Rom statt Santiago: Mit 14 Kilo auf dem Rücken gen Süden

Von: Elisa Zander
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Über die Alpen: Werner (l.) und Günter Diederen posieren an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Viele Tagesmärsche liegen hinter, viele noch vor ihnen.

Herzogenrath. Das Pilgerbuch, das Werner und Günter Diederen heute in den Händen halten, ist eine von wenigen materiellen Erinnerungen, die sie mitgebracht haben. Vorne einige Karten ihrer Route, in der Mitte Tagebucheinträge, zum Schluss der eingeklebte Pilgerpass.

Aber solche Dinge brauchen sie nicht, um an ihr großes Abenteuer zurückzudenken. Das, was wirklich wichtig ist, haben sie im Kopf. 67 Tage lang waren Onkel und Neffe unterwegs. Von Herzogenrath über die Alpen nach Rom. Das sind 1556 Kilometer, zurückgelegt per Pedes.

Eine Pilgerreise - diese Idee hatte Werner Diederen schon vor Jahren. Mit der Zeit wuchs die Vorstellung: „Wenn du in Rente bist, dann machst du das.” Im Dezember kam der Vorruhestand, einen Monat später begann der heute 61-Jährige mit der Planung. Sein Neffe war begeistert und schloss sich nach reiflicher Überlegung dem Vorhaben an.

Eigentlich wollte Werner Diederen immer nach Santiago de Compostela, Wallfahrtsort des Jakobswegs. Mit Hape Kerkelings Buch über die Pilgerroute wuchs der Bekanntheitsgrad aber dermaßen, dass mittlerweile „jeder den Weg geht. Dadurch hat er für mich den Reiz verloren”, sagt Günter Diederen. So suchte das Duo ein neues Ziel und fand es in der „Ewigen Stadt”.

Allein die Planung der Route nahm beinahe ein halbes Jahr in Anspruch. Vor allem die Frage, wie die Wanderer über die Alpen kommen. „Wir konnten ja nicht einfach den Tunnel nehmen”, sagt Werner Diederen. Man entschied sich für den europäischen Fernwanderweg Nummer 5, der von Oberstdorf nach Meran führt. Von dort sollte es über den Franziskusweg von Florenz über Assisi nach Rom gehen.

Am 26. Mai war es so weit: Nach einer Familienfeier und mit dem Segen von Diakon Achim Stümpel versehen, machten sich Günter und Werner Diederen auf den Weg.

Mit dabei: zwei Rucksäcke, jeder etwa 14 Kilogramm schwer. Schlafsack, Handtuch, Unter-, Regen- und Funktionswäsche, ein zweites Paar Schuhe, Löffel und Messer und schließlich drei Liter Wasser pro Kopf summieren sich - „das war am Anfang eine große Katastrophe”, beteuert Günter Diederen. „Das tut sehr weh auf den Schultern und auch am Bauch, denn da wird der Rucksack festgemacht”, ergänzt sein Onkel. „Wenn man bei der Pause den Rucksack abmachte, hat man gedacht, man kann fliegen.”

200 bis 300 Kilometer habe es gedauert, bis sie sich an das Gewicht gewöhnten. So gut sie die Reise auch geplant hatten - Unterkünfte hatten sie nicht gebucht. Zwar waren die Etappen so gelegt, dass sie in der Nähe einer potenziellen Übernachtungsmöglichkeit endeten, doch ein Garant dafür war es nicht, wie die Diederens nahe Castello Biscine feststellen mussten: kein freies Zimmer.

So mussten sie, nach 24 Kilometer Tagesetappe, 15 Kilometer dranhängen. Auf diesem Abschnitt hatten sie ein Ehepaar aus Dänemark kennengelernt. Kurze Zeit später kollabierte der Mann, mit Hilfe moderner Technik schafften es die beiden Deutschen, den Rettungswagen zu alarmieren, der eine Stunde später eintraf.

Als sie von diesem Vorfall hörte, wurde Rita Diederen richtig bewusst, welcher Herausforderung sich ihr Mann Günter stellte. „Da kommt man schon ins Grübeln”, gibt sie zu. Mit täglichen Telefonaten und durch soziale Netzwerke wurde die Familie auf dem Laufenden gehalten. Etwa über das Gestrüpp, durch das sich die Pilger auf dem Franziskusweg geschlagen haben.

„Dornenbüsche, Unkraut - ein ganzer Dschungel war das teilweise”, erinnert sich Werner Diederen. „Ohne Reiseführer hätten wir da nicht herausgefunden.” Hier hatte unter anderem gestanden: „Wenn Sie nichts mehr sehen, suchen Sie in der Ferne nach einem Telefonmast und gehen Sie in diese Richtung.”

Es war ein Abenteuer der besonderen Art; „den Franziskusweg alleine zu gehen, ist lebensgefährlich”, findet Werner Diederen. Die Pilgerregel „Geh, aber geh alleine” könne der 61-Jährige darum nicht bestätigen. „Ich würde nie alleine gehen, die Wege sind zum Teil sehr risikoreich. Umgeklinkt ist man schnell. Und unter brennender Sonne ohne Wasser ist man alleine bald verloren.” Als Team hätten sie sehr gut harmonisiert, erzählen die beiden.

50 Euro hatten sie sich pro Person und Tag als Ausgabenlimit gesetzt. Meist sind sie damit gut ausgekommen. Vor allem auf der Schwäbischen Alb konnten sie gut und günstig essen. „In Italien war das schwerer. Eine kleine Portion Pasta kostete acht Euro, aber davon wurde man nicht satt. Denn nach 24 Kilometer anstrengendem Wandern war der Hunger groß.”

Dann erreichten sie Rom. „Ich war überrascht, der große Enthusiasmus blieb aus”, erinnert sich Günter Diederen. „Nicht mal ein Ankunftsfoto wollte er machen”, schüttelt sein Onkel Werner noch heute den Kopf. Im Gegensatz zu seinem Neffen hat er sich sehr gefreut.

Sechs Tage erkundeten sie Rom. Mittwochs wollte Werner Diederen zur Papstaudienz. Doch der Zug Richtung Castel Gandolfo, Sommerresidenz des Papstes, fiel aus. Mit viel Verspätung erreichte die Gruppe den Ort - „zu spät. Der Papst war weg, nur noch der Sessel konnte fotografiert werden. Die Enttäuschung war schon groß.”

Deswegen aber noch einmal nach Rom fahren, will Werner Diederen nicht: „Es gibt noch viele andere schöne Ziele”. Einige sind zu Fuß zu erreichen, das Pilgern entspricht den beiden Männern. So wollen sie das Abenteuer wiederholen - mit neuer Destination.
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