Schlaganfall erkennen und flott handeln

Von: Markus Bienwald
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Aufmerksamkeitstraining: Rund 100 Interessierte waren zum Forum Medizin gekommen. Foto: Markus Bienwald
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Aufmerksamkeitstraining: Rund 100 Interessierte waren zum Forum Medizin gekommen und folgten gerne dem „Vorturner“und Neuropsychologen Dr. René Vohn, der unter anderem durch Übungen die komplexen Vorgänge im Gehirn und Beeinträchtigungen nach einem Schlaganfall nachvollziehbar machte. Foto: Markus Bienwald
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Yvonne Weißkopp zeigte Interessierten, welche Möglichkeiten es nach einem Schlaganfall zum Training von Fähigkeiten am Computer gibt.
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Moderator Karl Stüber (l.), Redakteur unserer Zeitung, ließ auch Besucher des Forums Medizin zu Wort kommen.

Würselen. Nicht nur den Einzelnen trifft es wie der sprichwörtliche Schlag. Vor allem auch Angehörige, Freunde und Kollegen von Schlaganfallpatienten müssen sich mit der Situation erst arrangieren, dass ein nahestehender Mensch diese heimtückische Krankheit hat.

Welche Chancen es gibt, sich davor zu schützen, was passiert, wenn es geschehen ist, und was Angehörige und Betroffene nach einem Schlaganfall bei sich und in ihrem Umfeld tun können, darauf gab es beim vierten „Forum Medizin“ unserer Zeitung und des Medizinischen Zentrums (MZ) Würselen die passenden Antworten.

Trotz scheußlichen Wetters fanden rund 100 Gäste den Weg ins Alte Rathaus und verfolgten eine gelungene Mischung aus Fachbeiträgen und Fragerunden, die von unserem Redakteur Karl Stüber moderiert wurde. Als Experten des Abends referierten der Leiter des MZ-Schlaganfallzentrums und Chefarzt der Neurologie, Prof. Dr. Christoph Kosinski, der Leiter der MZ-Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin, Prof. Dr. Georg Mühlenbruch, Dr. René Vohn als Leiter der Neuropsychologie am MZ und Dr. Frank Bergmann, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in der Gemeinschaftspraxis für Neurologie und Seelische Gesundheit im Aachener Kapuzinerkarree.

Kosinski wünschte sich vor allem, dass das Thema Schlaganfall in der Gesellschaft eine größere Bedeutung erlangt. „Wir müssen Menschen zu Multiplikatoren machen“, betonte er. Wenngleich der Schlaganfall plötzlich und schmerzlos auftrete, sollte er einen sofortigen ärztlichen Notruf zur Folge haben. Anschaulich klärte er auf, dass es ohnehin das Tempo ist, das die Hilfs- und Therapiemöglichkeiten nach dem Anfall bestimmt. „Time is brain“, sagte er kurz: „Zeit ist Hirn“. Es komme bei Diagnose und Behandlung auf jede Sekunde an, um den Verlust von Gehirnzellen zu minimieren.

Was das im Ernstfall bedeuten kann, zeigte das Beispiel von Ralf Jürgen Busse aus Herzogenrath. Dessen Frau erlitt einen Schlaganfall, während er auf Montage war. Sie wurde erst spät entdeckt. Heute ist Busse in der Selbsthilfegruppe Schlaganfall organisiert. Er betonte, dass ein Schlaganfall-Lotse, der den Betroffenen nach dem Anfall hilft, wertvolle Dienste leisten kann. Und auch die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe sei zu raten, etwa unter dem Dach der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe.

Überaus wichtig ist eine schnelle Diagnose, wie der Beitrag des Neuropsychologen Mühlenbruch zeigte. Er machte einen grundlegenden Unterschied zwischen Anfällen mit oder ohne Blutung im Gehirn, was ein wesentlicher Faktor für die spätere Behandlung ist. So war auch ein Betroffener mit einem so genannten „blutigen“ Schlaganfall unter den Besuchern des Abends. Was eine falsche Behandlung – beispielsweise mit der Lyse, einem Medikament zur Auflösung von Blutpfropfen – in solchen Fällen zur Folge hätte, machte Spezialist Mühlenbruch sehr deutlich. „Das wäre fatal, denn schließlich platzt dabei meist unter hohem Blutdruck ein kleines Gefäß“, sagte er. Die vorhandene Blutung würde durch das Medikament noch verschlimmert.

Verstopfte Gefäße öffnen

Was bei einem normalen Schlaganfall hilft, zeigte er unter anderem mit zwei Videos. Demonstriert wurde, wie sich verstopfte Gefäße mit Hilfe verschiedener kleinstmechanischer Technik wieder frei machen lassen.

Dass es nicht erst zum Schlaganfall kommen muss, war ein Thema von Facharzt Bergmann, der auf Risikofaktoren wie mangelnde Bewegung, falsche Ernährung oder auch Nikotinkonsum aufmerksam machte. Er betonte, dass die Behandlung nach einem Schlaganfall mit der Rehabilitation nicht zu Ende sei. „Kein Problem, das Sie haben, ist so banal, dass sie es nicht ansprechen könnten“, betonte er. Er ermunterte die Zuhörer, sich vor allem mit den psychischen Folgen, beispielsweise einer Depression, auseinanderzusetzen, und hier die Angehörigen mit einzubinden.

Die Motivation zur und bei der Therapie war Thema von Vohn. Als Neuropsychologe ist er einer von wenigen Fachleuten der noch jungen medizinischen Disziplin. Er hatte einen computergestützten Trainer mitgebracht, den seine Mitarbeiterin Yvonne Weißkopp vielen Interessierten vorführte. Er sorgte auch für Schwung im Saal, denn sein einzigartiger „Einkaufszettel“, der als Merktraining den ganzen Körper von Kopf bis Fuß mit einband, zeigte, wie körperliche Aktion, Sprache und Merkfähigkeiten im Körper des Menschen miteinander verquickt sind. Aufforderungen wie „Nehmen Sie einen Teller voll Mehl, und stellen Sie den Fuß hinein“ als Gedächtnisstütze, eine Packung Mehl zu kaufen, waren aber nur die eine Seite seines gelungenen Beitrags. Er regte auch an, sich nach einem Schlaganfall und vor der Reha genau mit den behandelnden Ärzten abzusprechen, welche Verhaltensregeln sinnvoll sind. „Es muss ganz behutsam gehen. Wenn man das Falsche macht, kann es noch schlimmer werden“, betonte er, und brachte die Geschichte vom Schlaganfallpatienten, dem es nach drei Wochen Spielen an der Playstation sichtlich schlechter ging. Einen ganz wichtigen Tipp in Zeiten zahlloser Internet-Ratgeber hatte er auch noch. „Man sollte nichts auf eigene Faust machen, sondern sich professionelle Hilfe holen.“

Aufklärung in Einzelfällen

Ein prall mit Informationen und persönlichen Geschichten angereichertes „Forum Medizin“ ging so zu Ende. Und am Schluss gab es noch Aufklärung in Einzelfällen: Dass nach Rücksprache mit dem Arzt auch das Fliegen kein Problem sein muss oder selbst Mediziner Probleme haben, die Schwere von Schlaganfällen auf Anhieb zu erkennen.

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