Herzogenrath - Sanierer sieht Schließung des Kohlscheider Gießerei-Standorts vor

Sanierer sieht Schließung des Kohlscheider Gießerei-Standorts vor

Von: Beatrix Oprée
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„Respekt“: Betriebsratsvorsitzender Wolfgang Dreßen (r.) und sein Kollege Ibrahim Jaber sind auch über den Umgang der neuen Geschäftsführung mit der Kohlscheider Belegschaft enttäuscht.
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Gussteile von guter Qualität: Der neue Geschäftsführer stuft das Kohlscheider Werk dennoch als unwirtschaftlich ein. Foto: Beatrix Oprée
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Erinnerung an frühere Zeiten: Die Gußfigur stand einst für die Gießerei Kohlscheid.

Herzogenrath. Zwischen Galgenhumor und Tränen schwankt die Stimmung in der Belegschaft: Der angestammte Gießereibetrieb an der Kaiserstraße in Kohlscheid soll abgewickelt werden. Mit ihm 57 Angestellte, die bis 2012 noch hoffnungsfroh in die Zukunft blickten.

„In den Jahren 2010, 2011 und 2012 haben wir hier in Kohlscheid gute Gewinne eingefahren“, sagt Wolfgang Dreßen, Betriebsratsvorsitzender und Abteilungsleiter Sekundärfertigung. 2013 dann folgte ein schlechteres Jahr: „Von unserem damaligen Mutterkonzern wurde uns ein neues Computerprogramm übergestülpt, das für unseren Betrieb aber nicht tauglich war.“

Unter anderem seien in der Software Materialwerte zu hoch bemessen gewesen, was Angebote unwirtschaftlich gemacht habe. Nur mit zu großem Personalaufwand „zum Computerfüttern“ habe man Produkte versandfertig machen können. Überhaupt habe es erhebliche Reibungsverluste aufgrund der Tatsache gegeben, dass der Kohlscheider Standort der Schmolz + Bickenbach Guss GmbH keinen eigenen Vertrieb mehr gehabt habe.

Schutzschirmverfahren

„Seit dem Jahr 2000 bis jetzt hat die Guss-Gruppe rund zehn Geschäftsführer gehabt, dazu unzählige Unternehmensberater“, zählt Dreßen auf. Zum 6. Januar 2014 sei schließlich der Unternehmensberater Steffen Liebich, zunächst mit 49-prozentigem Anteil und nunmehr als 100-prozentiger Gesellschafter in die Guss-Gruppe eingestiegen, wie es seitens der IG Metall heißt.

Unter seiner Ägide ist am 24. Juni beim Amtsgericht Krefeld ein Insolvenzschutzschirmverfahren beantragt worden, wie es seit März 2012 laut geänderter Insolvenzordnung möglich ist. Dieses Vorgehen kombiniert den Vollstreckungsstopp eines vorläufigen Insolvenzverfahrens mit der weiteren Eigenverwaltung eines Betriebs. Die auf drei Monate festgelegte Schutzschirmfrist soll die Fortführung sanierungsfähiger Firmen erleichtern.

Während dieser Zeit ist ein Sanierungsplan auszuarbeiten. Eigentlich. Betriebsratsvorsitzendem Wolfgang Dreßen liegt jedoch ein Papier zum Interessenausgleich zwecks Abwicklung des Kohlscheider Werks zur Unterzeichnung vor. „Für mich ist völlig unannehmbar, was ich hier unterschreiben soll“, sagt er: „Entweder wird allen bis Ende August die Kündigung ausgesprochen oder alle gehen ab 1. September in eine Transfergesellschaft.“

Der Betriebsrat ist nicht bereit, sein Plazet zu derartigen Plänen zu geben, bevor die Geschäftsführung nicht mit einem möglichen Käufer verhandelt habe. „Alle Leute nach Hause schicken zu müssen, würde mich in ein tiefes, dunkles Loch stoßen“, sieht Dreßen sich in besonderer Verantwortung für seine Kolleginnen und Kollegen.

Zu Rate gezogen hat der Betriebsrat den Dürener Anwalt Jörg Zumbaum, der den Betrieb noch aus Zeiten der Insolvenz der Gießerei Kohlscheid vor über 14 Jahren kennt. Innerhalb kürzester Zeit habe Zumbaum denn auch einen möglichen Käufer für das Werk Kohlscheid präsentieren können, sagt Dreßen: „Herrn Zumbaum hätten wir gerne als Verwalter gehabt.“ Das sei jedoch abgelehnt worden. Sachwalter im Zuge des Schutzschirmverfahrens der Schmolz + Bickenbach Guss-Gruppe ist der Düsseldorfer Anwalt Frank Kebekus.

Die Pläne des geschäftsführenden Gesellschafters, der telefonisch nicht erreichbar war, sehen offenbar Personalabbau der Guss-Standorte in Krefeld und Ennepetal sowie eine alternativlose Liquidation in Kohlscheid vor. „Wir würden ja ohnehin nur Low-Budget-Produkte fertigen, das könne man in Fernost wirtschaftlicher, hat Herr Liebich uns bei einer Betriebsversammlung eröffnet“, erzählt Wolfgang Dreßen. Ibrahim Jaber, Leiter der Arbeitsvorbereitung, weiß dies im Gespräch mit unserer Zeitung zu kontern: „Noch im Juli haben wir einen Auftrag nach China geliefert, alles pünktlich und von bester Qualität. Das ist bei uns Standard.“

Damit habe das Werk einmal mehr den Beweis angetreten, dass es auch für Auftraggeber in China nicht zu unwirtschaftlich sei, in Deutschland produzieren zu lassen, wenn es um Qualität gehe. Ein weiterer Auftrag dieser Art, Umsatzvolumen 1,2 Millionen Euro, sei noch „in der Pipeline“, wie Wolfgang Dreßen sagt. Und soll noch abgewickelt werden: „Auch das zeigt doch, dass wir so unrentabel gar nicht sein können.“ Alle Hoffnung setzt die Kohlscheider Belegschaft nun auf die Bemühungen von IG-Metall-Gewerkschaftssekretärin Martina Weber-Spies und Jörg Zumbaum. Von unserer Zeitung über die Lage im Kohlscheider Guss-Werk informiert, hat auch Bürgermeister Christoph von den Driesch sofort Kontakt zu Schmolz + Bickenbach aufgenommen. „Wir bieten an, uns im Sinne der Arbeitnehmer an dem Prozess zu beteiligen“, sagt von den Driesch Gespräche zu.

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