Schule Bierstraß: Expertenmeinungen widersprechen sich

Von: Beatrix Oprée
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Nebel noch nicht ganz gelichtet: Die große Koalition hat noch Beratungsbedarf, was den Grundschulstandort Bierstraß angeht. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Erneut haben die Eltern Unterschriftenlisten ausgelegt, ihr Einsatz geht in die nächste und entscheidende Phase: Denn am Dienstag, 25. Oktober, soll in einer Sondersitzung des Ausschusses für Bildung, Sport und Kultur über die Zukunft des Schule Bierstraß, Teilstandort der Katholischen Grundschule (KGS) Herzogenrath (Regenbogenschule), beraten und entschieden werden.

Rund 1000 Unterschriften haben die Eltern seit Mai gesammelt, seitdem das Gerücht von der möglichen Schließung des altehrwürdigen Backsteinbaus erstmalig die Runde machte. Über 800 sind Bürgermeister Christoph von den Driesch bereits überreicht worden. Doch die Initiatoren des Elternprotests sind weiterhin von Haustür zu Haustür unterwegs mit der Bitte um Unterstützung.

Dirk Windeck gehört zu ihnen. Sein Töchterchen ist vor wenigen Wochen erst eingeschult worden. „Damit besucht unsere Familie in fünfter Generation das Schulgebäude in Bierstraß“, erzählt der stolze Vater. Vor allem der nahe Schulstandort sei es gewesen, der die Familie dazu bewogen habe, vor gut zehn Jahren im Neubaugebiet Raderfeld ein Grundstück zu kaufen. Die zurzeit gegebene unmittelbare Nähe von Kindergarten und Schule stellt für die Eltern einen „entscheidenden“ Standortfaktor dar, das betonen sie auch in ihrer „Bürgeranregung zum Erhalt der Grundschule Bierstraß“, die sie dem Bürgermeister und den Stadtratsfraktionen zusammen mit den Unterschriften hatten zukommen lassen. Eine Schließung der Schule, so heißt es in der zwölf Punkte umfassenden Argumentationsliste weiter, „wäre somit für viele junge Familien, die sich im Einzugsgebiet der GS Bierstraß angesiedelt haben, ein Schlag ins Gesicht“.

„Kontraproduktiv“

Ergänzend weisen die Eltern darauf hin, dass im Einzugsgebiet neue Baugebiete erschlossen würden, unter anderem im Bereich Nordstern, so dass langfristig Bedarf für die Schule bestehe. Auch sei die Zahl der Kindergartenplätze im Roda-Kindertreff und in der Kita Herz-Jesu aufgestockt worden seien: „Eine Schwächung des Grundschulstandortes Bierstraß wäre daher kontraproduktiv.“ Zudem würde der neue Schulweg zur Leonhardstraße aufgrund der Querung der stark befahrenen Geilenkirchener Straße zu gefährlich.

Die Eltern verweisen in diesem Zusammenhang auf den auch landespolitisch vertretenen Grundsatz „kurze Beine – kurze Wege“, der in einigen Parteiprogrammen zur Kommunalwahl 2014 aufgegriffen worden sei. Genannt werden unter anderem SPD und CDU: „Wir fordern die Fraktionen auf, ihre Wahlversprechen zu halten.“

Diesen Wahlversprechen steht jedoch ein nicht genehmigtes Haushaltssicherungskonzept und der unbedingte Zwang zum Sparen gegenüber, aus dem bekanntlich diverse Prüfaufträge an die Verwaltung zur Abwägung der noch leistbaren kommunalen Standards resultierten. Die Inaugenscheinnahme der Schulstandorte gehört dazu.

Zwischenzeitlich liegen aber auch die im Leverkusener Beratungsbüro Dr. Garbe&Lexis erstellte Fortschreibung der Schulentwicklungsplanung einerseits sowie der überörtliche Prüfbericht der Gemeindeprüfungsanstalt (GPA) andererseits vor.

Die GPA zieht einen Vergleich der Schuljahr 2003/2004 zu 2013/2014 mit einem Rückgang der Schülerzahlen um 25 Prozent. Der Gebäudebestand sei in den neun Grundschulen in städtischer Trägerschaft indes nicht reduziert worden. Die Prüfer empfehlen, die beiden Schulen der KGS Herzogenrath an einem Standort zu konzentrieren – und Bierstraß aufzugeben.

Dr. Garbe indes hat für den SEP berechnet, dass bei einer möglichen Zusammenlegung der Schulen am Hauptstandort Leonhardstraße vier so genannte Time-out-Räume und ein Gruppenraum für die Offene Ganztagsschule (OGS) ergänzend geschaffen werden müssten. Zudem bedürfe es einer Verbesserung der Verpflegungssituation für die OGS-Kinder. Die bilanzierende Handlungsempfehlung des SEP: „Da die Grundschule Bierstraß eine stabile Einzügigkeit aufweist und darüber hinaus eine weitere Steigerung von Schülerzahlen (auch durch Zuwanderung) nicht unwahrscheinlich ist, sollte zum jetzigen Zeitpunkt kein Schulraum aufgegeben werden.“

Bürgermeister Christoph von den Driesch sieht auf Anfrage unserer Zeitung eine „volle Auslastung“ der Räume an beiden Schulstandorten bestätigt und stellt mit Blick auf die Schließungsempfehlung der GPA fest: „Im Moment gibt es, unabhängig von der Diskussion, die die Eltern führen, gar keine Grundlage, um kurzfristig irgendeine Entscheidung zu treffen.“ Der Erste Beigeordnete Hubert Philippengracht verweist ergänzend auf in der Tat gestiegene Geburtenzahlen sowie Zuzüge von Familien mit Kindern und die noch unbekannte Größe an Flüchtlingszuweisungen hin.

Auf Seiten der großen Koalition indes gibt es noch Beratungsbedarf, wie Stadtverordneter Dr. Manfred Fleckenstein (SPD), Mitglied des BSK und des Arbeitskreises Schulentwicklungsplan, auf Nachfrage mitteilt. Zu den Berechnungen der GPA stellt er fest: „Es ist schon etwas schräg, was uns hier vorgelegt wurde.“ Die GPA habe keine Rücksicht auf pädagogische Kontexte respektive die neuen raumgreifenden Entwicklungen wie OGS und Inklusion genommen. Die Prüfung beziehe sich zudem auf einen Zeitraum, in dem der benachbarten Käthe-Kollwitz-Schule noch keine Räume der Regenbogenschule zur Nutzung überlassen worden seien.

Auch dem SEP will Fleckenstein nicht ganz folgen, der für jede Klasse einen Time-out-Raum fordere: „Wir können aber nicht erwarten, dass wir in näherer Zukunft für jede Klasse zwei Lehrer haben“, auch wenn dies mit Blick auf die Inklusion angebracht wäre.

Fleckenstein will in Ruhe alle Zahlen analysieren. Bevor man über einen Schulumzug nachdenke, müsse an der Leonhardstraße die Mensa-Situation verbessert werden. Zurzeit würden hier mittags 80 bis 90 OGS-Kinder in drei Schichten auf dem Flur beköstigt.

Ganz nachvollziehen will er auch die Argumente der Eltern nicht, besonders hinsichtlich des Schulwegs: Denn der verlängere sich nicht wesentlich, und zur Sicherung werde selbstverständlich ein Schülerlotse eingesetzt. Fleckenstein: „Ich verstehe die Eltern, doch wir müssen objektiv entscheiden.“ Alles in allem handele es sich um eine Gratwanderung: „Wir müssen sparen, das darf aber nicht auf Kosten der Kinder gehen.“

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