Tagesgruppe „Wilde 13“ bringt Kids zur Ruhe

Von: Verena Müller
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In der „Wilden 13“: Max (8) erkundet das Innenleben eines alten Telefons und eines Routers, während Patrick (11) mit Laura Marin Garcia Hausaufgaben macht. Die Tagesgruppe ist eine Chance. Foto: Verena Müller

Alsdorf. Bei dem Satz „Ich hab heute keine Hausaufgaben“, werden Rolf Sylvester und seine beiden Kolleginnen normalerweise hellhörig. Stimmt das? Aber diesmal hat Max (8) recht, und er darf sich daranmachen, ein altes schnurloses Telefon und einen Router auseinanderzunehmen, während sich Patrick (11) gemeinsam mit Betreuerin Laura Marin Garcia über deutsche Grammatik beugt.

Max sagt, dass er gerne in der „Wilden 13“ ist, „weil man hier schöne Sachen machen kann“. Viel Zeit wird er dafür aber heute nicht haben, denn einmal die Woche suchen die Pädagogen der „Wilden 13“ die Familien auf, aus denen die Kinder stammen, die sich nachmittags in der Obhut der Tagesgruppe befinden.

Elternarbeit steht dann an, was manchmal genauso intensiv und anstrengend sein kann wie die Arbeit mit den Kindern selbst. Denn was sich hinter dem recht harmlosen Begriff „Tagesgruppe“ verbirgt, ist nichts weniger als die vielleicht letzte Chance, bevor Kinder von ihren leiblichen Eltern getrennt werden müssen. Positiv formuliert: eine Hilfe für Familien, in denen sich Eltern mit einem oder mehreren Kindern überfordert fühlen und wo Kinder in der Regel auch in der Schule verhaltensauffällig geworden sind.

In der „Wilden 13“ ist für maximal sechs Kinder Platz, derzeit steht eine Erweiterung auf sieben an. Sieben ist derzeit das jüngste, zwölf das älteste. Ab der Pubertät wird es eh schwierig, da ist die Tagesgruppe nicht mehr der richtige Rahmen für eine Betreuung.

Jeder Tag hat seinen festen Rhythmus. Fahrer Willi Steinbusch holt die Kinder an der Schule ab, dann gemeinsames Kochen und Mittagessen, anschließend zwischen 14 und 15 Uhr Hausaufgaben. Ein enger Austausch mit den Lehrern verhilft zur Gewissheit, ob und welche Hausaufgaben anstehen. Wer keine zu erledigen hat, bleibt trotzdem eine Stunde an seinem Schreibtisch, in einer reizarmen Umgebung, malt zum Beispiel. Das ist für viele Kinder schon eine Herausforderung. „Ein Kind hat für sich das Ziel formuliert, sich zwanzig Minuten am Tag zu konzentrieren“, erzählt Teamleiter Rolf Sylvester beim Besuch. Danach können die Kinder im Bewegungsraum kicken oder sich in den Ruheraum auf ein riesiges Sitzkissen zurückziehen.

An einem Tag die Woche wird kreativ gearbeitet, an einem anderen geht es beispielsweise an die frische Luft. Bald, ab dem Frühjahr, sogar in den eigenen Schrebergarten. Der befindet sich in der Schrebergartenkolonie gleich um die Ecke, ein paar Gehminuten von der Eibenstraße 1 in Busch entfernt. Fahrer Willi Steinbusch ist hier Gartenwart; durch ihn reifte die Idee, ein eigenes Stück Erde zu bewirtschaften.

Grenzen aufgezeigt zu bekommen und sich an Regeln halten zu können, ist bei allen Aktivitäten der Dreh- und Angelpunkt. War ich heute hilfsbereit? Habe ich andere wertgeschätzt oder beschimpft, gar in Bedrängnis gebracht? Auch das müssen die Kinder jeden Tag aufs Neue reflektieren, bevor sie abends von Steinbusch wieder zu ihren Eltern gebracht werden.

Drei Schwerpunkte bilden die Arbeit des Dreierteams der „Wilden 13“ also: Hausaufgaben/Konzentration, Sozialkompetenz/Gruppenarbeit sowie Familienarbeit.

Normalerweise, das mag vielleicht überraschen, finden die Familien, die Hilfe brauchen, selbst den Weg zum Jugendamt. „Das Image der Jugendämter hat sich stark verbessert, das kann man auch daran erkennen, dass die Eltern von selbst zu uns kommen“, sagt Michael Raida, der für diesen Bereich bei der Stadtverwaltung Alsdorf zuständig ist.

Das Jugendamt trägt die Kosten für die Halbtagsunterbringung komplett, Träger der Alsdorfer Einrichtung ist das Haus St. Josef mit Sitz in Eschweiler. Auch wenn das Thema Geld im Zusammenhang mit dem Wohlbefinden von Kindern nicht gerne angesprochen wird, kann man nicht wegdiskutieren, dass eine Tagesgruppe günstiger ist als eine Unterbringung bei Pflegeeltern oder im Kinderheim. Pro Kind rechnet das Jugendamt mit einer Ersparnis von rund 2000 Euro.

Seit rund anderthalb Jahren hat Alsdorf inzwischen seine eigene Zweigstelle. „Sozialraumorientiert“ lautet das Stichwort, gemeint ist, dass die Kinder in ihrem sozialen Umfeld bleiben sollen und ein vor Ort vernetztes Arbeiten ermöglicht werden soll, von dem die Kinder auch nach der „Entlassung“ aus der Tagesgruppe profitieren sollen. Bestenfalls haben sie nach dem Aufenthalt in der „Wilden 13“ nicht nur eine Struktur, Halt, Geborgenheit und Selbstvertrauen gewonnen, sondern auch eine Vielzahl von Anregungen erhalten, wie sie ihre Freizeit selbst gestalten können.

Für die Dauer von einem Jahr wird die Betreuung in der Tagesgruppe bewilligt, nach der Halbzeit wird mit allen Beteiligten ein Zwischenfazit gezogen: Ist ein weiteres halbes Jahr nötig? Ist doch eine stationäre Unterbringung, vielleicht sogar in einer psychiatrischen Einrichtung angebracht? Oder kann verkürzt werden? Ein bis anderthalb Jahre ist die normale Verweildauer, so die Erfahrung auch in älteren Einrichtungen. Und die Bilanz der „Wilden 13“ in Alsdorf nach anderthalb Jahren? „Sehr gut“, sagen die Verantwortlichen. Derzeit reichten die Plätze aus, aber dass man – wie in der Theorie angedacht – Kinder aus Baesweiler oder Herzogenrath aufnimmt, sei aktuell eher unwahrscheinlich.

Max hat gerade gehört, wie Rolf Sylvester den baldigen Aufbruch angekündigt hat. „Warum müssen wir schon gehen?“, fragt er. „Welcher Tag ist heute?“, antwortet der Teamleiter mit einer Gegenfrage. „Montag“, sagt Max. „Und was machen wir montags immer? Wir besuchen die Familien.“ Max nickt und lässt kurz den Kopf hängen.

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