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Synagogen-Streit: Vor die Wand gefahren

Von: Daniel Gerhards
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Wird die ehemalige Synagoge no
Wird die ehemalige Synagoge noch ausreichend sichtbar sein, wenn der Neubau fertig ist? Die Meinungen zum Bauprojekt am Lindenplatz gehen Foto: Daniel Gerhards

Würselen. Der Umbau der ehemaligen Synagoge am Lindenplatz galt bisher als absolute Bereicherung. Und das aus optischen und historischen Gründen. Nun kommt Kritik aus den Reihen des Arbeitskreises „Kein Vergessen” auf.

Ein Teil der Mitglieder des Arbeitskreises wirft den Planern der Stadtentwicklungsgesellschaft (SEW) mangelndes historisches Bewusstsein vor.

Die Überreste des Gebäudes, das 1875 bis 1925 als Synagoge genutzt wurde, sollen beim Bau einer Einrichtung zum betreuten Wohnen integriert werden. Soweit waren sich SEW und Arbeitskreis einig.

Jürgen Hohlfeld und Ursula Best vom Arbeitskreis kritisieren allerdings, dass die Überreste des religiösen Gebäudes nicht ausreichend in Szene gesetzt werden. „Das Problem ist, dass wirtschaftliche Interessen auf Geschichtsbewusstsein und Erinnerung treffen”, sagt Hohlfeld.

Hintergrund der Kritik ist, dass eine der beiden Giebelwände, die in den neuen Bau integriert werden sollte, in schlechtem Zustand ist. Nun möchte die SEW nur noch eine der Wände der denkmalgeschützten Überreste vollständig erhalten. Der freiwerdende Raum soll Nutzfläche werden - sprich für Wohnungen bereitgestellt werden.

SEW weist Kritik zurück

Damit stehen ökonomische Erwägungen und Geschichtsbewusstsein für Hohlfeld und Best nicht mehr in einem ausgewogenen Verhältnis. Dabei hätte man den Verfall der linken Giebelwand nach Einschätzung der Kritiker verhindern können.

Ein Dreivierteljahr habe die Wand nur durch einen Stahlrahmen geschützt frei gestanden. Dabei war sie Wind und Wetter ausgesetzt. Das könne der Grund für den Verfall sein. Hohlfeld meint, dass eine Schutzwand oder eine Verschalung der Wand nötig gewesen wäre.

Diese Kritik weist SEW-Geschäftsführer Manfred Zitzen zurück: „Je weiter die linke Giebelwand freigelegt wurde, zeigte sich, dass sie in sich instabil ist.” In Absprache mit dem Landeskonservator und der Unteren Denkmalbehörde habe man entschieden, das obere Drittel der Mauer abzutragen.

Der untere Teil soll weiterhin in das Gebäude integriert werden und auch sichtbar sein. „Es ist nicht so, dass wir damit unsere wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Wir haben in der Sache entschieden, nur den unteren Teil der Wand zu erhalten”, sagt Zitzen.

Dadurch können nun zwar 50 zusätzliche Quadratmeter für das betreute Wohnen genutzt werden, Kosten spare man allerdings nicht. Die statischen Neuberechnungen und die Änderungen der Planung verursachten ihrerseits Kosten.

Hohlfeld und Best finden diese Entscheidung nicht angemessen. Sie sind der Meinung, dass die Wand mit den vorhandenen Steinen wieder restauriert werden sollte.

Das zog auch die SEW in Erwägung. „Wir haben uns aber in Absprache mit dem Landeskonservator und der Unteren Denkmalbehörde dagegen entschieden, weil die Wand dann nicht mehr dem Originalzustand entspräche”, sagt Zitzen.

Bei der Entscheidung war Rolf Rüland für den Arbeitskreis „Kein Vergessen” dabei. Seiner Meinung nach wurde alles erhalten, was noch vorhanden ist. „Man kann das jüdische Gebetshaus nicht aus den Fragmenten wieder aufbauen”, sagt Rüland.

Die Teile der linken Wand, die nicht erhalten werden, sollen in der Struktur der Wand angedeutet werden. Damit habe sich Rüland „einverstanden erklärt”. Die Kritik von Seiten Hohlfelds und Bests kann er nicht nachvollziehen.

Denn: „Was nicht mehr da ist, kann auch nicht erhalten werden. Und die Teile, die es noch gibt, werden in den Neubau integriert”, sagt Rüland.

Rüland - wie Hohlfeld einer der Gründer des Arbeitskreises „Kein Vergessen” - habe zudem gemeinsam mit Pfarrer Rainer Gattys, dem Ehepaar Ella und Wladimir Schwemmer und anderen den Arbeitskreis „Kein Vergessen” aufgelöst.

Dabei handele es sich um eine kulturell-religiöse Vereinigung. „Mit bestimmten Vorgehensweisen waren wir nicht mehr einverstanden”, begründet Rüland. Etwa mit politischen Äußerungen einzelner Mitglieder zum Afghanistankrieg oder zu Ex-Minister zu Guttenberg.

Rüland und seine Mitstreiter engagieren sich nun im neugegründeten „Jüdisch-Christlichen Arbeitskreis”. Insgesamt seien etwa zehn Leute in der neuen Gruppe aktiv.

„Arbeiten mit vier Leuten weiter”

Nach Meinung von Hohlfeld ist der Arbeitskreis „Kein Vergessen” jedoch nicht aufgelöst. „Wir arbeiten mit vier Leuten weiter.”

Hohlfeld und Best waren indes von vorneherein gegen den Architektenentwurf, der nun realisiert wird. Sie befürworteten einen Alternativentwurf, der das ehemalige Synagogengebäude komplett „erfahrbar” gemacht hätte. „Das war ein sehr wichtiges Gebäude für die jüdische Bevölkerung in Würselen”, erklärt Hohlfeld.

Heute gebe es nur noch drei bauliche Zeugnisse, die an das Leben der rund 35 Würselener Juden vor der NS-Zeit erinnern. Daher hätten sie sich gewünscht, dass mehr von dem historischen Gebäude im Neubau zu sehen wäre. Best: „Schade, dass von außen - bis auf die eine Wand - nicht mehr erkennbar sein wird, dass dort eine Synagoge war.”
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