Schüler widerlegen beim Austausch viele Vorurteile

Von: Lars Odenkirchen
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Sind nun Freunde: Przemek (2.v.l.) und Natalja (3.v.l.) haben sich mit ihren Gastgebern Marco und Helena gut verstanden. Foto: Lars Odenkirchen

Baesweiler. Man kann sich die Welt recht einfach machen: Deutschen sind kühl, arrogant, unfreundlich und emotionslos; Polen stehlen und sind kriminell. Solche Vorurteile wollten 22 Schülerinnen und Schüler am Baesweiler Gymnasium nicht hinnehmen.

Im Rahmen des Projekts „Umwelt baut Brücken” kam 2007 erstmals ein Austausch mit einer polnischen Schule aus der Krakauer Region zu Stande.

Das Projekt ist mittlerweile ausgelaufen - doch der Austausch lief in den beiden Jahren so erfolgreich, dass er auch in diesem Jahr weiterlebt. In Polen waren die deutschen Schüler im Januar zu Gast, nun stand der Gegenbesuch der 22 polnischen Schüler an, die von einer Lehrerin und zwei Lehrern begleitet wurden.

Noch in den Köpfen

Wie wichtig solch ein Dialog gerade auch aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit sein kann, bewies unlängst auf zwischenstaatlicher Ebene die Diskussion um Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Auch wenn der zweite Weltkrieg lange zurückliegt: Gerade in den Köpfen der Polen ist so manche deutsche Gräueltat noch immer präsent. „Die meisten Polen wissen schon genau, was während dieser Zeit passiert ist”, berichtete die polnische Lehrerin Anna Kyziol in nahezu perfektem Deutsch, „aber es soll unsere Beziehungen nicht stören. Wir möchten nur offen darüber reden, damit die Geschichte sich nicht wiederholt.” Die Lehrerin zeigte sich optimistisch: „Bei so einem Austausch entstehen reale Beziehungen. Das kann viel mehr bewirken, als es Politiker jemals könnten.” Ihre Schüler waren jedenfalls schnell vom Austausch begeistert: „So herzlich haben sich viele den Empfang nicht vorgestellt. Die Schüler sind positiv von der Reaktion der Deutschen überrascht.”

Przemek (17) war mit dem Besuch in Baesweiler bereits zum vierten Mal in Deutschland. „Ich bin nie schlecht behandelt worden”, meinte der polnische Schüler, der wie alle seine Mitschüler Deutsch in der Schule lernt. „Fremdsprachen lernen ist für mich mehr als Grammatik und Vokabeln pauken. Es geht auch um die Kultur, und wenn man die versteht, fällt auch das Lernen der Sprache leichter.”

Über zu wenig Kultur konnten sich die Schüler während ihres Aufenthalts nicht beschweren. Touren etwa nach Aachen, Maastricht oder Köln standen auf dem Programm, und bereits während der 20-stündigen Busreise hatten die polnischen Schüler Stopps in Dresden, Weimar und auf der Wartburg eingelegt. Der Eine oder andere stolperte dabei über Unterschiede zwischen den Ländern. „Warum hängen denn hier keine Deutschlandfahnen?” wollte etwa ein Schüler von Bürgermeister Willi Linkens wissen, als der die Schüler im Rathaus empfing. Und auch eine ganz spezielle Angst hatten sie fast alle, denn für kulinarische Genüsse sind die Deutschen im Nachbarland nicht bekannt. „Dabei ist das Frühstück hier eigentlich reichhaltiger” meinte Przemek.

Schlechtes über das Essen in Deutschland hatte auch seine Mitschülerin Natalja (17) gehört, doch „erstens ist das Essen gar nicht so wichtig, und außerdem ist es ziemlich vergleichbar mit dem, was ich von zu Hause kenne”. Zwei Unterschiede sind ihr dennoch aufgefallen: „Die Deutschen trinken unglaublich viel Apfelschorle. Und die Schule sieht irgendwie anders aus - vielleicht liegt das am Klima.” Wirklich stören kann dies die junge Polin allerdings nicht: „Ich bin sehr zufrieden. Baesweiler ist eine sehr schöne Stadt. Ich liebe dieses Land.” Bei Gesprächen mit ihrer Gastgeberin Helena waren allerdings auch die Schattenseiten Thema. „Ja, wir haben mehrere Abende über Vorurteile und die Vergangenheit geredet”, so Helena.

Die Besuche haben beiden Schülergruppen jedenfalls viel Spaß gemacht. Helena: „Das Programm war gut, die Ausflüge waren immer spannend und wir haben uns alle gut verstanden.” Mit Natalja hat sie Handynummern und E-Mail-Adressen ausgetauscht, es ist eine Freundschaft entstanden.

Denn trotz Vorurteilen, Vergangenheit und vermeintlich schlechtem Essen sind es am Ende klar die Gemeinsamkeiten, die die beiden Nachbarn verbinden.
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