Selten geworden: Hauptamtliche Kantoren

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
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Herbert Nell

Herzogenrath. Der morgige Totensonntag ist auch der heiligen Cäcila gewidmet, Patronin der Kirchenmusik und der Kirchenchöre. Doch um beides ist es nicht mehr unbedingt gut gestellt. Herbert Nell aus St. Gertrud in Herzogenrath ist einer der letzten hauptamtlichen Kantoren im Bistum Aachen. Er äußert sich dazu im Wochenend-Interview.

Sie gehören zu einer aussterbenden Gattung als hauptamtlicher Kantor einer Kirchengemeinde. Wie viele Vollzeit-Kirchenmusiker gibt es noch im Bistum Aachen?

Nell: Würde wohl reichen, um „Artenschutz“ zu beantragen. Als ich vor 25 Jahren meinen Dienst in zunächst zwei, später drei Gemeinden begann, gab es in der Region Aachen-Land noch weit über 20 solcher Stellen. Mittlerweile arbeiten meines Wissens nur noch zwei weitere Kollegen als Vollzeitmusiker mit hauptamtlichem Examen. Eine Publikation in der KiBA (Kirchenmusik im Bistum Aachen) vom Oktober besagt, dass ab 1. Januar ausgewählte Stellen finanziell gefördert werden, aber nur drei in unserer Region. Bei der intern getroffenen Auswahl war auf meine Nachfrage hin in Herzogenrath keine solche Stelle vorgesehen.

Sie sind in St. Gertrud also in einer glücklichen Lage?

Nell: Ja, tatsächlich, und da schließe ich meine Frau Andrea ein: Wir dürfen gestalten und uns frei entfalten, ohne dass uns große Vorgaben gemacht werden. Dies hat zu einer musikalischen Bandbreite geführt, die, von der gregorianischen Musik unserer Choralschola über das Renaissance-Flötenensemble, das A-Cappella-Doppelquartett „Camerata vocale“, die Kirchenchöre St. Marien und St. Gertrud, den Kinderchor, die Mädchenschola, drei Flötenkreis-Jahrgänge im Aufbau bis zum 14-tägig probenden An.Ge.lus-Chor (Gospel & more) und einen regelmäßig frei zusammengestellten Projektchor reicht. Der seit 2002 jährliche Weihnachtsausklang bringt immer bis zu 150 Aktive auf die Beine. Dieses reiche Angebot wurde stets unterstützt von den musikliebhabenden Priestern Peter Reuters und seit 2002 Dr. Guido Rodheudt und den Kirchenvorständen, die auch den pastoralen Faktor „Musik“ würdigen. Es geht eben nicht um musikalischen Selbstzweck oder Selbstverwirklichung, sondern um einen Dienst für Gott und an der Gemeinde. Anspruch und Erwartung auf höchstmögliches Niveau soll damit auf keinen Fall in Abrede gestellt werden. Dies gilt für jedes Konzert, aber erst recht für jede liturgische Feier, wohl wissend, dass wir Menschen und keine Maschinen sind.

Der Allgemeine Cäcilienverband hat schon vor Jahren appelliert, in der Krise Chancen zu erkennen. Das Singen mit Kindern etwa verzeichne „beeindruckende Zuwachsraten“ ...

Nell: Meine Frau Andrea und ich sind im Bereich der musikalischen Früherziehung der Kinder sehr aktiv. Während mein Schwerpunkt die Ausbildung an der Blockflöte ist, gründete sich unter ihrer Initiative der Kinderchor St. Gertrud mit über 60 Kinder zu Spitzenzeiten. Diese Arbeitsteilung hat sich bewährt. Auch ein gemeinsames Musizieren im Gottesdienst geht problem- aber nicht probenlos. Die Arbeit mit Kindern steht zurzeit aber unter keinem guten Stern. Dies ist zum einen auf die Überalterung der Bevölkerung zurückzuführen, zum anderen aber auch auf eine übersteigerte Einflussnahme des Staates, der Kindern durch offene Ganztagsschulen und Einführung des G8 bei Gymnasien immer weniger Freizeit lässt. Kinderchorarbeit findet deshalb seit drei Jahren teilweise in der Schule statt. Außerschulische Bildungsangebote bleiben auf der Strecke, wovon nicht nur wir, sondern auch Vereine ein Lied singen können. Die negativen Auswirkungen werden sich in den nächsten Jahren noch deutlicher zeigen, Gemeinsinn wird kaum mehr erfahrbar – Vereinsamung statt Verein. Chancen in dieser Krise, die eher eine gesellschaftliche ist, kann ich nicht erkennen. Die oft beschworene Entschleunigung wäre nur ein erster Schritt. Als Hobbyradler weiß ich: Erst mal langsamer, wenn ich wenden muss, jede Sackgasse ist irgendwann zu Ende.

