Singer-Fabrik: Abriss ist erstmal ein Tabu

Von: Georg Pinzek
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Die Bauwerke der Industriegeschichte stehen mitten in der Stadt: Nach der Eingabe beim Amt für Denkmalpflege dürfen sie vorerst nicht abgerissen werden. Foto: Georg Pinzek
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Soll unter Denkmalschutz gestellt werden: der Treppenturm mit den spitzen Fenstern.

Würselen. Den respektvollen Umgang mit der Baugeschichte hat Achim Großmann immer wieder reklamiert. Das gilt natürlich auch für das Singer-Gelände. Beim Amt für Denkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland mit Sitz in der Abtei Brauweiler in Pulheim hat er einen Antrag auf Unterschutzstellung und Aufnahme in die Denkmalliste von Gebäuden der früheren Zigarren- und Nadelfabrikation an der Kaiserstraße in Würselen gestellt.

In Absprache mit der der Stadt wurde eine vorläufige Unterschutzstellung verfügt, in der Konsequenz die bereits erteilte Abrissgenehmigung aufgehoben. Das bestätigte Technischer Beigeordneter Till von Hoegen auf Anfrage unserer Zeitung.

Ortstermin im Mai

Die Politik wurde darüber informiert und selbstverständlich auch der Investor. Der zeigt sich laut von Hoegen nicht beunruhigt: „Er wird seine Arbeit fortsetzen, die Zeit nutzen, mit weiteren Ankermietern zu sprechen. Gegebenenfalls wird er die Planung anpassen.“ Bereits im Mai soll es mit den zuständigen Behörden einen Ortstermin auf dem Singer-Gelände geben, kündigte von Hoegen an. An der Entwicklung des Singer-Geländes auf der rund 26.000 Quadratmeter großen Industriebrache im Zentrum hat die Stadt großes Interesse. Doch die Vermarktung der Flächen dauert derzeit länger als erwartet. Bislang wurde lediglich ein Supermarkt als potenzieller Ankermieter gefunden. Der 1750 Quadratmeter große Frischmarkt soll die Versorgungslücke in der City schließen. Insgesamt soll eine Einzelhandelsfläche von insgesamt 9200 Quadratmetern angeboten werden. Über 13.000 Quadratmeter sind für Wohnzwecke reserviert, für Gastronomie 544 Quadratmeter, für Praxen 1779 Quadratmeter.

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Gleichwohl die vorläufige Unterschutzstellung zwecks Prüfung das komplette Areal betrifft, gilt das Interesse an drei mit einander verbundenen Gebäuden. „Es handelt sich um den vorderen Backsteinbau, den Treppenhausturm und das sich anschließende Gebäude, von dem zwei Seitenteile der Fassade fast unverändert sind. Der Backsteinbau dürfte alter als 100 Jahre sein, die beiden Gebäudeteile stammen aus den 20er/30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Das Ensemble in wesentlichen Bestandteilen erhalten,“ formuliert Großmann in seinem Antrag.

Bei den Gebäuden handele es sich um ein bedeutendes Zeugnis der Würselener Industriegeschichte, heißt es weiter in der Begründung. „Das Ensemble hat damit einen unersetzlichen Dokumentationswert für die Geschichte der Menschen in der Stadt Würselen, besonders für die Entwicklungsgeschichte der Arbeits- und Produktionsverhältnisse. Die Zigarrenherstellung hatte in Würselen von etwa 1860/1870 bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts eine erhebliche Bedeutung. Zwischenzeitlich wurden mehrere 100 – allein bei der Fabrik Philipps in Haal bis zu 400 – Beschäftigte, meist Frauen, in diesem Erwerbszweig gezählt. Die Nadelindustrie, auch aus der Zeit um 1870 stammend, beschäftigte zwischenzeitlich sogar über 1000 Arbeiter, der letzte Betrieb wurde in Würselen erst 2005 geschlossen“, informiert Großmann die Denkmalpfleger.

Hohe gestalterische Qualität

Für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem historischen Erbe setzt sich Großmann ein, zumal die steinernen Zeugnisse durch Krieg und bisweilen auch unglückliche städtebauliche Entwicklungen kaum noch zu finden sind: So sei die „hohe gestalterische Qualität und die städtebauliche Bedeutung dieses Ensembles“ für die Erhaltung ausschlaggebend. Eine Beseitigung dieser bau- und industriegeschichtlichen Zeugnisse würde die städtebauliche Struktur so zerstören, dass man historisch die Anwesenheit der prägenden Industrieproduktion inmitten der Stadt nicht mehr ablesen könnte.

Großmann erklärt abschließend: „Wir sind es den Generationen, die vor uns die Stadt gestaltet haben, schuldig, dieses Erbe zu bewahren und durch kluge städtebauliche Entwicklungen die Erinnerung lebendig zu erhalten. Eine wirklich überzeugende städtebauliche Entwicklung des Singer-Geländes setzt den respektvollen Einbezug dieser historischen Gebäude voraus, um nachhaltig zu wirken und dem Ort seinen eigenständigen und unverwechselbaren Charakter zu bewahren.“

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