Alsdorf - Schubkarrenrennen: Brauchtumspflege der besonders jecken Art

Schubkarrenrennen: Brauchtumspflege der besonders jecken Art

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:
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Na, fühlt sich das gut an? Schubkarrenrenner Willi Elsen scheint noch nicht so ganz von der Massagetechnik an der zweiten Tankstelle, dem „Türkischen Bad”, überzeugt zu sein. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Apfeltee, nicht Abführtee! Willi Elsen hat sich bloß verhört. Eine Nachfrage sorgt prompt für Klarheit. „Ich dachte schon...”, sagt er, packt sich vielsagend ans Hinterteil und kippt die gelbe Flüssigkeit im angereichten Plastikbecher runter. Es gibt halt Dinge, die selbst ein Schubkarrenrenner nicht schlucken mag.

Obwohl der traditionell nicht gerade zimperlich bei der Wahl seines Getränks ist. Auch nicht bei allem anderen, wie sich jüngst erneut auf den Straßen von Zopp zeigt. Auf denen geht es beim Schubkarrenrennen zu wie bei einer wilden Mischung aus Karneval, Tollhaus und „Spiel ohne Grenzen”.

Ansonsten beschaulich

Es ist schon ein kurioses Brauchtum, das Jahr für Jahr den Höhepunkt des Siedlerfestes markiert. Ein Spektakel, das auch Zuschauer aus anderen Städten ins ansonsten recht beschauliche Zopp zieht. Dorthin, wo einmal im Jahr Kerle an Karren herumbasteln und schlichte Gebrauchsgegenständen zu wahren Kunstwerken machen.

So einer ist Alfred Reimers. Zwar ist der 59-Jährige seit geraumer Zeit dabei, doch hat er sich diesmal besonders viel Mühe gegeben. Dem Enkel zuliebe. Schließlich ist der vierjährige Erik der mitfahrende Mittelpunkt einer Karre, an der ein Schild „Ferien in Zopp” hängt.

Erik thront auf einem anmontierten Kinderstühlchen in einer Lego-Landschaft, die Zopp darstellt. Der kleine ist stolz auf den Opa. „Hat er gut gemacht.” Und wie glücklich ist er erst, als Opa kurz darauf an der ersten Spielstation abräumt, die auf dem Weg der Schubkarrenrenner liegt. Denn nicht um Tempo geht es bei all dem: Es geht darum, bei herrlich sinnfreien Spielen aufs Ganze zu gehen und sich vor Mitstreitern und Zuschauern - etliche begleiten den Pulk der Schubkarrenrenner auf seinem Weg - zum Affen zu machen.

Die Macher der ersten Spielstation haben fleißig Privatfernsehen geschaut, denn das „Dschungelcamp” - beliebte Zweitverwertungsstelle für drittklassige Prominente - ist hier das Vorbild. Wie die Sternchen sich im Dschungel mit allerlei Widerwärtigem herumschlagen müssen, leiden auch die Schubkarrenrenner.

Während sie sich nacheinander durch ein Wirrwarr von quer über die Straße gespannten Seilen mühen, werden sie nämlich von der Seite kräftig mit Wasser bespritzt und mit Mehl beworfen. Von dieser Mischung bekommen auch die Zuschauer einiges ab, doch stört das hier niemanden. Schließlich bekommt man ja etwas geboten, das man so rasch ganz sicher nicht noch einmal sieht. Gestandene Männer etwa, die beim zweiten Teil der Dschungelprüfung ihre Gesichter in Bottiche mit Wackelpudding tauchen, und mit dem Mund Plastikspinnen herausfischen. Und die kurz darauf Schlammpfützen durchwühlen, um Punkte zu sammeln.

Bewährter bunter Wedel

Bei diesem Remmidemmi hat Alfred Reimund die Nase vorn. Er liebt das. Trotz aller Unbill. „Wer ein echter Zopper ist, der will hier mitmachen. Das Rennen ist ein Ding, das die Leute einfach anzieht!”

Nach der Schlammschlacht zuckeln die Schubkarrenrenner - angeführt von Rennleiter Paul Haaren mit seinem bewährten bunten Staubwedel - zur zweiten und letzten Station an diesem Tag: dem türkischen Bad.

Dort ist Wellness allerdings ganz weit weg. Stattdessen liegen die Schubkarrenrenner auf knallharten Holzbrettern und werden nicht gerade zartfühlend von ihren Zopper Nachbarn durchgeknetet. Und als ob das nicht reicht, gibt es obendrein eine Gurkenmaske - für den Schubkarrenrenner, der sich sonst nichts gönnt...

Augen zu und durch

An dieser Station wird übrigens der oben genannte Apfeltee ausgeschenkt, den Willi Elsen zunächst für ein besonders verdauungsförderndes Gebräu hält. Doch selbst wenn es tatsächlich ein solches gewesen wäre: er hätte es geschluckt. Denn für einen Schubkarrenrenner gilt im Zweifelsfall stets das Motto: Augen zu und durch.
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