Schon Erstklässler lieben es „very british”

Von: Stefan Schaum
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„Yes we can!” Frei nach US-Präsident Barack Obama gehen Erstklässer in der Grundschule Broichweiden an die Fremdsprache heran. Foto: Schaum

Nordkreis. „What´s your name?” Der kleine Peter holt tief Luft, wirft sich in die Brust und lässt es kräftig raus: „My name is Piiieeter!” Und zwar mit ganz langem i. Peter, die betont britische Version. „Very good”, lobt Astrid Pagnia und der Erstklässler grinst stolz.

„Sehen Sie”, sagt die Leiterin der Grundschule in Broichweiden, „es macht den Kindern Freude.” Seit Februar gibt es für alle Erstklässler in Nordrhein-Westfalen, was für Drittklässler bereits seit 2003 verbindlich ist: Englisch auf dem Stundenplan. Das ist für die Schulanfänger jedoch (noch) kein normaler Unterricht, sondern eher eine quirlige Mischung aus Sprachbad, Spiel und Spaß.

„Das kann auch mal richtig ausgelassen werden”, sagt Astrid Pagnia noch, bevor sie den Klassenraum der 1c betritt. Dort schaltet sie kurz darauf den CD-Player ein und flotte Musik mit ein paar englischen Sprachbrocken beschallt die Kinder. Die springen auf, fangen an zu tanzen, klatschen, jubeln. Alle singen mit. Das Begrüßungslied ist schon ein Ritual, der Beginn jedes Sprachbades. Anschließend spricht die Lehrerin die Kinder nacheinander an. „Mary, sit down, please.”

Das Kind setzt sich. „Stand up, please.” Es steht auf. „Very good.” Ein anderes verlässt kurz das Klassenzimmer als es hört: „Go to the door. Open the door. Go out.” Kleine Sätze sind das bloß, die die Kinder gut verstehen. Nicht analytisch freilich, nicht Wort für Wort. Würde Astrid Pagnia die Satzstellung nur geringfügig verändern oder andere Wörter einfügen - das Ergebnis wäre wohl bloß ein Schulterzucken bei den Kleinen.

„Es geht ja gar nicht darum, dass die Kinder die einzelnen Vokabeln kennen oder die Grammatik. Es geht darum, dass sie ein Gefühl für die fremde Sprache entwickeln, für den Klang. Dass sie überhaupt Spaß empfinden, eine andere Sprache kennenzulernen.”

Daran gemessen ist die nordrhein-westfälische Antwort auf die sprachlichen Herausforderungen der Globalisierung ein Erfolg. Die Erstklässler in Broichweiden lieben jedenfalls die Comicfigur „Max”, die sie während der einzelnen Lektionen begleitet. Mit dem Kater lernen sie englische Begriffe für Farben, für Obst und Gemüse kennen.

Dass es dabei nicht so genau zugeht, und den Kindern der Satz „What´s your name?” beizeiten zu einem „Whottenäim?” gerät, spielt zunächst mal keine Rolle. Pagnia: „Erst mal das Gefühl bekommen, Strukturen gibt es später.” Oder auch nicht. Manche Grundschule setzt das schriftliche Englisch ab der vierten Klasse auf den Lehrplan, manche gar nicht. Manche beginnt bereits mit der Grammatik, manche nicht. Auch die Umfänge des Vokabulars sind je nach Schule und Lernsystem oder dem gewählten Sprachbuch durchaus unterschiedlich.

Weshalb die Englischlehrer der weiterführenden Schulen keine „marvels”, keine Wunder vom fremdsprachlichen Frühstart erwarten. Im Gegenteil. „Das ist doch alles noch sehr diffus”, sagt Guy Groh, Englischlehrer an der Marien-Realschule in Alsdorf. „Früher war das Feld sehr viel homogener, da gab es kaum Vorkenntnisse. Heute können einige Kinder schon recht viel, andere noch recht wenig.” Daher mag sich manches Kind während der ersten Wochen im Englischunterricht auf der weiterführenden Schule langweilen, ein anderes mag überfordert sein.

„Es dauert oft bis zu den Herbstferien, bis wir sie alle auf einen Stand gebracht haben.” Auch bedauert er, „dass die Neugier auf eine neue Sprache bereits weg ist”. Begrüßen würde er Englisch in der Grundschule dennoch „unter einem einheitlichen Konzept, vermittelt von Fachkollegen”. Was er bereits erlebt hat, sind jedoch „Schüler, die schon mit Frusterlebnissen zu uns kommen, weil sie schlechte Englischnoten in der Grundschule bekommen haben.”

Zensuren gibt es allerdings erst ab der dritten Klasse. Was in der ersten Klasse passiert, soll ja bloß die Lust wecken. Doch das geschieht nicht selten noch früher. In den Kindergärten nämlich, die zunehmend auf den English-Express springen. In der städtischen Kita an der Straßburger Straße in Alsdorf ist Beatrix Furmanski seit zwei Jahren ein Fan der Englisch-Runden. Mit selbstgebastelten Puppentheatern tasten sich die Kinder in Kleingruppen mit der Erzieherin an die ersten Wörter heran.

Lieder und Spiele begleiten auch hier jedes Treffen. „Die Kinder lernen etwas, ohne es überhaupt zu merken”, sagt Furmanski. 23 Kinder im Vorschulalter besuchen die Kita, 20 sind von ihren Eltern für Englisch angemeldet worden. Die Erwartung der Mamas & Papas ist dabei nicht selten hoch.

„Mancher glaubt, dass die Kinder hier schon richtig die Sprache lernen”, sagt die Erzieherin, die solche Erwartungen zurechtstutzt. Der Nachfrage tut es keinen Abbruch. Gemäß dem nach dem „Pisa”-Studien-Schock landläufigen Motto: Kinder lernen früh am besten, also sollen sie und bitte möglichst reichlich! Fördern, was das Zeug hält.

Wer im Kindergarten Englisch noch nicht anbietet, wird wohl irgendwann nicht mehr daran vorbei kommen.Ê„Wir zögern noch ein wenig”, sagt eine Kita-Leiterin. „Aber wenn die Nachfrage steigt, dann sind wir auch im Zugzwang.”

Den Kleinen in der Grundschule Broichweiden gefallen ihre Englischstunden jedenfalls. So lange das Sprachenlernen noch so viel Spaß macht...
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