Schulz will Debatte über eine bessere EU

Von: Daniel Gerhards
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Riesiges Interesse: Zur Präsentation des neuen Buchs „Der gefesselte Riese – Europas letzte Chance“ von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (l.) kamen rund 400 Besucher. Er stand bei Moderator Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, Rede und Foto: Andreas Hermann

Würselen/Aachen. Eigentlich liest Martin Schulz nie ab. Der Präsident des Europäischen Parlaments verzichtet so gut wie immer auf ein Manuskript, wenn er spricht. Doch am Samstag musste aufs Papier schauen, denn es ging um sein neues Buch „Der gefesselte Riese – Europas letzte Chance“. Schulz las einige Passagen daraus vor.

Aber eine reine Lesung sollte es nicht werden. Schulz stellte sich den Fragen von Moderator Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, und interessierten Gästen. Und die Neugier war riesig: Eigentlich sollte die Buchpräsentation im kleinen, aber feinen Alten Rathaus stattfinden. Doch die Organisatoren erkannten, dass die Räume dort schlicht zu klein sind. Also zog man in die Aula des Gymnasiums um. Es kamen rund 400 Besucher.

Analyse der Situation

Und die kamen auf ihre Kosten: Schulz liefert mit seinem Buch eine Analyse der aktuellen Situation der EU, in der er durchaus kritisch mit den europäischen Institutionen ins Gericht geht. Denn Schulz wolle „nicht die EU verteidigen, wie sie heute aussieht, sondern vielmehr beschreiben, wie sie aussehen könnte, wenn wir sie verändern und verbessern“. Das Buch sei ein „Plädoyer für eine stärkere Integration“.

Dabei dürfe es keine Pro- und Kontra-Diskussion zu Europa geben. „Wir sollten eine Debatte darüber führen, welches Europa wir wollen“, sagte Schulz. Denn zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte sei das Scheitern der EU ein realistisches Szenario – das zudem kaum noch Schrecken verbreite. Deshalb benötige man eine „in die Zukunft gerichtete Begründung, warum wir Europa brauchen“. Schulz hält dies für notwendig, um auch junge Leute von der EU zu überzeugen.

Interessanter für junge und ältere EU-Bürger könne man den Europa-Wahlkampf gestalten. Schulz plädierte dafür, dass es europäische Spitzenkandidaten der Parteien geben soll. Dann könnte man erleben, wie ein deutscher SPD-Spitzenkandidat die Unterstützung der französischen und italienischen Sozialisten bekommt. Andersherum müssten die CDU und die französischen Konservativen vielleicht einen polnischen Spitzenkandidaten unterstützen. Das könne für einen „aktiveren und spannenderen“ Wahlkampf sorgen, glaubt Schulz.

Das Parlament, in das die Abgeordneten nach der Wahl einziehen, redet nach dem kommenden Urnengang mit, wenn ein neuer Kommissionspräsident bestimmt wird. Schulz geht davon aus, dass keine Partei die absolute Mehrheit bekommen wird. Also müssten die Parteien Koalitionen bilden, um den Kommissionspräsidenten zu benennen. Dieser Prozess könne die EU demokratischer machen.

Kommissionspräsident? Das wäre doch eine Position für Martin Schulz. Aber davon wollte er noch nichts wissen. Moderator Bernd Mathieu fragte ihn zwar mehrfach nach seinen Ambitionen auf das Amt, aber Schulz gab keine klare Antwort. Er wolle sich zunächst seiner aktuellen Aufgabe widmen.

Klartext sprach Schulz zur Frage, ob man südeuropäische Krisenstaaten aus dem Euro werfen soll. „Wir müssen dringend darauf achten, dass sie drin bleiben“, sagte er. Aber Italien und Co. müssten ihre Staatshaushalte konsolidieren. Dabei könne die EU helfen: „Wir müssen es hinbekommen, dass dort Wachstum entsteht, ohne Wachstum ist kein Haushalt in Ordnung zu bringen“, sagte Schulz.

So sei die Wirtschaft in der italienischen Region Emilia-Romagna von kleinen und mittelständigen Unternehmen geprägt. Die könnten Leute einstellen, aber sie bekämen schlicht keine Kredite, sagte Schulz. Was die EU tun kann: Ein Kredit-Programm für solche Firmen auflegen und damit die Wirtschaft in Schwung bringen.

Zwar sei Schulz – wie viele andere – „unzufrieden und zornig über den Zustand“ der EU, doch man dürfe die Union „nicht zum Tode verurteilen“. Das, wofür die EU steht, werde in vielen Teilen der Welt bewundert. Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit sind für Schulz Begriffe, die eng mit der EU verbunden sind. „Je weiter man sich von der EU entfernt, umso größer wird die Faszination, die von ihr ausgeht“, sagte er.

Tagebuch als Grundlage

Dass Schulz ein Verfechter der EU ist, ist lange bekannt. Aber dass er nun, als Präsident des Europäischen Parlaments, die Zeit findet, ein Buch zu schreiben, ist schon bemerkenswert. Dabei half umfangreiches, chronologisches Material: „Ich führe seit über 30 Jahren Tagebuch. Aus den Aufzeichnungen wurde relativ schnell klar, wo die Hauptkrisenlinien sind und welche Antworten ich gebe“, sagte Schulz. Dann setzte er sich jeden Abend hin und schrieb. Bei 272 Seiten war er fertig.

Den Lohn, den er als Autor dafür bekommt, will Schulz nicht behalten: Seine kompletten Honorare spendet er an den Aachener Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte und den Förderverein der Stadtbücherei Würselen. Beide Einrichtungen können hoffen, dass dabei eine Menge Geld herumkommt: Bereits am Freitag war das Buch von Martin Schulz auf Platz 1 der Verkaufsliste des Internethändlers „Amazon“.

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