Nordkreis - Saatkrähen sind spurlos verschwunden

Saatkrähen sind spurlos verschwunden

Von: Stefan Klassen
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Die Saatkrähen sind weg, das Schild steht noch. Auch die ehemals große Kolonie in den Baumkronen am Alsdorfer St.-Brieuc-Platz ist seit zwei Jahren verschwunden. Foto: Stefan Klassen (2); Stock/Blickwinkel

Nordkreis. Kot auf Autos oder Kinderspielgeräten, Gekrächze in den Ohren – viele Bürger hatten in den vergangenen Jahren so ihre Pro-bleme mit dem pechschwarzen Federvieh der Art „Corvus frugilegus“, gemeinhin bekannt als Saatkrähe: Etwa Anwohner am Volkspark in Baesweiler oder Autofahrer, die auf dem Alsdorfer St.-Brieuc-Platz ihre Wagen parkten.

In Bürgerversammlungen oder behördlichen Sitzungen waren die unter Naturschutz stehenden Rabenvögel mehrfach Thema. Dieses hat sich nun erledigt. Die Saatkrähen sind weg, und zwar in Massen. „Dramatisch“ nennt Richard Bollig das, was sich in den vergangenen drei Jahren abgespielt hat.

Bollig weiß, wovon er spricht. Er ist Diplom-Biologe und Behördenchef, als Leiter der Unteren Landschaftsbehörde im Umweltamt der Städteregion hat er vor einigen Jahren die vieldiskutierte Zwangsumsiedlung der Saatkrähenkolonie aus dem Baesweiler Volkspark genehmigt. Weil für die Kinder der angrenzenden Kita „Sonnenschein“ nach offizieller Begründung eine Gesundheitsgefahr nicht auszuschließen war, wurde „nach schwierigem Abwägungsprozess“ eine gesetzliche Ausnahmeregelung angewendet: Bollig selbst legte im Januar 2011 mit Hand an, die Nester wurden aus den Baumwipfeln unter Mithilfe der Feuerwehr herausgeholt und teilweise nahe des Umspannwerks zwischen Setterich und Siersdorf neu eingesetzt. In der Hoffnung, dass die schwarzen Vögel diese als neue Heimat annehmen.

Doch die Hoffnung wurde enttäuscht. Noch kürzlich war Bollig wieder vor Ort, „da waren keine Tiere mehr“. Im vergangenen Jahr habe er am Umsiedlungsstandort immerhin sieben Krähenpaare beobachten können. In Baesweiler waren 109 Paare vergrämt worden.

Wenige Kilometer südlich in Alsdorf hatte man diese Saatkrähen-Vertreibung Anfang 2011 mit Skepsis verfolgt. Denn auf dem St.-Brieuc-Platz gab es seinerzeit ebenfalls eine der größten Saatkrähenkolonien in der Städteregion – mitsamt ihrer von den Menschen ungeliebten Begleiterscheinungen. „Der Platz ist jetzt leer. Warum, ist uns als Behörde unklar“, sagt Richard Bollig. Karl Gluth, stellvertretender Vorsitzender des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), Kreisverband Aachen-Land, jedenfalls hat beobachtet, „dass die Krähen dort keiner haben wollte“ und dass sie 2012 dann im nahen Alsdorfer Burgpark ihre Nester bauten. „Doch da sind sie auch nicht mehr“, weiß Gluth. „Man sollte die Saatkrähe zum Wappentier des Bundes der Vertriebenen machen“, kritisiert er.

Karl Becher, Leiter des Alsdorfer Umweltamts, vermutet indes, „dass die Population am St.-Brieuc-Platz zu groß geworden war und sich die Gruppe getrennt hat. Das Problem hat sich von selbst gelöst.“ Ob aus Baesweiler vertriebene Krähen daran ihren Anteil hatten? „Das ist nicht unmöglich.“ An ihn herangetragene „böse Gerüchte“, dass die Stadt möglicherweise mit Giftgas oder sonstigem schweren Geschütz gegen die geschützten Rabenvögel vorgegangen sei, bezeichnet Becher als „vollkommenen Quatsch“.

Weiteres Ungemach droht

Der Exodus des „Corvus frugilegus“, dem Ornithologen ein komplexes Sozialverhalten attestieren, ist jedenfalls seit 2010 extrem. Laut Behördenleiter Bollig sind von den rund 450 Saatkrähenpaaren, die noch 2010 in der Städteregion und darin hauptsächlich im Nordkreis lebten, nur etwa 200 übriggeblieben. Landesweit ist die „Corvus frugilegus“-Population übrigens stabil.

„Der Druck für diese Tiere durch den Menschen wird halt immer größer“, sagt Diplom-Biologe Richard Bollig. Und er nehme nicht ab. Zwar habe sich – ein Lichtblick – eine neue kleine Kolonie an der B 57 nahe Oidtweiler gebildet. Doch der derzeit größten noch verbliebenen Saatkrähengruppe drohe möglicherweise ebenfalls Ungemach: Diese besteht aus 140 Paaren und ist am Rande des großen Baugebiets Kapellenfeldchen in Würselen zu Hause. „Die künftige Besiedlung durch den Menschen dort ist problematisch“, sagt Bollig. Die Untere Landschaftsbehörde habe seinerzeit im Bebauungsplanverfahren der Stadt Würselen in einer Stellungnahme auf das geschützte Federvieh hingewiesen und größere Abstandsflächen angeregt, was aber ohne Erfolg geblieben sei.

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