Baesweiler - Sozial-Anthropologe Jorge Trigoso: Der Glaube ist ein starkes Bindeglied

Sozial-Anthropologe Jorge Trigoso: Der Glaube ist ein starkes Bindeglied

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Neben dem Adventskranz: Jorge Trigoso entspannt nach aufreibender Arbeit am liebsten bei einem Espresso. Foto: Margret Nußbaum

Baesweiler. Weihnachten: ein Fest des Friedens und der Harmonie? Die aktuellen Krisen auf der Welt holen auch die Christen ein, die in diesen Tagen feiern – und lassen so manchen zweifeln, dass es einmal überall auf der Erde Frieden geben könnte. Margret Nußbaum sprach darüber mit dem 78-jährigen Baesweiler Sozial-Anthropologen und Ethnologen Jorge Trigoso.

Im Leitungsteam des Settericher Nachbarschaftstreffs kümmert er sich seit vielen Jahren um Menschen, überwiegend Flüchtlinge, die sich angesichts der vielen ausländerfeindlichen Parolen alles andere als willkommen geheißen fühlen.

Sie stammen aus Peru. Welche Erinnerungen haben Sie an Weihnachten in Ihrer Heimat?

Trigoso: In Peru baut jede Familie ihre eigene Weihnachtskrippe. Die Feierlichkeiten beginnen bereits zehn Tage vor dem Fest. Man besucht sich gegenseitig, singt und tanzt gemeinsam um die Krippe. Wenn ich an Weihnachten in Peru denke, fallen mir immer sehr schöne zwischenmenschliche Begegnungen ein. Und fest eingebrannt in mein Gedächtnis hat sich der Ausspruch meiner Mutter: „An Weihnachten müssen wir mit dem Herzen sehen, denken und fühlen.“

Was gefällt Ihnen an Weihnachten in Deutschland, das seit 1979 Ihre neue Heimat ist?

Trigoso: Ich bin Katholik. Die Christmette hier erinnert mich an die bei uns in Peru. Der Glaube ist ein starkes Bindeglied. In meiner Wahlheimat Baesweiler gefallen mir die beiden Weihnachtsmärkte sehr gut. Dort trifft man immer Leute, mit denen man sich austauschen kann. Der Höhepunkt in jedem Jahr ist für mich und meine Familie der Heilige Abend – mit einem schönen Essen, mit Singen, Erzählen und Geschenken.

Sie kümmern sich ehrenamtlich um Flüchtlinge. Wie geht es diesen Menschen, die erst mal eine Bleibe in Baesweiler gefunden haben?

Trigoso: Sie sind einsam – vor allem junge Menschen, die ohne ihre Familien zu uns gekommen sind. Die Sorge, wie es mit ihnen weitergeht, wie es um ihre Familien in den Herkunftsländern steht, macht sie seelisch krank. Viele leiden an psychosomatischen Krankheiten. Und dann werden sie auch noch beschimpft und zuweilen beleidigt. Immer wenn etwas Schlimmes passiert, etwa ein Anschlag oder eine Terrordrohung, wird das verallgemeinert.

Was wünschen Sie sich von den Menschen in unserer Region? Wie sollten sie Flüchtlingen am besten begegnen?

Trigoso: Flüchtlinge, die oft unter schwierigsten Umständen aus ihrer Heimat geflohen sind, brauchen Menschen, die sie ansprechen, Anteilnahme zeigen, ihnen zuhören, wenn sie über ihr Schicksal, ihr Heimweh, ihre Traumata erzählen wollen. Doch beim lauten Feiern – gerade jetzt in der Weihnachtszeit – werden solche Menschen an den Rand gedrängt. Ich wünsche mir, dass mehr Leute erste Schritte wagen, dass sie Fremden gegenüber ihr Herz öffnen, ihnen Zeit schenken, indem sie mit ihnen reden. Zeit ist nämlich das wertvollste Geschenk.

Wie sehen Sie das: Haben die Menschen in Deutschland Angst vor Fremden?

Trigoso: Ja, zweifelsohne. Das habe ich selbst zu spüren bekommen, als ich vor 37 Jahren nach Deutschland kam. Deutsche sind freundlich, aber sie tun sich schwer, neue Leute kennen zu lernen, sind erst mal skeptisch gegenüber allem Fremden. Wenn aber einmal der Funke übergesprungen ist, entstehen Freundschaften fürs Leben.

Was macht Sie in Sachen Fremdenfeindlichkeit wütend?

Trigoso: Nazi-Parolen machen mich wütend, ich fühle mich ohnmächtig. Es ist schlimm, wenn Menschen – zum Glück nur vereinzelt – nach einem starken Führer verlangen und sich, das ist mir selbst gesagt worden, einen Hitler zurückwünschen.

Wie reagieren Sie auf solche Parolen?

Trigoso: Ganz einfach. Ich antworte dann: „Haben Sie vergessen, dass auch ich ein Ausländer bin?!“ Zum Glück gibt es viele positive Ansätze, etwa dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Schülern Gedenkstätten besuchen.

Was können Kirchen tun, um Fremdenfeindlichkeit entgegenzuwirken?

Trigoso: Sie sollen endlich mehr Stellung beziehen. Das gilt andererseits auch für muslimische Gemeinden. Christen und Muslime könnten zusammenarbeiten und etwa eine Nacht der Religionen veranstalten: mit Gesprächen, Musik, Essen.

Was wäre, wenn Jesus hier unter uns weilte? Was würde er Ihrer Meinung nach sagen?

Trigoso: Er würde die Himmelfahrt erst mal auf unbestimmte Zeit verschieben und sagen: „Ich bleibe hier, es gibt noch sehr, sehr viel zu tun für mich.“

Wie finden Sie – bei Ihrer wertvollen, aber auch anstrengenden Arbeit – zu Ihrer eigenen Mitte?

Trigoso: In der Tat bereiten mir die Probleme, mit denen ich mich auseinandersetzen muss, manche schlaflose Nacht. Meditieren und in Ruhe einen Espresso trinken: Das hilft mir am besten, wieder zu mir selbst zu finden.

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