Schiedsstelle macht Schüler zu Richtern

Von: Stefan Schaum
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Nordkreis. Ein Handyverbot? So was tut plauderfreudigen Teenagern richtig weh. „Ich fände das auch ziemlich schlimm, wenn ich für ein paar Wochen darauf verzichten müsste.” Den Verlust ihres geliebten Mobiltelefons muss Aruna Perinpanathan nicht fürchten.

Doch darf die 16-Jährige anderen Schülern deren Handys für eine ganze Weile wegnehmen.

Beziehungsweise: Sie kann es anordnen. Schließlich ist sie eine Richterin, wenn man so will. Und zwar in einer Schulschiedsstelle, in der seit einigen Wochen auch im Nordkreis Schüler Strafen gegen andere Schüler verhängen dürfen.

Grenzen setzen

„Schüler setzen Grenzen” ist das Projekt des nordrhein-westfälischen Schulministeriums überschrieben, das solche Schiedsstellen fördert.

Wo früher eine Schulkonferenz einberufen wurde, wenn ein Schüler einen anderen verletzt oder beleidigt hatte, wenn er etwas geklaut oder beschädigt hatte, kann sein Weg heute zur Schulschiedsstelle führen.

Dorthin, wo nicht erwachsene Lehrer über das Schicksal des jugendlichen Täters entscheiden, sondern (fast) gleichaltrige Schüler.

„Das hat große Vorteile”, sagt Lehrer Martin May, der an der Alsdorfer Gesamtschule neben Aruna Perinpanathan auch Kübra Üste (17 Jahre) und Jessica Hagen (16) als Schulschiedsrichterinnen betreut.

„Es gibt Schüler, die sich vom normalen Katalog der Ordnungsmaßnahmen gar nicht mehr beeindrucken lassen. Sitzen aber Jugendliche vor ihnen und sprechen mit ihnen, sind sie oft viel zugänglicher.”

Dabei können es durchaus harte Fälle sein, mit denen die jungen Richter konfrontiert werden, so May, „ganz massive Sachen, bis an den Rand der Kriminalität”.

So wie bei dem 15-Jährigen, der einem Mitschüler mit einem Schlag den Kiefer gebrochen hatte. Und so zum Kandidaten für die Schulschiedsstelle wurde, die jüngst ein Urteil gefällt hat: 20 Sozialstunden für den Schläger, abzuleisten in einem Altenheim.

Das Höchststrafmaß. Eine öffentliche Entschuldigung, das Handyverbot oder das Zahlen von Schadenersatz aus dem Taschengeld wären andere mögliche Strafen gewesen. Doch nicht angemessen, sagt Aruna: „Der Junge hat nicht genug Reue gezeigt.”

Solche Entscheidungen fällt nie einer allein. Immer drei Schulschiedsrichter sitzen bei einer Verhandlung beisammen, zusätzlich eine Sozialpädagogin, die jedoch nur beraten darf und soll.

„Gerichtssaal” ist derzeit das Kreishaus in Aachen, wo einmal im Monat ein Verhandlungstermin stattfindet. Sechs Schulschiedsrichter gibt es im Kreis Aachen, neben den drei Mädchen aus Alsdorf noch zwei Realschülerinnen aus Setterich und einen Hauptschüler aus Dürwiss.

Also muss jeder von ihnen alle zwei Monate zu einem Verhandlungstag. Dafür werden die Richter vom Unterricht freigestellt, die Kosten für die Anfahrt - in der Regel mit dem Bus - werden ihnen erstattet. Ansonsten ist der Job ein Ehrenamt, das viel Vorbereitung erfordert.

Streit schlichen

„Wir kennen uns schon ganz gut aus mit dem Schulgesetzbuch”, sagt Jessica Hagen, die wie ihre beiden Freundinnen zuvor Streitschlichterin an ihrer Schule war und sich auf die neue Aufgabe in Seminaren mit Staatsanwälten, Richtern und Jurastudenten vorbereitet hat.

Jura möchte auch sie selbst einmal studieren. „Bislang hat mich da noch nichts abgeschreckt...”

Ob eine der Schülerinnen wohl Angst hat, auf der Straße einmal einem von ihr „Verurteilten” über den Weg zu laufen? „Na ja”, sagt Aruna, „ein wenig schon”.

Doch werden die Schiedsschüler je nach Fall so eingesetzt, dass sich nicht aus demselben Ort kommen, wie die Schläger, Störenfriede oder Schulschwänzer.

Noch geht das, denn die Nachfrage ist nicht allzu hoch. Schulamtsdirektor Norbert Mergelsberg, der das Projekt im Kreis betreut: „Die Schulen sind noch zögerlich, Kandidaten zu uns zu schicken.”

Bis Ende des Jahres soll die Erprobungsphase laufen. „Die ersten Erfahrungen mit dem Projekt sind sehr gut.” Damit möchte er werben. Denn es lohne sich - für alle Seiten.

Schulen vermeiden teils hohen personellen Aufwand und die Jugendlichen, die sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, können „klassische Sanktionen” vermeiden. Mergelsberg: „Es kann besser sein, sich dem Schulschiedsdienst zu stellen, als einen Schulverweis zu riskieren.”
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