Würselen - Straßenwahlkampf: Der Markt, die Kunden, die Kandidaten

Straßenwahlkampf: Der Markt, die Kunden, die Kandidaten

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
15079260.jpg
Die CDU setzt im Straßenwahlkampf auf Hüte – mit Bändern in Deutschlandfarben. Foto: Karl Stüber

Würselen. Die Marktbeschicker auf dem Morlaixplatz in Würselen dürfen sich freuen. Sie ziehen bei gutem Wetter viele Kunden an – und mehr, denn auf Kandidaten wirken Menschenansammlungen in Zeiten des Wahlkampfs wie Magneten. Zwischen Gemüse, Fisch und mehr versuchen Politiker, potenzielle Wähler anzusprechen und für sich zu gewinnen.

Am 24. September steht die Bundestagswahl an. Das Buhlen um die Gunst der Stimmen nimmt langsam Fahrt auf, trotz Sommerferien. Die Außengastronomie der Restaurants und Cafés in der Würselener Innenstadt sind gut besucht. Die Leute, meist Ältere, relaxen, sind friedlich gestimmt.

Freundlich wird auf die Ansprache durch die Bundestagskandidaten Helmut Brandt (CDU) und Claudia Moll (SPD) reagiert. Die Wahlhelfer beider Couleur verteilen Blumen. Ein Senior fährt mit seinem Elektrorollstuhl beide Stände an und lässt sich von den konkurrierenden politischen Parteien mit Schnittgrün beschenken.

Bei der CDU gibt’s mehr – einen Hut, keinen alten, sondern einen neuen aus Stroh mit einem Band in Deutschlandfarben. Der Name der Partei steht drauf. Der Hut ist gut gegen die Sonne, sagt einer – oder bei Regen.

Auch ansonsten ist der Christdemokrat an diesem Tag im Vorteil. Sein Infostand zwischen Eisdiele und Teppichhändler ist näher am Marktgeschehen und größer als der Stützpunkt der Genossin, die den Teppichhändler im Rücken hat. Und außerdem hat Brandt an diesem Tag Schützenhilfe durch Dr. Peter Tauber, dem Generalsekretär der CDU.

Das hat viele von der Seniorenunion, aber auch Parteifreunde im JU-Alter angelockt. Die soll jetzt in Würselen neu gegründet werden, sieben Interessierte hätten sich schon gefunden, sagt ein Mitglied der Seniorenunion. Tauber wagt sich in die Stadt des SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz, der hier ehrenamtlicher Bürgermeister war und immer noch wohnt. Die kleine Buchhandlung, die Schulz führte, gibt es noch. Beim Rundgang durch Geschäfte wird sie ausgespart. Das wäre doch ein Schritt zu viel, ist zu hören, Warum eigentlich?

Was Kaufleute sagen

Dorghan Sheikmous könnte aus Italien stammen, weil er eine Eisdiele betreibt. Wenn nur nicht der Name wäre. „Ich bin Kurde“, antwortet er auf die Frage nach seiner Herkunft. Er ist zufrieden mit seinem Geschäft. Es kommen viele Leute, meist Ältere, bisweilen sogar aus dem nahen Rathaus, um bei kalten Leckereien ein Päuschen zu machen. Und er sagt den CDU-Leuten: „Ich bin überglücklich und begeistert von der Aufnahme von so vielen Flüchtlingen!“

Der Mann ist in Würselen angekommen, betont er. Das geht den Bewerbern um Mandate runter wie Öl. Das würde auch Parteifreundin Kanzlerin Angela Merkel freuen. In einem Delikatessengeschäft, einer Metzgerei und einer Bäckerei kommen die Unionspolitiker zur Unzeit. Gerade in der Mittagszeit gilt es viele Kunden zu bedienen. Man ist aber höflich mit den Gästen. Flyer werden zurückgelassen. Man weiß ja nie. Kaufmann Daniel Dobrzanski sagt in seinem schmucken Bekleidungsgeschäft, dass er sich durch kompetente Beratung, Service, Qualität, aber auch durch Werbung auf Facebook auf dem Markt zu behaupten sucht.

Und geht mit vermeintlichen Kunden hart ins Gericht, die seine Kompetenzen schamlos ausnutzen, sich beraten lassen, um dann via Internet ein paar Euro billiger einzukaufen. Da tauchte zum Beispiel ein Herr auf und ließ sich drei Anzüge abstecken mit der Perspektive, ein paar Tage später wiederzukommen. Aber nur, um genau diese Anzüge – zwischenzeitlich online erstanden – von Dobrzanski abstecken und abpassen zu lassen.

Wie bitte? Die Rede ist auch von Leuten, die Etikette fotografieren, um Entsprechendes im Onlinehandel ordern zu können. Wie dreist ist das denn? Da kann der CDU-Besuch nur seine Solidarität bekunden. Ein Stück weiter wird ein Foto mit der Inhaberin eines Haushaltswarengeschäftes gemacht. Sie spricht vom Weinfest am Wochenende. Flaschen zur Dekoration der Schaufenster hat sie bereits bereitstehen. Eine Kundin will bedient sein.

Tauber kauft Printen als Wegzehrung, wie er sagt. Apotheker Max Breuer kritisiert die Internetkonkurrenz. Ob da nicht die Politik einschreiten könnte. Mit viel Aufwand würden die niedergelassenen Apotheker die Versorgungssicherheit der Bevölkerung auch am Wochenende sicherstellen und individuell beraten. Dagegen mache die Onliner-Konkurrenz den Markt mit Sonderangebotsaktionen kaputt, ohne Verantwortung vor Ort zu übernehmen.

Und es sei sehr schwierig, dringend benötigten Nachwuchs zu gewinnen, eben Apotheker. Breuer ist sozial engagiert. So bot er zum Beispiel einem Asylbewerber die Möglichkeit, sich als Praktikant zu orientieren. In einem Lederwarengeschäft weist die Inhaberin auf das Problem mit umliegenden Leerständen hin, als sie gefragt wird, wo der Schuh drückt. Das wirke sich negativ auf ihr Geschäft aus.

Die Zeit drängt. Tauber und Brandt müssen weiter. Der hiesige Bundeskandidat fährt nach Baesweiler. Auch da will er Klinken putzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Wahlkampf hat eben etwas von Häuserkampf.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert