Reina Bilkslager: „Chefin“ von vielen schweren Jungs

Von: ehg
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Erwies sich bei „Schwarz auf Weiß“ als schlagfertig: Reina Blikslager, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Aachen, Moderation Günter Kölling. Foto: W. Sevenich

Würselen. Reina Blikslager, die Chefin des Aachener „Männerknastes“ mit seinen über 750 „schweren Jungs“, ist die Interviewpartnerin von Moderator Günter Kölling in der 33. „Schwarz auf Weiß“-Veranstaltung in der Kirche St. Marien gewesen.

Herzlich willkommen hieß der Sprecher des Veranstaltungsteams, Hans Peter Pütz, neben der Leiterin einer von 36 Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen mit rund 16.000 Hälftlingen – darunter 1000 einsitzende Frauen – zahlreiche interessierte Besucher, die über den Moderator ihre Fragen an die zierliche, über 60-jährige Frau stellten.

Meist nehme man die am Prager Ring/Eulersweg unauffällig gelegene JVA nicht wahr. Es sei denn, es passiere etwas Spektakuläres wie im November 2009 – wenige Monate nach ihrem Amtsantritt – der Ausbruch von zwei Schwerverbrechern, war zu hören.

Obwohl die Volljuristin mitten unter schweren Jungs lebe, habe sie den sichersten Arbeitsplatz in Aachen, scherzte Kölling. Wie aus der Pistole geschossen reagierte Raina Blikslager: „Wir sind eine geschlossene Anstalt. Und das heißt, dass alle Türen abgeschlossen werden.“

Wenn sie ein Gespräch mit einem der 750 Häftlinge im Haftbereich führe, seien immer zwei Sicherheitsbeamte dabei. Von Angst keine Spur! Die Zwischentüren zu ihrem Büro in der obersten Etage seien beruhigend schwer, die Spezialschlüssel dazu groß.

„Ich habe nie einen anderen Beruf ausgeübt“, gesteht die gebürtige Ostfriesin, dass die Aufgaben ihr auch heute noch Freude bereiten. Für sie sei es nichts Besonderes, dass eine Frau wie sie auf dem Chefsessel eines Männerknastes sitze. Das sei auch bei ihrem vorherigen Job an der legendären JVA „Lübecker Hof“ in Dortmund – dort wurde eine erhebliche Anzahl von Todesurteilen der Militärjustiz von Mai 1943 bis Anfang 1945 vollstreckt – nicht anders gewesen. Aber anders als dort säßen in Aachen ausschließlich die dicken Kaliber ein, Schwerverbrecher mit lebenslangen Haftstrafen beziehungsweise Sicherheitsverwahrung.

Die Hemmschwelle für Flucht oder Geiselnahme sei in Aachen niedriger als in Gefängnissen mit kurzen Haftstrafen. Dortmund sei eine fast 100 Jahre alte Anstalt, in der sich ob der vorherrschenden Atmosphäre die Gefangenen wohl fühlten. „Aachen ist eine architektonisch gelungene Anlage.“

Die Übernahme sei neben der Beförderung eine Herausforderung. „Zumal wir die ‚schweren Jungs‘ länger haben und deshalb auch besser kennenlernen können.“ Und weiter: „Man muss hier nah am Menschen dran sein. Wer nichts zu verlieren hat, kann auf dumme Gedanken kommen. Wir sind voll belegt, Gott sei Dank nicht überbelegt, und brauchen keine Notgemeinschaften zu bilden.“

Wenn die Anstalt überbelegt sei, sei es dort deutlich unruhiger. „Die Atmosphäre ist derzeit entspannt“, macht Reina Blikslager einen mit sich und der Welt zufriedenen Eindruck. Der Knast habe einen Differenzierungsgrad wie keine andere Anstalt in Nordrhein Westfalen. Neben ihr gebe es auch noch weiteres weibliches Personal. Akzeptanzprobleme gebe es nur bei jungen Kolleginnen. Seitdem auch Frauen in der JVA Aachen tätig sind, herrsche ein besserer Umgangston vor.

Nach dem Schwerpunkt ihrer Arbeit befragt, antwortet sie: „Die große Linie festzulegen, bleibt mir vorbehalten.“ Umgesetzt werde sie dann in den Abteilungen. 25 Millionen Euro verwaltet sie im Jahr. Im Landesdurchschnitt kostet ein Strafgefangener 100 Euro am Tag – die Baukosten nicht eingerechnet.

Beim Amtsantritt der „Chefin“ im Jahr 2009 habe der Krankenstand beim Personal bei 17 bis 18 Prozent gelegen, packte Kölling ein heißes Eisen an. Sie habe verschiedene Maßnahmen ergriffen, war Reina Blikslager stolz darauf, dass die Quote heute nur noch bei 7,5 Prozent und damit unter dem Landesdurchschnitt liege. „Ich hoffe, dass es in Zukunft so bleibt.“

Moderator Kölling verbuchte es als einen weiteren persönlichen Erfolg von Blikslager, „dass die Zahl der Häftlinge, die in den offenen Vollzug gehen oder Haftlockerung erhalten, steigt“. Eine Massenschlägerei, wie sie vor ihrer Zeit für Schlagzeilen gesorgt hatte, habe es nicht mehr gegeben. Stattdessen habe die Flucht von zwei Schwerverbrechern unter Mithilfe eines Beamten sie – auch durch die Politik – gehörig gefordert. Ihr habe keiner was ans Zeug flicken können, betonte die JVA-Leiterin. „Dass der ‚Gehilfe‘ alle Kolleginnen und Kollegen in Gefahr gebracht hat, kann ich ihm nicht verzeihen“,sagte sie zum Verlauf der Flucht.

Angesprochen wurde die Subkultur, die in jedem Knast vorherrscht, die gelegentlich für Unruhe sorge. Wie die Strafgefangenen untergebracht sind, beschrieb die Interviewpartnerin ins Detail. Zur Arbeit seien sie verpflichtet. Da sie keine geschlossene schulische oder berufliche Ausbildung nachweisen könnten, zerlegten sie Computer in ihre Einzelteile. „Etwas kaputt schlagen, kann doch jeder.“ Die gewonnenen Wertstoffe würden für die Wiederverwertung gesammelt.

Keine Frage: Es gehe viel Elend über ihren Schreibtisch. Da müsse sie sich abschotten. Da sie kein Urlaubsmensch sei, fühle sie sich auch zu Hause wohl. Wenn sie mal verreise, dann fliege sie „in die Sonne“, verriet die Mutter von zwei erwachsenen Kindern, der „irgendwann“ mal der Ehemann abhanden gekommen ist.

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