher zweifelt durch das Mobbing zunehmend an ihrer eigenen Person bis sie an den Punkt kommt, wo sie ihnen Recht zu geben vermag. Die fehlende Zivilcourage von Mitschülern oder Lehrern hat dies unterstützt. Die Aufforderung, die Alexander Majewski in seinem Lied zum Ausdruck bringt, hängt wieder in der Luft: „Zeig Zivilcourage!” Der neue Blickwinkel hat zumindest den Teilnehmern ein Stück weit die Augen geöffnet.
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