Herzogenrath - Schüler präsentieren Buch: „Wie konnte die Menschlichkeit versagen?“

Schüler präsentieren Buch: „Wie konnte die Menschlichkeit versagen?“

Von: Holger Bubel
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Schüler der Herzogenrather Gesamtschule haben ihre Eindrücke, die sie bei einer Fahrt nach Auschwitz gesammelt haben, in einem Buch zusammengefasst: NRW-Schulministerin Sylvia Löhmann (Mitte) zeigt sich beeindruckt bei der Präsentation. Foto: Holger Bubel

Herzogenrath. Stille herrscht im Pädagogischen Zentrum der Europaschule Gesamtschule Herzogenrath, die Bühne ist in ein diffuses, fahles Licht getaucht. 19 junge Menschen, Schwarz gekleidet, bewegen sich lautlos, bedächtig, gesenkten Hauptes. Durcheinander und ohne Plan – aber sie berühren sich nicht.

Jeder wandelt für sich alleine und dennoch gemeinsam, aber in verschiedene Richtungen. Dann erstarren sie. Ein junger Mann richtet sich an das Auditorium: „Wir würden arbeiten müssen. Viel und hart. Nur warum die Mühe machen, uns zu waschen und zu versorgen?“ Die Stimme klingt aus, die Gruppe bewegt sich weiter, bis die nächsten sich ans Publikum wenden, ihre Botschaften verkünden bis zu der erschütternden Frage zum Schluss: „Hat die Welt etwas gelernt?“

Die Protagonisten auf der Bühne sind die jungen Frauen und Männer, die vor ziemlich genau einem Jahr mit ihrem Lehrer Thomas Wenge und weiteren Begleitern eine Studienfahrt in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz in Polen gemacht hatten, in dem fast eineinhalb Millionen Menschen durch die Nationalsozialisten umgebracht wurden. In Aufsätzen, Essays und sehr persönlichen Abhandlungen haben die Schüler ihre Erfahrungen als Besucher der Gedenkstätten, dem Stammlager Auschwitz und Birkenau, aufgearbeitet und in einem Buch zusammengetragen. Auf der Bühne haben sie Sätze, Textfragmente daraus rezitiert. Jedes Wort ist dabei ein Unikat ihrer ganz persönlichen Gefühlswelt. Zu hören sind Sätze wie: „Wenn man Auschwitz auf sich einwirken ließe, würde man daran zerbrechen.“ Oder Fragen: „Wie konnte zu diesem Zeitpunkt die Menschlichkeit versagen?“

Am Ende geben die Schüler dem Publikum Zeit, die Sätze auf sich wirken zu lassen. Minutenlang stehen sie still, ihre Rücken dem Publikum zugewandt, ihre Gesichter verbergend. Klänge von Chopin, gespielt von dem erst 16 Jahre jungen japanischen Musiktalent Nana Okumura am Flügel geben dem Gehörten noch einmal Tiefe. Emotionale Momente sind das auch für NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann.

Zur Würdigung dieses eindrucksvollen Buchwerkes war die Ministerin in die Europaschule gekommen. Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, war wegen der Jugend-Karlspreis-Verleihung in Aachen verhindert und schickte eine Grußbotschaft. Mit Hilfe von Sponsoren wie dem Euriade-Verein, dem Förderverein der Schule sowie Privatleuten und einem Bankinstitut (Sparkasse) wurde aus den Texten ein über 100 Seiten starkes Buch: „Dem Anderen… Unsere Hand… Auschwitz und kein Ende?“

„Wertvoll und wegweisend“

„Erinnerungskultur ist wichtig, wertvoll und wegweisend“, betonte Löhrmann, „wir lernen aus der Vergangenheit, um aufmerksam für die Gegenwart und Zukunft zu bleiben.“ Sie lobte das besondere Engagement der jungen Menschen und den Mut, die ganz persönliche Konfrontation mit Auschwitz und dem Holocaust in Worten nach außen zu tragen. Löhrmann betonte das hohe Gut der Meinungsfreiheit und spannte den Bogen in die Gegenwart, nach Syrien oder Afghanistan, wo eben keine Meinungsfreiheit herrsche, sondern Krieg und Leid – und die Menschen aus ihren Heimatländern vertrieben würden und auf der Flucht seien. „Ich entdecke heute Parallelen zu damals“, griff auch Werner Jansen, Leiter der Euriade, ein Bild auf: „Wie früher sehen wir auch heute Menschen hinter Stacheldrahtzäunen, die dem Leid entgehen wollen, deren Freiheit aber beschnitten wird.“

Mit Blick auf die Projekt-Schüler, aber auch auf seine gesamte Schule gerichtet, forderte Gesamtschulleiter Michael Schmitt den gesellschaftlichen Auftrag einer Erinnerungskultur ein: „In sozialen Fragen müssen wir alle uns engagieren. Wir dürfen nicht vergessen, aber wir müssen immer auch nach vorne blicken.“ Schmitt stellte gegenüber: „Menschenrechte, Anderssein, Integration, statt Ausgrenzung und Menschen hinter Zäunen halten.“

Dieses Thema griff auch ein Planspiel auf, mit dem sich die Schüler der Einführungsklassen und der Q1 zwei Tage lang intensiv auseinandergesetzt hatten und das sich mit der Flüchtlingsdiskussion auseinandersetzte. Ihr Vortrag verdeutlichte, dass bei allem guten Willen oftmals die Realisierung „an ihre Grenzen gerät“.

Die Frage zum Schluss der Präsentation der Auschwitz-Projekt-Schüler hallte da wieder nach: „Hat die Welt etwas gelernt?“

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