Herzogenrath - Stadtbücherei: Ergreifende Zeremonie für mutige junge Frau

Stadtbücherei: Ergreifende Zeremonie für mutige junge Frau

Von: mabie
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Die Brüder Simon, Marvin und Jonas Middelbrock vom Gymnasium Herzogenrath sorgten mit ihrer rhythmischen Untermalung für ein eindrucksvolles Klangbild bei der Enthüllung des Gedenksteins. Foto: M. Bienwald
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Bewusst hielt Künstler Robert Simon die Schrift in Gelb, um an die Kennzeichnung von Juden mit dieser Farbe zu erinnern.

Herzogenrath. „Diese junge Frau hat ganz sicher gewusst, was sie tut“, da ist sich Künstler Robert Simon ganz sicher. Er kommt aus Roda und lebt in Roda, nun enthüllte er gemeinsam mit Bürgermeister Christoph von den Driesch an der Außenwand der Stadtbücherei in der Erkensstraße eine Gedenktafel, die an das erinnert, was vor 71 Jahren in Herzogenrath geschah.

Am 10. Juni 1942 wurden die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Zeugen des rassistischen und menschenverachtenden Vorgehens des herrschenden nationalsozialistischen Machtapparates.

„Über 350 jüdische Deutsche wurden unter Bewachung durch Herzogenrath zu den zuvor als Arbeitslager genutzten Lagern Play und Hühnernest getrieben“, wie der Erste Bürger in seiner Ansprache vor der Enthüllung ausführte.

Es seien überwiegend Menschen aus dem Kölner Raum gewesen, darunter alte und gebrechliche Frauen und Männer, die dieser Quälerei ausgesetzt waren. Neben der Gestapo beteiligten sich auch örtliche Vertreter der SA an dieser menschenverachtenden Aktion. „Der Herzogenrather Bevölkerung blieb das Ereignis nicht verborgen, zahlreich versammelten sich die Menschen am Rande dieses Gewaltmarsches, Zeitzeugen berichteten von einer bedrückenden Stimmung, bei der betretenes Schweigen überwog.“

Die Menge der Zuschauenden wurde vor dem Haus Dammstraße 19 von der damals erst 17-jährigen Hilde Wirtz durchbrochen, die in die Kolonne der Getriebenen eindrang und einer hilfsbedürftigen, alten Frau die spontan die Koffer trug. „Sie tat das eine ganze Weile, bis ein SA-Scherge sie gewaltsam zurückbeorderte“, so der Verwaltungschef. Für diese Zivilcourage, die sie das Leben hätte kosten können, wird sie nun auf der eigens entworfenen Tafel gewürdigt. „Einige Wochen später wurden die Opfer wieder nach Köln gebracht, sie wurden mit Lastkraftwagen abgeholt“, berichtete der Bürgermeister.

Einen erneuten Gewaltmarsch habe es nicht gegeben, vielleicht auch, weil die Nazis den Zorn der Bevölkerung gegen ein solches Vorgehen befürchteten, fragte er. „Von Köln-Deutz aus wurden die Menschen in verschiedenen Transporten zur Vernichtung in den Osten gebracht. Keiner kehrte zurück“, schloss von den Driesch. Er rief eindringlich dazu auf, durch das Erinnern zu verhindern, dass sich derartige Verbrechen wiederholen.

„Das Durchschnittsalter der Opfer in diesem Gewaltmarsch war unter 40 Jahre“, ergänzte Oswald Ortmanns vom Arbeitskreis „Wege gegen das Vergessen“, der gemeinsam mit der Städteregion Aachen und Sponsoren die Gedenktafel überhaupt erst ermöglichte. „Es war nicht das Alter, das sie hat zusammenbrechen lassen, sondern das verbrecherische System, das die Leute so kaputtgemacht hat“, war er sicher.

Die spontane Tat der von Augenzeugen als schüchtern und schmächtig beschriebenen Hilde Wirtz, die am 29. Dezember 1924 in Herzogenrath mit einer starken Sehbehinderung auf die Welt kam und schließlich ganz erblindet am 9. Januar 1988 entschlief, sah Ortmanns nicht als Tat eines Menschen an, der als Held gelten wollte. „In ihrer Familie wusste keiner von dieser Geschichte“, sagte er. Es sei großartig, dass die Tafel, die nicht nur in gelber Schrift an die damals mit der Farbe Gelb gekennzeichneten Menschen jüdischen Glaubens erinnert, der Erinnerung auch ein Gesicht gebe.

Den Bogen in die Jetztzeit spannte Ines Alberdingk von der Schülervertretung des Städtischen Gymnasiums Herzogenrath. Die heutige Altersgenossin der damals 17-jährigen Hilde Wirtz, zeigte sich vom Handeln der jungen Frau gegen Terror und Unterdrückung beeindruckt. „Den Jugendlichen wird häufig Desinteresse vorgeworfen, aber wir wollen hier und heute ein Zeichen setzen, offenen Auges durch das Leben zu gehen und nicht wegzusehen“, schloss sie.

Mit Musik wie dem eindrucksvollen Trommel-Dreiklang der Brüder Simon, Marvin und Jonas Middelbrock, ebenfalls vom Herzogenrather Gymnasium, untermalten die Schüler die ergreifende Zeremonie.

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