Nordkreis - Städte stöhnen unter Flüchtlingsanstieg: Zahl verdoppelt

Städte stöhnen unter Flüchtlingsanstieg: Zahl verdoppelt

Von: Holger Bubel
Letzte Aktualisierung:
8366942.jpg
In Würselen haben Asylbegehrende in Eigeninitiative und mit Unterstützung des Freundeskreises Asyl und ansässigen Geschäftsleuten an der Kaiserstraße ein Begegnungszentrum geschaffen. Foto: H. Bubel/W. Sevenich
8356855.jpg
Im „Ledigenheim“ an der Herzogenrather Straße 100 haben viele Alsdorfer Vereine eine Heimat gefunden. Eine Rückwidmung des Gebäudes zur Asyl-Unterkunft ist daher nicht gewünscht. Foto: H. Bubel/W. Sevenich

Nordkreis. Nicht nur aus dem Irak, aus Syrien oder Afghanistan, den derzeit bekanntesten Krisengebieten also, nein, – „Sie kommen aus aller Herren Länder“, sagt Herbert Zierden, in Würselen Fachbereichsleiter Soziales. „Wir haben Asyl begehrende Personen aus über 30 Ländern. Hinter jeder einzelnen steckt auch ein ganz individuelles Schicksal, das sie zur Flucht aus ihrer Heimat bewogen hat.“

Und diese Einzelschicksale schlagen offenbar in deutlich gestiegener Zahl zu. Die Düvelstadt verzeichnet für 2014 eine Steigerung der Flüchtlinge im Zeitraum bis August von 51 Prozent. Insgesamt sind es in Würselen derzeit 182 Personen, die die Stadt unterbringen muss – und für ihren Lebensunterhalt Sorge trägt. Warum die Zahlen so stark angestiegen sind, dafür hat Herbert Zierden auch keine schlüssige Erklärung.

Verteilung über Schlüssel

Das Land NRW, das die Asylsuchenden über einen Schlüssel auf die Städte und Gemeinden verteilt, beteiligt sich lediglich mit rund einem Drittel an den Kosten für die Unterbringung und Auszahlung. „Das ist zu wenig“, befindet nicht nur der Beigeordnete der Stadt Baesweiler, Frank Brunner. Jährlich schlagen die finanziellen Aufwendungen für die derzeit 144 zugewiesenen Asyl begehrenden Personen in Baesweiler mit 772.000 Euro zu Buche.

„Die 600.000 Euro, die wir davon selbst aufbringen müssen, sind für uns eine Menge Geld. Aber es sind Pflichtausgaben, die wir als Kommune zu leisten haben.“ In dieser Summe sind nicht nur die Kosten für einen adäquaten Wohnraum enthalten, sondern auch die Geldauszahlungen an die Flüchtlinge.

Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus 2012 sieht das Asylbewerberleistungsgesetz nämlich einen Anspruch der Flüchtlinge auf den Regelsatz aus der Sozialhilfe vor, also 391 Euro – abzüglich 29 Euro für Hausrat, weil sie diesen in den Unterkünften ohnehin gestellt bekommen.

Für die Kommunen hat das ohne eine spürbare Anhebung der Unterstützung durch das Land dramatische finanzielle Folgen. „Der Städte- und Gemeindebund sollte sich für die Kommunen einsetzen, damit sie stärker vom Land unterstützt werden“, sagt Frank Brunner.

Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien

Die steigende finanzielle Belastung durch ein Anwachsen der Flüchtlingszahlen in ihrer Kommune bekommt auch vermehrt Alsdorf zu spüren, das alleine seit Januar diesen Jahres weitere 91 Asylbewerber zugewiesen bekommen hat.

„Die Herkunftsländer der Menschen sind aus dem früheren Bereich Jugoslawiens und Afrika, insbesondere Eritrea“, sagt Sozial-Dezernent Stephan Spaltner. Insgesamt sind momentan 263 Flüchtlinge in der Stadt, für die Alsdorf rund 600.000 Euro aufbringen muss, 300.000 Euro gibt es aus Düsseldorf. Zum Vergleich: Ende 2013 waren es 172 Asyl begehrende Personen. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.

