Taboris „Mein Kampf“ im Theater: Annäherung an einen Diktator

Von: mabie
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George Taboris „Mein Kampf“ wurde nun von den Schülern der Europaschule in Herzogenrath in einem eindringlichen Spiel auf die Bühne gebracht. Foto: Markus Bienwald

Herzogenrath. Was wäre, wenn Adolf Hitler in der Jetztzeit wieder da wäre, hat Timur Vermes in einem vielbeachteten Buch schon vor einigen Jahren satirisch versucht, zu skizzieren. Was aber den Diktator der Deutschen zu dem gemacht hat, was er letztlich war, das zeigten nun eindringlich, eindrucksvoll und in ihrer Version einmalig zugleich die Schüler der Europaschule in Herzogenrath.

Beeindruckende Performances sind im Forum dieser Gesamtschule schon fast an der Tagesordnung. Doch die Annäherung an die Farce „Mein Kampf“ von George Tabori war selbst für die erfahrenen Pädagogen eine Herausforderung. „Die Schüler standen vor der Situation, nicht nur gleich drei Mal mit diesem Stück auf die Bühne zu gehen, damit neben der Öffentlichkeit auch die Mitschüler die Gelegenheit hatten, die Aufführung mitzuerleben“, so Nicole Jacobi, die mit ihrem Team federführend hinter dem Bühnenspiel stand.

„Sie mussten auch ein sehr schwieriges Thema anpacken, und haben es hervorragend umgesetzt“, sagte sie völlig begeistert von ihren Eleven am Ende des Aufführungsmarathons.

Was war es, das die Schüler der Jahrgangsstufe Q1 so gut gemacht hatten? Sicherlich war es die zum einen leicht scheinende, aber mit viel Tiefgang versehene Herangehensweise an das Thema. In Zeiten, wo viele Menschen alleine schon wegen des Tabuempfindens beim Namen „Adolf Hitler“ zusammenzucken, gelang es den Schülern, die von Tabori so frech, einfühlsam und abstoßend zugleich geschriebene Persönlichkeitsstudie bühnenreif umzusetzen.

Da sieht man den jungen Hitler, wie er in einem Wiener Männerwohnheim auf zwei jüdische Mitbewohner trifft. Sie nehmen ihn und seine schon dort rassistischen, machtheischenden und aus heutiger Sicht perversen Sprüche nicht ernst. Vielmehr springen sie mit jüdischen Weisheiten und Rätseln in sein Gesicht, antworten auf Hetze mit Wortwitz, und schenken dem späteren, selbsternannten „Führer“ ein Stück Geborgenheit. Die fordert der Maler Hitler, der hier wie ein jämmerliches Muttersöhnchen im Körper eines Erwachsenen gezeichnet wird, immer wieder ein, nicht mit Worten, aber mit seiner Hilflosigkeit.

So gelang den Schülern der Spagat zwischen den damals schon abstoßenden Gedanken von Rassenwahn und Extremismus und der inneren Zerbrechlichkeit, die von einer tiefen Mutterliebe durchsetzt ist. Die Frage nach der Schuld beantworteten die Schüler dabei nicht auf der Bühne, sondern verlagerten sie in die neben dem Theaterstück eigens erstellten Ausstellungen. So gelang ihnen eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, ohne die Frage nach der persönlichen Schuld.

Nagel auf den Kopf getroffen

„Wir tragen nur dann Schuld in uns, wenn wir uns der Geschichte nicht stellen, sie ignorieren und nachfolgende Generationen nicht über das aufklären, was Teil unserer Geschichte ist“, meinte der didaktische Leiter Jens Klein dazu am Rande. So gesehen haben die Schüler den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn es war keine Geschichtsstunde, auch wenn Geschichte hier natürlich eine große Rolle spielt. Es war auch kein Angriff mit dem Zeigefinger, der stets mahnend schwingt und so vielleicht manche zum Abschalten zwingt.

Vielmehr war der „Kampf“, den die Schüler erfolgreich mit der schwierigen Vorlage und dem noch schwierigeren Thema aufnahmen, geprägt von Kurzweil, dem Blick in eine abgrundtief schwarze und hoffnungslos verlorene Seele eines Diktators und vielleicht auch eine Blaupause dafür, dass man sich immer wieder aktuelle Entwicklungen im Lichte der Geschichte ganz bewusst ansehen sollte.

Vielleicht gab es auch darum wahlweise einen Judenstern oder ein Auszug aus Paul Celans „Todesfuge“ als „Eintrittskarte“ zum Anheften an die Brust der Besucher. Für diese hervorragenden Leistungen gab es am Ende völlig zu Recht eine ganze Menge Applaus und noch mehr Lob für das Ensemble und die Ideengeber dahinter.

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