Würselen - „Steine des Anstoßes”lösen Diskussion aus

„Steine des Anstoßes”lösen Diskussion aus

Von: jk
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Vom Stein zum Streitobjekt: Mi
Vom Stein zum Streitobjekt: Misereor kritisiert Kinderarbeit in Entwicklungsländern und fordert die Bürger zum Nachdenken über die Situation auf. Foto: Stefan Klassen

Würselen. Erst vor kurzem ist Benjamin Pütter, Kinderarbeitsexperte bei Misereor, von seiner jüngsten Indien-Reise zurückgekehrt. Die Fotos, die er dort in den Steinbrüchen gemacht hat, zeigt er unter dem Titel „Steine des Anstoßes”. Und zwar Steine, die größtenteils für den Export nach Europa bestimmt sind.

Eine niedliche Dreijährige steht mit einem kleinen Hammer in der Hand inmitten staubiger Steinplatten und schaut in die Kamera. „Der Hammer wächst mit ihr, das ist die einzige Entwicklung in ihrem Leben”, berichtet Pütter im Kulturzentrum Altes Rathaus.

Die Eltern der Kinder leben nah bei den Steinbrüchen und schuften dort jeden Tag. Es gibt keine Schule und keine Kinderbetreuung. Wo sollen die kleinen Kinder also hin? Es sei nur „natürlich”, dass sie ihre Eltern begleiten und in die Arbeit hineinwachsen, sagt Pütter.

Ein Achtjähriger schwingt den schweren Hammer, ein anderer schiebt ein aberwitzig mit Steinen beladenes Fahrrad, ein weiterer hält einen mächtigen Bohrer fest. Viele Jugendliche sind fast ertaubt durch den starken Lärm, den die Bohrer machen. Schutzmaßnahmen gibt es nicht. In den Steinbrüchen gibt es keinen Schatten, es ist über 50 Grad heiß. Die Kinder laufen barfuß, Steinsplitter sind überall.

„Das Gefährlichste ist aber der Staub, den sie permanent einatmen”, sagt Pütter. Wenige werden älter als 35 Jahre. Kinderarbeit ist dann gegeben, wenn ein Mensch unter 15 Jahren nicht in die Schule gehen darf, weil er arbeiten muss, so die Definition der Hilfsorganisationen.

Pütter hat weitere Beispiele von Kinderarbeit im Gepäck. Wieder zunehmend knüpfen Kinder Teppiche, sie betteln, drehen Zigaretten, arbeiten in der Feuerwerksindustrie oder auf Müllhalden, fertigen Pinzetten, kleine Spiegel und andere Gegenstände, die bei uns auf Märkten billig zu haben sind. Viele der Tätigkeiten sind gefährlich oder gesundheitsschädlich.

Auch in Indien ist Kinderarbeit per Gesetz verboten. Doch es sind die armen Bevölkerungsschichten, denen meist nichts anderes übrig bleibt, als die Kinder zur Arbeit zu schicken. Das Kastensystem zementiert die Verhältnisse, denn Armut sei von Gott gegeben, glauben die Brahmanen, die Angehörigen der höchsten Kaste. Deshalb helfen sie den Armen nur in einem gewissen Umfang. Europäische Organisationen wie Misereor versuchen, die Schulsituation zu verbessern, den Kindern Berufsausbildungen zu ermöglichen und einkommenschaffende Maßnahmen für die Eltern zu erreichen.

„Was können wir hier tun und was hat Kinderarbeit in Indien mit uns zu tun?”, fragt Pütter. Bürger könnten sich als aktiv gegen Kinderarbeit erklären und öko-sozial einkaufen. Jedermann könne faire Waren kaufen oder einen Bürgerantrag an die Ortsgemeinde für nachhaltiges Beschaffungswesen einreichen.

Kaffee, Tee oder Schnittblumen könnten aus fairer oder regionaler Produktion bezogen werden. Für Steinprodukte, die ohne Kinderarbeit hergestellt werden, gebe es zudem ein Gütesiegel des Vereins Xertifix.

Im Publikum des Abends sind auch zwei Steinmetze, die sich von den Ausführungen Pütters angegriffen fühlen. Denn der zeigt Bilder von Grabsteinen mit komplett fertiger deutscher Inschrift, die in China gefertigt wurden.

Ein Steinmetz habe gegen Pütter ein Gerichtsurteil erwirkt und ihm untersagen lassen, sich gegen den Verkauf von solchen Grabsteinen zu äußern, wie der Misereor-Experte erklärt. Der Verkauf von Produkten, die mit ausbeuterischer Kinderarbeit hergestellt wurden, sei in Deutschland erlaubt und müsse deshalb auch geschützt werden, kommentiert er das Urteil. Er sei wegen seines Einsatzes in der Vergangenheit auch schon bedroht worden, berichtet Pütter.

„Der europäische Markt ist sehr schwierig”, argumentiert einer der anwesenden Steinmetze. In Europa gefertigte Steinprodukte gebe es kaum noch, „keiner will das bezahlen. Wir haben den globalen Wettbewerb.” Beide Steinmetze konstatieren, in der steinbearbeitenden Industrie in Indien und China gebe es keine Kinderarbeit, Kinder dürften und könnten gar nicht an den Maschinen arbeiten. „Grabsteine werden nicht von Kindern hergestellt”, stellen sie fest.

„Wenn dort für Sie der Grabstein beginnt, haben Sie Recht. Aber die Kinder arbeiten in den Steinbrüchen”, gibt Pütter zurück.

Von Seiten der Grünen, die zusammen mit Terre des Hommes die Veranstaltung organisiert haben, kommt der mäßigende Vorschlag, etwas am System zu ändern und mehr aufzuklären. Das politische System in Indien sei das Problem, heißt es.

Mehrere Stimmen aus dem Publikum äußern Unverständnis, auch über die Steinmetze. Durch Aufklärung könnten Verbraucher überzeugt werden, und diese würden dann auch möglicherweise bereit sein, mehr für die besseren oder „sauberen” Produkte zu bezahlen.
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