Wie schätzen Sie die Situation der Kirchenchöre im Allgemeinen ein?

Nell: Die Situation der klassischen Kirchenchöre ist in den meisten Fällen problematisch. Auch hier ist Überalterung das Hauptproblem. Mein erster Kirchenchor, den ich zu Studentenzeiten im Jülicher Raum geleitet habe, wurde mangels Sänger vor kurzem aufgelöst. Dieses Schicksal teilt seit vergangenem Jahr auch mein Kirchenchor in St. Antonius. Zeichnet sich eine altersbedingte Abwärtsspirale ab, gibt es so gut wie kein Halten mehr. Die Auflösung des Antonius-Chors war das traurigste Erlebnis meines bisherigen Berufslebens. Auf der anderen Seite gibt es auch (schnell) wachsende Chöre, etwa unsere beiden Innenstadtchöre: Seit Jahren sind sie in der Gruppenstärke konstant, bisweilen mit leichtem Zuwachs. Bei meinem englischsprachigen Chor An.Ge.lus reicht der Probenraum gerade noch aus: Der Einzugsbereich erstreckt sich von Übach-Palenberg und Baesweiler über Alsdorf und Würselen bis Aachen/Walheim. Die Chorlandschaft bleibt also vielfältig: „Nichts ist so beständig, wie der Wandel“, sagte Heraklit. Um diesen Wandel zu begleiten, bedarf es kontinuierlicher Arbeit. Hier rückt wieder die Unterstützung der Gemeinde in den Mittelpunkt, für die ich sehr dankbar bin. Nach Einführung der Schlüsselzuweisungen entschied man sich bei uns für den Erhalt der Kirchenmusik, wohingegen in vielen anderen Gemeinden wegen der finanziellen Kürzungen ein Exodus vieler hochqualifizierter Kollegen einsetzte, was zur Austrocknung der Chorlandschaft beigetragen hat.

Ihre Frau Andrea ist als Chorleiterin tätig. Sähen Sie für Ihre Söhne Sebastian und Alexander auch eine kirchenmusikalische Zukunft?

Nell: Obwohl wir beide den schönsten Beruf der Welt haben, sind wir froh, dass sich unsere Kinder, ungeachtet ihrer sicher vorhandenen Befähigung, mit dem nebenamtlichen C-Examen zufrieden geben und etwas „Vernünftigeres“ studieren. Der Beruf des hauptamtlichen Kirchenmusikers ist leider nicht krisensicher.

Hauptamtler werden durch Ehrenamtler ersetzt: Welche Unterschiede gibt es bei der Ausbildung (A-/B- respektive C-/D-Musiker)?

Nell: Das hauptamtliche Studium (A/B) heute Master bzw. Bachelor ist ein Vollzeitstudium an einer Universität oder privaten Kirchenmusikschule. Der Kirchenmusiker wird gerne als „eierlegende Wollmilchkuhsau“ beschrieben. Denn dieser interessante Beruf bietet eine Vielfalt an Betätigungsfeldern, dem die Ausbildungsinhalte entsprechen müssen. Zu meiner Studienzeit waren das Fünf-Tage-Wochen, die oft mit Orgelübestunden um 7 Uhr begannen und mit Chorproben gegen 22 Uhr endeten – zumindest im 1. Ausbildungsjahr. Bei der C-Ausbildung kann solcher Zeitaufwand nicht betrieben werden. Die zweijährige Ausbildung wird vom Generalvikariat, Abteilung Kirchenmusik, organisiert und hauptsächlich dezentral bei den Regionalkantoren (zwei Stunden pro Woche) absolviert. Das Stundenverhältnis dürfte weit unter zehn Prozent liegen. Empathie und Enthusiasmus finden sich aber jenseits aller Examina bei allen guten Kirchenmusikern.

Wo haben Sie studiert?

Nell: Von 1985 bis 1989 Studium im St.-Gregorius-Haus mit Abschluss B- Examen, dann dort Aufbaustudium mit Kantorenabschluss (A-Prüfung) 1991. An diese Jahre denke ich gerne zurück, zumal ich 1989 meine Frau Andrea dort kennenlernte.

2007 wurde die Hochschule für Kirchenmusik St. Gregorius in Aachen geschlossen. Was hat dies für das Bistum Aachen bedeutet?

Nell: Zunächst einmal eine Kostenersparnis, allerdings mit einer Signalwirkung – Stichwort Exodus. Mitte der 80er Jahre explodierten, bedingt durch die geburtenstarken Jahrgänge, die Anmeldezahlen des St.-Gregorius-Hauses. Für 50 Bewerber standen etwa 15 Studienplätze zu Verfügung. Man musste damals zum besten Drittel gehören, um einen Studienplatz zu erhalten, während rund zehn Jahre später wegen rückläufiger Bewerberzahlen bereits das Bestehen der Aufnahmeprüfung häufig ausreichte. Die im Jahr 2000 erfolgte Umwandlung der Schule zur Hochschule schien die Lösung zu sein, die Ausbildungsstätte für angehende Kirchenmusiker wieder attraktiver zu machen; namhafte Lehrer wurden berufen. Das Ergebnis ist bekannt und schmerzt. Zuvor zeichnete sich Mitte der 90er Jahre ein Trend zu einer veränderten Schwerpunktsetzung seitens des Bistums ab. Zu dieser Zeit war ich in die C-Ausbildung nebenamtlicher Kirchenmusiker eingebunden, der Fächerkanon orientierte sich zunehmend an Ausbildungsinhalten der Hauptamtlichen. Im Augenblick arbeiten viele C-Kollegen in Vollzeitstellen. Eine Entwicklung, die damals vorausgesehen und heiß diskutiert wurde, letztlich jedoch nur zur Kenntnis genommen werden konnte. Heute würde ich mich auch fragen: Warum 3 bis 5 Jahre Studium?

Welche Bedeutung hat Musik in der Kirche? Und für Sie persönlich? Sie sind ja auch kompositorisch tätig ...

Nell: Musik ist die universelle Sprache, vieles lässt sich mit ihr nachfühlen. Freud‘ und Leid, Verzweiflung und Bitte, um nur einige Aspekte zu nennen. Deswegen ist Musik aus der Kirche nicht wegzudenken. Die Gebete der Kirche und die Texte der Heiligen Schrift im ein- oder mehrstimmigen Gesang zum Klingen zu bringen, mit geeigneter Orgelmusik auf den Gottesdienst einzustimmen, aber auch Stimmungen aufzunehmen, um diese dann in Orgelimprovisationen zu Tönen werden zu lassen, macht die musica sacra zu einem unverzichtbaren Merkmal der Liturgie. Bei Kompositionen ist das deutlich schwieriger. Dennoch gelingt es hin und wieder, kreative Gedanken in Form und dann zu Papier zu bringen. Anders verhält es sich mit Sätzen für den Chorgesang. Diese „Gebrauchsmusik“ muss in erster Linie praktikabel sein, weswegen ich das Wort komponieren dafür nicht gerne verwende. Eine meiner frühesten Erinnerungen war die Aufführung der G-Dur Messe von Schubert in meinem Heimatort Kottenheim. Mein Vater war als Chorsänger häufig auf der Orgelempore, der Rest der Familie in der Regel auch. Das größte war, neben dem Organisten sitzen zu dürfen und hin und wieder im Schlussakkord eine passende Taste runterzudrücken – das war meine Berufung und ist es bis heute.

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