Stalking: Anfangs waren es nur Blumen vor der Tür

Von: Pia Sonntag
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Jede SMS, jedes Klingeln bedeutet eine Schrecksekunde: Stalker nutzen alle Möglichkeiten, um ihr Opfer zu terrorisieren. Schließlich fühlt sich die Betroffene nirgendwo mehr sicher. Foto: Imago STPP

Nordkreis. Warum sie ihrem Lebensgefährten Markus in der Vergangenheit immer wieder verziehen hatte, obwohl er sie regelmäßig betrog, kann sich Lisa (vollständige Namen der Redaktion bekannt) selbst nicht erklären.

Irgendwann fasste die 20-Jährige aus Alsdorf dann den Entschluss, dass ihre Liebe zu ihm nicht mehr ausreiche, um seine Fehltritte weiterhin zu entschuldigen – sie trennte sich von Markus. Der wollte ihre Entscheidung jedoch nicht akzeptieren, und ihr Martyrium begann. Markus verfolgte Lisa und bedrohte sie schließlich massiv, er wurde zum Stalker.

Bundesweit wurden laut Bundeskriminalamt im Jahr 2014 21.857 Stalking-Fälle polizeilich erfasst. Die Dunkelziffer, so schätzen Experten, dürfte erheblich höher sein. „Allein im Jahr 2015 gab es im Raum Aachen insgesamt 202 Fälle“, sagt Paul Kemen, Pressesprecher der Aachener Polizei. Auch das sind allerdings nur die polizeilich bekannten Delikte.

Lisas Ex-Freund ließ nicht locker. Schließlich fühlte sie sich selbst in ihrer privaten Umgebung nicht mehr sicher. Kurz nach der Trennung schien alles noch recht harmlos: Markus legte ihr immer wieder Blumen und Liebesbriefe vor die Tür, auf die sie allerdings nie antwortete. Später passte er sie auf der Straße ab und flehte sie an, ihm „eine zweite Chance“ zu geben. Nachdem Lisa ihm jedoch unmissverständlich klarmachte, dass er aus ihrem Leben verschwinden solle, sann er offenbar auf Rache.

Es waren keine Präsente mehr, die die junge Frau in der Folgezeit vorfand, stattdessen bekam sie Morddrohungen. Sie fand eine verstörende Todesanzeige mit ihrem Namen vor, Markus schickte ihr über den Nachrichtendienst „Whatsapp“ Videos, die eine Vergewaltigung zeigten, ihr Auto wurde zerkratzt, und sie wurde permanent anonym angerufen – niemand meldete sich, nur das Atmen war in der Leitung zu hören.

Ihr bisheriger Alltag war für Lisa unmöglich geworden – sie bekam Alpträume, die ihr schließlich ganz den Schlaf raubten. Die Folge waren Konzentrationsschwierigkeiten bei der Arbeit, wodurch sie fast ihre Stelle verlor.

Aus Scham und Angst schwieg sie sich jedoch über die Gründe aus, erklärte Kollegen, Familienmitgliedern und Freunden stattdessen, sie leide einfach nur unter Stress. Drei Monate nach der Trennung hörte der Psychoterror plötzlich auf: Markus hatte eine neue Partnerin.

Warum Lisa damals nicht zur Polizei ging, kann sie mittlerweile selbst nicht mehr nachvollziehen: „Wahrscheinlich habe ich nichts unternommen, weil ich noch zu viel für ihn empfand. Trotz der Tatsache, wie er mich behandelt hat. Dazu kam die Angst, dass er mir wirklich etwas antut, wenn ich ihn angezeigt hätte.“ Da der Kontakt nun vollständig abgebrochen sei, sehe sie nun auch davon ab, noch nachträglich zur Polizei zu gehen.

Um die Ereignisse verarbeiten zu können, wandte sie sich damals allerdings an die Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ e.V. in Aachen. Der Verein ist 1977 mit dem Ziel gegründet worden, öffentlich gegen Gewalt an Frauen einzutreten und Benachteiligungen von Frauen und Mädchen in allen Lebensbereichen entgegenzuwirken, unter anderem durch kostenlose und persönliche Beratung. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle unterliegen der Schweigepflicht und können die Frauen nach Wunsch auch anonym beraten.

Pädagogin Natalia Uslu kümmert sich im Verein um Frauen, die von ihrem Ex-Partner bedroht werden und begleitet sie sogar zu Gerichtsterminen, wenn es hart auf hart kommt. „Das Leben dieser Frauen wird vollständig vom Täter kontrolliert. Dieses Machtspiel kann unter anderem Depressionen und Angstzustände auslösen. Im schlimmsten Fall wendet der Täter Gewalt an“, erläutert die Expertin.

Um die Sicherheit der Frauen wieder herzustellen, müsse der Kontakt zum Stalker völlig abbrechen. „Darunter fällt nicht nur der Wechsel der Telefonnummer, sondern unter Umständen auch ein Umzug in eine neue Gegend“, sagt Uslu. Denn ihrer Meinung nach, würden Anzeigen zu oft fallen gelassen, wenn die Beweise nicht ausreichen und daher zu wenig Aussicht auf Erfolg bestehe.

Polizeisprecher Paul Kemen weist darauf hin, dass 2007 ein neues Gesetz zum Schutz der Betroffenen eingeführt wurde: „Ich bin froh, dass der spezielle Tatbestand ,Nachstellung‘ unter Paragraph 238 im Strafgesetzbuch in Kraft getreten ist.“ Er räumt ein, dass es vor diesem Zeitpunkt schwieriger gewesen ist, gegen „Stalker“ vorzugehen. „Oft gehen die Tatbestände über einfache Belästigung hinaus. Dadurch sind die Betroffenen in ihrer normalen Lebensform erheblich eingeschränkt“, sagt Kemen.

Die Aachener Polizei könne „Stalkingopfern“ wie Lisa nur raten, Anzeige bei der Polizei zu erstatten, um eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Denn nur dann sei es möglich, rechtlich gegen diese Leute vorzugehen. Falls das Verbot der Annäherung nicht eingehalten werde, würde eine Geldbuße von mehreren 100 Euro fällig, bis hin zu einer Festnahme bei wiederholtem Verstoß gegen diese Auflage. „Es ist wichtig, dass es eine rechtliche Handhabe gibt.

Die Hemmschwelle bei den Tätern ist offenbar größer geworden. Seit Januar bis Ende Mai diesen Jahres sind weniger Delikte als im vergangenen Jahr zu verzeichnen. Von 79 angezeigten Stalking-Fällen sind es bis dato noch 48 Straftaten“, erklärt Kemen. „Die Opfer müssen konsequent sein, das heißt, jeglichen Annäherungsversuch der Täter abweisen und Anzeige erstatten“, rät er. Denn sonst könne die Sicherheit der Beteiligten nicht gewährleistet werden. „Stalking“ sei kein Phänomen, sondern gelte als potenziell hochgefährliche Verhaltensweise.

Doch das bisherige Gesetz wird von Betroffenen und Verbänden seit Jahren schon kritisiert, da die Strafbarkeit nicht von den Taten des Stalkers oder von der Beeinträchtigung des Opfers abhängt, sondern davon, welche Konsequenzen das Opfer daraus zieht. Meist gilt nur ein Umzug oder ein Jobwechsel als Beweis einer „schwerwiegenden Beeinträchtigung“.

Bundesjustizminister Heiko Maas will das nun ändern: „Es darf nicht sein, dass man zum Beispiel erst umziehen muss, damit ein Stalker strafrechtlich belangt werden kann.“ Der neue Gesetzentwurf sieht daher vor, dass Taten in Zukunft lediglich „objektiv geeignet“ sein müssen, beim Opfer zu einer schwerwiegenden Beeinträchtigung zu führen. Will heißen: Stalking solle künftig auch dann strafbar sein, wenn das Opfer dem Druck nicht nachgibt und sein Leben nicht ändert. Und auch das soll sich ändern: Bislang werden Verfahren oft eingestellt und Opfer müssen dann selbst als Ankläger vor Gericht, wenn sie die Tat weiter verfolgen wollen. Künftig soll die Staatsanwaltschaft die Verfahren durchziehen und zu einem Ergebnis führen.

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