Ganz ähnlich sieht die Problematik in Herzogenrath aus. Auch hier ist der Anstieg von Asylbegehrenden in diesem Jahr rapide gestiegen. Aktuell sind es in Roda 196 Menschen, für die die Stadt Sorge zu tragen hat, 2012 waren es 130, 2013 insgesamt schon 168: „Genau kann man die Zahl aber nicht beziffern. Sie ändert sich fast täglich“, sagt Jürgen Kersgens, Fallmanager für Flüchtlinge in Herzogenrath. Er weist damit auf ein weiteres Problem hin: die abgewiesenen Asylbewerber. Nicht nur aus humanitären Gründen bleiben diese hier, sagt Kersgens:

„Wir können sie nicht einfach so zurück in ihre Heimat oder andere Länder schicken, weil sie angeben, keinen Pass mehr zu haben. Und ohne Ausweis keine Rückführung.“ So seien es in Herzogenrath auch „nur“ 90 „anrechenbare Bewerber im Asylverfahren“. Die Ausgaben für 2014 prognostiziert Kersgens auf rund 1,2 Millionen Euro, 2012 waren es „nur“ 890.000 Euro, 2013 bereits rund eine Million Euro. Wie gesagt: Das Land beteiligt sich mit nur rund einem Drittel an den Kosten.

Das Problem für die Kommunen ist aber nicht alleine der finanzielle Aufwand, auch die Unterbringung der Menschen gestaltet sich zunehmend schwieriger. Und auch die Zeit, die den Verantwortlichen bleibt, auf neue Flüchtlinge zu reagieren, ist eine Herausforderung: „Die Vorlaufzeit ist kurz, deutlich unter einer Woche, manchmal nur einen Tag“, sagt Herbert Zierden aus der Erfahrung mit der Zuteilung der Asylbegehrenden durch das Land.

Nicht nur bei der Vermittlung von Wohnraum arbeitet die Verwaltung in Würselen ganz eng mit dem „Freundeskreis Asyl“ Hand in Hand: „Wir haben gemeinsam ein Konzept ermittelt, das ein privates Umfeld vorsieht, in dem die Flüchtlinge Fuß fassen sollen“, sagt Herbert Zierden. Die beiden Mehrfamilienhäuser an der Kaiserstraße sollen nur als Übergangslösung dienen. „Wir arbeiten klar mit einem integrativen Ansatz.“

In Baesweiler werden die Asylbewerber in erster Linie in städtischen Liegenschaften untergebracht, Personen, die über vier Jahre in Baesweiler leben, werden dann in privaten Wohnraum vermittelt. Hier wird unterschieden zwischen männlichen Einzelpersonen – diese werden in Baesweiler untergebracht – und ganze Familien, die in Setterich in Wohnungen ziehen.

Keine Container-Lösung

Wegen des steigenden Bedarfs an Wohnraum für Asylsuchende hatte man in Alsdorf Überlegungen angestrengt, das ehemalige Ledigenheim an der Herzogenrather Straße, das bereits einmal als Flüchtlingsheim diente, zu reaktivieren.

„Aber die Immobilie wird von Vereinen genutzt. Wir werden den Großteil der Menschen, die nach Alsdorf kommen, dezentral in privatem Wohnraum unterbringen“, sagt Dezernent Spaltner. Was sich zunehmend als schwieriger zu realisieren erweist und was, wie gesehen, sich als äußerst teuer erweist.

Eine zunächst in Betracht gezogene zentrale „Container-Lösung“ – Kosten rund 300.000 Euro – an der Notunterkunft Pützdrieschstraße in Hoengen wurde auch wieder verworfen.

Kein Problem mit den Nachbarn

Die Suche auf dem freien Wohnungsmarkt nimmt Jürgen Kersgens in Herzogenrath seit Monaten voll und ganz in Anspruch: „Man muss ja auch schauen, wo die Menschen reinpassen“, sagt auch Jürgen Venohr, Leiter des Ordnungsamtes in Herzogenrath, „die Lebensanschauungen der Menschen sollten schon ähnlich sein.“ Wenig Problematik, betont Venohr, habe es bislang im Nachbarschaftsverhältnis gegeben.

Die stadteigene Unterkunft an der Bierstraß solle auf jeden Fall lediglich eine „Übergangsstation“ bleiben. „Ohne diese“, sagt Venohr, „wären wir bei der Bewältigung des Anstiegs an Flüchtlingen auch aufgeschmissen.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert