Segelfliegen: 50 Piloten gegen die Zeit und das Wetter

Von: Tyrone Schwark
Letzte Aktualisierung:
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Herz und Seele des Euregiocups: Tobias Bienek und Angelika Rebischke.
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Zum 17. Mal findet der Euregiocup auf Merzbrück statt. In diesem Jahr treten 50 Piloten mit ihren Maschinen an fünf Flugtagen gegeneinander an. Im Bild eine Startaufstellung aus dem vergangenen Jahr. Foto: Leo Wolter
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F-Schlepp: Die Merzbrücker Flieger lassen sich mit Hilfe eines Motorflugzeugs in die Höhe ziehen.
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Das Aachener Kreuz aus der Sicht der Segelflieger.

Würselen. Über einen halben Kilometer hoch in der Luft verwandelt sich die Region optisch in eine Miniaturlandschaft. Einen Ausblick, den ich von Flügen in den Urlaub kenne. Das Gefühl, in einem Segelflieger zu sitzen, ist allerdings anders. Allein größentechnisch: Es ist eng wie in einer Badewanne. Personen mit Neigung zur Klaustrophobie sollten sich hier nicht probieren – trotz des Gefühls der Freiheit, so weit über dem Boden zu sein.

Eins schwirrt mir bei meinem ersten Flug allerdings unterschwellig durch den Kopf: „Was, wenn ich wirklich rausspringen muss? Wäre ich schnell genug, den Fallschirm zu ziehen?“ Das Flugzeug fällt einige Meter ab, mein Bauch zieht sich zusammen, ein Gefühl wie bei einem Luftloch im Passagierflieger. Nur deutlich stärker. „Muss ich jetzt raus?“

Über diese Gedankengänge würden Angelika Rebischke und Tobias Bienek nur müde lächeln. Sie sind beide erfahrene Segelflug-Piloten und haben schon Hunderte Stunden in der Luft verbracht. Ihr zweites Zuhause ist der Flugplatz Merzbrück. „Ich versuche, immer am Wochenende hier zu sein, als Student war ich teilweise sogar jeden Tag hier“, sagt Bienek. Aktiv sind beide für den Luftsportverein Aachen (LVA), der insgesamt 200 Mitglieder groß ist. Auch bei der Ausrichtung des 17. Euregiocups, der über Pfingsten stattfindet, mischen sie mit: Rebischke kümmert sich um Organisatorisches, Bienek wird – wie auch im Vorjahr – als Sportlicher Leiter eingesetzt.

Je nach Wetterlage müssen bei diesem Wettbewerb die 50 teilnehmenden Piloten 200 bis 500 Kilometer mit ihren Flugzeugen pro Tag hinter sich lassen und verschiedene Aufgaben erfüllen. So sammeln sie Punkte für die Tages- und Gesamtwertung. „Natürlich wird bei der Punkteberechnung nicht nur berücksichtigt, wie schnell oder weit ein Pilot kommt, sondern auch, welche Maschine er fliegt“, sagt Bienek. Dadurch sei gewährleistet, dass auch Piloten mit älteren Flugzeugen gute Chancen haben.

Neben der Erfüllung der verschiedenen Tagesaufgaben ist es natürlich auch wichtig, dass alle Flugzeuge am Abend wieder nach Merzbrück zurückfinden. Sollte das einmal nicht klappen, stehen sogenannte Rückholmannschaften bereit. Diese sammeln einen zu früh gelandeten Flieger vom Außenlandacker auf und bringen ihn mit einem Spezialanhänger zurück zum Flugplatz. „Das kann schon mal vorkommen“, sagt Rebischke. „Gerade bei den Flugschülern, die noch nicht so viele Alleinflüge hatten.“ An der Veranstaltung dürfen nämlich nicht nur gestandene Piloten teilnehmen, sondern auch Schüler mit ihren Fluglehrern erste Erfahrungen im Streckenflug-Wettbewerb sammeln.

Kurz vor meinem ersten Segelflug bekomme ich noch eine Sicherheitsanweisung, dann geht es los. Mit einem Fallschirm auf dem Rücken sitze ich auf dem hinteren Sitz in einer der Lehrflugzeuge des Vereins. Mein Pilot ist Tobias Bienek. Blöd nur, dass ich seinen Spitznamen erst jetzt erfahre: „Turbo“. Ein Motorflugzeug zieht uns mit einem Seil über den Rasen des Flugplatzgeländes, Flugzeugschlepp heißt diese Methode im Segelflugsport. Unser Cockpit verwandelt sich in eine Rüttelmaschine. Bei 80 km/h heben wir langsam ab. Kurze Zeit später befinden wir uns in 600 Metern Höhe, unser Schlepper klinkt uns aus. Ab jetzt sind wir auf uns allein gestellt.

Um selbst ein Segelflugzeug fliegen zu dürfen, muss man in Deutschland mindestens 13 Jahre alt sein. „Aber da sind Sondergenehmigungen notwendig, das normale Einstiegsalter ist 14“, sagt Rebischke. In der Segelflugausbildung lernt man sowohl praktisches als auch theoretisches Wissen über das Segelfliegen. Dabei startet man zuerst in einem Schulungsdoppelsitzer und wird an das selbstständige Fliegen herangeführt. Nach durchschnittlich 50 bis 100 Flügen darf man dann auf einen Einsitzer wechseln und den ersten Alleinflug durchführen.

Diese Ausbildung hat Turbo schon längst hinter sich. Mit 15 hat er das Segelfliegen für sich entdeckt. Bis heute hat der 30-Jährige über 1500 Flugstunden gesammelt. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit. Langsam gleiten wir über Würselen und Umgebung, die Autos auf dem Aachener Autobahnkreuz sehen aus wie kleine Spielzeugwagen. Es ist ein idyllischer Tag, durch die Wolken dringt immer wieder das Licht der Sonne. Doch dann macht Bienek seinem Spitznamen alle Ehre: Bei Tempo 200 stürzt er uns Richtung Erde, reißt uns schlagartig wieder nach oben und fliegt enge Kurve. Nicht nur unser Flugzeug muss grade einiges aushalten, auch meinem Gesicht sind die Strapazen anzusehen. „Das sind jetzt etwas mehr als 2,5 g“, ruft mir Turbo zu. Es fühlt sich aber nach deutlich mehr an.

Das Segelflugzentrum (SFZ) Aachen-Merzbrück steht trotz einer etwas schwierigen Luftraumbegrenzung – bedingt durch die Nähe der großen Reiseflughäfen in Köln-Bonn und Düsseldorf – mehr als gut da. In NRW ist es das beste SFZ, deutschlandweit belegt es den vierten Platz und auf der Weltrangliste steht es auf der 23. Position. Nicht umsonst ist Merzbrück auch der hiesige Landesleistunggsstützpunkt. Zusammen mit den anderen beiden Vereinen, der Segelfluggruppe Nordstern und der Flugwissenschaftlichenvereinigung Aachen, bildet der LVA so Talente für die Zukunft aus. Und das Konzept trägt bereits Früchte: Immer wieder können junge Piloten Erfolge bei Deutschen Meisterschaften feiern, einige gehören sogar der Deutschen Nationalmannschaft an.

Trotzdem plagen auch die hier ansässigen Vereine Nachwuchsprobleme. Das liege oft daran, dass Segelfliegen als elitärer und unbezahlbarer Sport wahrgenommen wird. „Dabei ist es auch nicht teurer als Reiten zum Beispiel“, sagt Rebischke, „eher sogar noch billiger für die Jugendlichen, da sie hier auch deutliche Rabatte bekommen.“ Der Irrglaube, eine eigene Maschine besitzen zu müssen, sei auch weit verbreitet. „Wir stellen die Lehrflugzeuge“, sagt sie. „Und wer noch etwas sparen will, der kann das, indem er viele Aufgaben bei uns übernimmt“, ergänzt Bienek. Denn es gibt einen vorgegebenen Mindestaufwand, den man im Verein ableisten muss. Dazu zählen zum Beispiel die Wartung der Flugzeuge oder Arbeiten in der Werkstatt. Wer länger als diese vorgegebenen Stunden arbeitet, der bekommt einen Beitragsrabatt. Andersrum müssen Mitglieder auch mehr bezahlen, wenn sie dieses Pensum nicht ableisten.

Nach 15 Minuten ist mein erster Segelflug beendet. Eigentlich bin ich froh, nach den Strapazen wieder Richtung Erde zu gleiten. Beim Aufsetzen auf den Rasen ruckelt es noch einmal kräftigt, dann kann ich die Luke wieder öffnen und meine Füßen auf den Boden setzen. Noch sind meine Beine etwas wackelig und mein Kreislauf deutlich angeschlagen. Das war der Ausblick von da oben fraglos wert.

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