Alsdorf - SPD-Urgestein Hans Vorpeil: „Mich interessiert keine Jahreszahl“

SPD-Urgestein Hans Vorpeil: „Mich interessiert keine Jahreszahl“

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
14075392.jpg
„Mich interessiert keine Jahreszahl“, sagt Hans Vorpeil. Am Sonntag wird er 80. Foto: Verena Müller
14075391.jpg
Mit Gesang: Hans Vorpeil (3. v.l.) während seiner Zeit als SPD-Landtagsabgeordneter mit Johannes Rau (r.), dem unvergessenen Ministerpräsidenten und Bundespräsidenten, Anfang der 90er. An diesem Sonntag wird Vorpeil 80. Foto: Wolfgang Sevenich

Alsdorf. Für Hans Vorpeil, so erzählt er rückblickend, hatte sich eigentlich nie die Frage gestellt, ob er als frisch gewählter Landtagsabgeordneter in Düsseldorf Karriere machen und zum Strippenzieher werden will oder ob ihm sein Wahlkreis wichtiger ist und er in erster Linie in Alsdorf bleibt.

„Für mich war klar, dass ich mich um meinen Wahlkreis kümmern will“, sagt Vorpeil heute, in seiner eigenen kleinen „Kneipe“ direkt neben dem Wohnzimmer sitzend, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Bei einem Glas stillen Wasser. Es ist ja noch früh am Morgen.

Allianzen zu schmieden hatte Vorpeil auch nicht nötig. Wer wie er einen so guten Draht zum ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten pflegte... Er und Johannes Rau (SPD) verstanden sich auf Anhieb, als sie sich das erste Mal begegneten. Sie dachten in vielen Dingen ähnlich. 1984 war das, als Vorpeil in den Wahlkampf zog.

Zu Rau ist überliefert, dass er in seinem Wohnort in Wuppertal nach Feierabend gerne noch eine Runde Skatspielen ging, in seiner Stammkneipe. Einfach Mensch wollte er dort sein. Das Menschliche oder Menschelnde, wie Kritiker meinten, stand für ihn im Vordergrund. „Versöhnen statt spalten“ lautete sein Motto.

Auch Vorpeil gehört eher zu den besonnenen, unaufgeregten und: fleißigen Vertretern unter den Sozialdemokraten, die kein großes Aufheben um ihr Wirken machen. Nicht zu den polternden, ewig bellenden Parteigenossen. Ihm sei immer viel daran gelegen, Sachverhalte nicht vom Hörensagen her zu betrachten, sondern mit dem Menschen selbst zu sprechen, sagt er. Und er habe immer nur die Ämter oder Aufgaben übernommen, von denen er sich sicher gewesen sei, sie auch angemessen aus- oder erfüllen zu können. Die Maxime hat er sein ganzes Leben lang hochgehalten.

Hans Vorpeil kam mit Mitte 30 durch den „Willy-Brandt-Effekt“ zur SPD. 1972 trat er bei. Der Kniefall von Warschau, das Leitmotiv der ersten Amtsperiode als Bundeskanzler („Wir wollen mehr Demokratie wagen“) und vor allem „seine soziale Art“ hätten es ihm damals angetan, sagt Vorpeil. Weniger die Neue Ostpolitik, die später zum Inbegriff der Brandt-Politik werden sollte. „Wenn man wie ich aus einer Bergmannsfamilie stammt, steht die soziale Gerechtigkeit für einen an erster Stelle“, erklärt Vorpeil.

„Mein Vater war Hauer, und für mich war klar: Du trittst in seine Fußstapfen.“ Nach der Volksschule begann er seine Betriebsschlosserlehre auf Anna II. Mit 15. „Ein Jahr Schule war durch den Krieg ausgefallen“, erklärt Vorpeil, sonst hätte er bereits mit 14 die Schule beendet. Als fertiger Schlosser schickte der Betriebsführer ihn dann an die Bergschule in Aachen, zu einem Zweig der Fachhochschule.

Ein Angebot vonseiten des EBV war das nicht, eher eine Dienstanweisung, erzählt Vorpeil. Über den zweiten Bildungsweg machte der dann Karriere. Zuletzt war er als stellvertretender Personaldirektor für die 3500 Mann starke Übertagebelegschaft in Alsdorf, Ahlen und Castrop-Rauxel verantwortlich.

Politisch verlief Vorpeils Karriere noch steiler: 1974 Ortsvereinsvorsitzender, 1975 im Stadtrat, dann die Anwärterschaft für den Landtag. Als Kandidat aus einer „bedrängten Region“ wie Vorpeil sagt. „Wie ist denn die Situation bei Euch zu Hause?“, habe Rau ihn damals, gleich duzend, gefragt. 1985 zog Vorpeil in den Landtag ein, zwei Jahre später folgte der Stilllegungsbeschluss. So war die Situation. Rau nahm sich der Zukunft Alsdorfs persönlich an, ohne seinen Einsatz wäre das Annagelände nie zu dem geworden, was es heute ist.

Aus den ersten Kontakten zwischen Vorpeil und Rau erwuchs eine besondere Freundschaft, die über lange Jahre in Form eines Briefwechsels gepflegt wurde. „Lieber Hans, wenn meine Stunden auch im normalen Alltag von Terminen und Gesprächen ausgefüllt sind, so werde ich heute am späten Abend wohl noch einmal überlegen müssen, mit welchem Termin der Tag begann und in welcher Reihenfolge die nächsten folgten. Morgen reise ich nach Israel...“ – so beginnt ein Geburtstagsgruß an Vorpeil aus dem Jahr 2000, im typischen, persönlichen Erzählstil Raus. Dass der Alsdorfer das gute Verhältnis zum (damals schon) Bundespräsidenten genoss, steht außer Frage. Im selben Jahr sahen sich die beiden zufällig wieder, am Rande der Karlspreisverleihung an Bill Clinton. Etwas verloren habe Rau mit Helmut Schmidt in einer Sitzgruppe gesessen. „Ach Hans! Bist Du auch hier! Wunderbar!“, habe ihn Rau begrüßt. Wer dieser Hans denn sei, habe Schmidt gefragt. Vorpeil wollte ansetzen, da fiel ihm Rau ins Wort: Er müsse laut sprechen, der Helmut sei schwerhörig.

Hans Vorpeil lacht. Das könne man doch nicht in Anwesenheit des Altkanzlers aussprechen, habe er sich in dem Moment gedacht. Respektvoller Umgang, Höflichkeit, Anstand – das sind Tugenden, die er hoch hält. Bis heute.

Längst in Rente und nach 20 Jahren Landesparlament aus dem aktiven politischen Geschehen ausgeschieden, sind die Tage des knapp 80-Jährigen trotzdem gut gefüllt. Seit 32 Jahren ist er Vorsitzender des Vereins für Allgemeine und Berufliche Weiterbildung (VABW) – eine Einrichtung, die Jugendlichen eine zweite oder dritte Chance beim Einstieg ins Berufsleben öffnet. Außerdem ist Vorpeil Vorsitzender des Fördervereins des Medizinischen Zentrums, der Patienten das eine oder andere ermöglicht, was das Krankenhausbudget nicht vorsieht. Und natürlich sitzt er im Vorstand des Pro-Energeticon-Vereins. Gemeinsam mit Rudolf Bast, Hans-Peter Thelen und Nijaz Ganic bildet er ein ebenso kreatives wie engagiertes Team. „Das Energeticon dient Alsdorf. An der Stelle kann man sehr viel für Alsdorf tun“, findet Vorpeil.

Und will er mit seinem Engagement vielleicht demnächst kürzertreten? Nein. „Mich interessiert keine Jahreszahl“, sagt Vorpeil. Solange er sich gut fühle, wolle er weitermachen wie bisher.

Dazu gehören auch seine Reisen, nicht nur zur Ferienwohnung in Südtirol. Im Wohnzimmer der Vorpeils sind Mitbringsel aus aller Herren Länder artig aufgereiht und beschriftet. Und nicht zu vergessen: die Kamerasammlung. Vorpeil war früher ambitionierter Schmalspurfilmer.

Feiern will Hans Vorpeil am Sonntag, 26. Februar, übrigens nicht. Er empfängt auch keine Gäste. Nur eine kleine Feier mit der Familie und den engsten Freunden sei geplant, verrät er. Und das auch nicht am Tag selbst. In aller Bescheidenheit. Wie man es von ihm erwartet.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert