Rosskastanien und Eschen sterben ab: Bäume müssen gefällt werden

Von: Karl Stüber
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Nicht mehr zu retten: Willi Theil, Mitarbeiter der Kommunalen Dienstleistungsbetriebe Würselen, kann mit geringem Kraftaufwand die lockere Rinde dieser Kastanie an der Hauptstraße in Broichweiden ablösen. Aber nicht nur Kastanien, sondern auch Eschen sind betroffen. Foto: Karl Stüber

Würselen. Oft argwöhnen Bürger, dass größere Bäume gefällt werden, ohne dass dies wirklich notwendig ist. Gemutmaßt wird, dass mit dem formalen Verweis auf vermeintliche „mangelnde Standfestigkeit“ und „Verkehrssicherungspflicht“ pflegeintensive Bäume fallen und nur mal schnell Platz für Bauprojekte geschaffen werden soll.

Andererseits sähe es so mancher Anwohner gerne, wenn das Gehölz vor seinem Fenster entfernt werden würde – wegen der Beschattung und des unliebsamen Laubs. Mitarbeiter des städtischen Fachdienstes Kommunale Dienstleistungsbetriebe Würselen (KDW), die sich unter anderem um die Bäume im öffentlichen Raum des Kommune zu kümmern haben, wissen von den widerstreitenden Interessen mehr als nur ein Lied zu singen. Aber was in nächster Zeit an Fällaktionen auf die Stadt Würselen aus guten Gründen zukommt, wird das Stadtbild verändern, auch wenn Ersatzpflanzungen erfolgen sollen.

Das wird am Donnerstag im Umwelt- und Stadtentwicklungsausschuss Thema sein. Die öffentlichen Beratungen beginnen um 17.30 Uhr im Sitzungssaal 1 des Rathauses, Morlaixplatz. Eschen und Kastanien drohen aus dem Stadtbild zu verschwinden, denn sie sind krank, unheilbar krank.

Willi Theil fährt mit der Hand über die Rinde einer Rosskastanie in Broichweiden. Die vermeintlich gesunde „Außenhaut“ des rund 60 Jahre alten Baumes zerbröselt unter der Berührung durch den KDW-Mitarbeiter. Mit den Kollegen Karl-Heinz Pütz und Alexander Poullig hat er die Hebebühne an der Hauptstraße in Stellung gebracht, um Kastanien zu untersuchen.

Die Analyse ist niederschmetternd. Nachdem dort bereits zwei Kastanien an der vielbefahrenen Straße haben weichen müssen, dürften auch die restlichen nicht mehr lange stehen bleiben können. Aus der Not heraus hat die Kastanie die Schadstellen mit einer Rinde um- und überwallt, die aber keine festen Verbindung mit dem Kernholz eingehen kann. Selbstheilung tritt so nicht ein. Nottriebe sind am Stamm zu entdecken. Fäulnis hat sich ausgebreitet. Sogenannte Sekundärschädlinge dürften sich bald verstärkt über die geschwächte Kastanien hermachen.

Alexander Poullig prüft nach, ob das Wurzelholz bereits geschwächt ist. Ohne großen Kraftaufwand kann er einen Sondierungsstab aus Metall in das faulenden Holz stecken. Karl-Heinz Pütz sagt: „Es tut weh, wenn man solche Bäume wegnehmen muss. Aber spätestens nächstes Jahr muss es sein, wenn nicht sogar früher.“ Poullig sagt, das Gefährliche bei Fäulnis der Wurzeln ist das kaum mehr berechenbare Risiko. Auch ohne starken Sturm könnte der Bäume plötzlich umkippen, wenn der Verfall so weiter geht.

Und das dürfte der Fall sein, denn das Rosskastanien-Sterben wird von dem Bakterium „Pseudomonas syringae pv. aesculi“ und nachfolgend von verschiedenen Pilzarten verursacht. Dazu gehören Austernseitling, Samtfrußrübling und violetter Knorpelschichtpilz. In der Summe wird von dem Schadbild des „Pseudimonas-Kastaniensterbens“ gesprochen.

Das entscheidende Bakterium wurde in den 1970er Jahren in Indien nachgewiesen, richtete dort aber lediglich Schäden an den Blättern an, schreibt die bei der Stadt Würselen beschäftigte Diplom-Biologin Bettina Püll in der Verwaltungsvorlage für die Fachausschssitzung am Donnerstag. Mittlerweile hat sich das Bakterium auf ganz Mitteleuropa ausgebreitet und befällt Bäume jeglichen Alters.

„Es ist zu befürchten, dass der größte Teil der Rosskastanien in den kommenden fünf Jahren absterben wird.“ Mit einem Schnelltest können sich Baumpfleger Gewissheit verschaffen, ob der Baum befallen ist oder ein andere Ursache für den Verfall vorliegt. Im fortgeschrittenen Stadium ist aber klar: Der Baum muss gefällt werden. Kurative Maßnahmen sind laut Stadtverwaltung aufwendig und teuer.

Nicht besser sieht es bei den Eschen im Stadtgebiet aus. Hier ist der erstmals im Jahre 2002 aufgetauchte Pilz mit dem Namen „Falsches weißes Stängelbecherchen“ (Hymenoscyphus pseudoalbidus) für das Absterben dieser Baumart, genauer für das Eschentriebsterben verantwortlich. Eingeschleppt wurde er aus Asien, vermutlich über billiges Brennholz oder Holz für Paletten.

Der Pilz, so die Auskunft der Stadt, lebt in der Laubstreu erkrankter Eschen. Von Mai bis August bildet er weiße kleine Fruchtkörper, aus denen bis zu 1500 Sporen pro Stunde (!) in die Luft gelangen, die vom Wind über große Strecken transportiert werden können. Diese dringen in Blätter und Blattstiele gesunder Eschen ein.

Erste Symptome des Befalls ist das „Einziehen“ der Krone, als ob die Wurzeln massiv geschädigt wären. Äste treiben im Frühjahr nur noch sporadisch aus, im Frühsommer welken bzw. vertrocknen die Blätter. Rinde stirbt ab, die Wasserversorgung der Äste wird unterbrochen. Triebschnitte gehen kaputt. Jungbäume können schnell vollständig zugrunde gehen, bei älteren Bäumen kann sich dies über einen langen Zeitraum erstrecken. „Das entstehende Totholz führt zu einem erhöhten Sicherheitsrisiko, besonders im öffentliche Raum.“

Derzeit ist gegen Rosskastanien- und Eschentriebsterben kein Kraut gewachsen. Die KDW rät dazu, den entsprechenden Baumbestand intensiv zu kontrollieren und bei Gefahr im Verzug in Absprache mit der Ordnungsbehörde bei einem Ortstermin die Rodung zu beschließen.

Es werden dringend zusätzliche Mittel benötigt für und spezielle Untersuchungen sowie Kontrollen. Mehr Personal ist angesagt, oder es müssten externe Fachfirmen beauftragt werden. Es wird dazu geraten, gemäß Analyse ein EDV-gestütztes Schadens- bzw. Baumkataster anzulegen wie es zum Beispiel Baesweiler und Herzogenrath bereits haben. Ein solches Modul würde Kosten in Höhe von 10.000 bis 15.000 Euro verursachen, je nach Umfang der Leistungen der Software.

Wenn die Zahl der Bäume auf öffentlichen Flächen in der Stadt Würselen erhalten bleiben soll, müssen Ersatzpflanzungen eingeplant werden, legt die KDW dem Fachausschuss ans Herz. Pro Baum fallen dabei Kosten in Höhe von rund 2500 Euro an – inklusive Fällen des kranken Baums, Bodensanierung, Standortvorbereitung und Neupflanzung nebst „Anwuchspflege“.

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