Raubüberfälle in Würselen: Die Angst bleibt

Von: Verena Müller
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Andrea Tirteys Kiosk wurde vor knapp zwei Wochen überfallen. Seitdem ist sie selten alleine im Laden. Und wenn, schließt sie die Tür ab. Die Kunden müssen klingeln. Andere Würselener Geschäftsleute haben es ihr nach der Überfallserie gleichgetan. Foto: Verena Müller

Würselen. Wenn Andrea Tirtey keine andere Wahl hat und das Haus verlassen muss, erschrickt sie oft, wenn ihr junge Männer entgegenkommen. Vor allem, wenn sie zu zweit sind, Mitte 20, von normaler Statur und ungefähr 1,80 Meter groß. Und das trifft auf sehr viele Menschen zu.

Dann ist die 46-Jährige jedes Mal wie gelähmt, starrt die Männer an, sucht nach einem Wiedererkennungsmerkmal, fragt sich, ob das vielleicht die Täter sein könnten, die sie am 23. September überfallen haben.

Wer schon mal auf offener Straße von einem fremden Menschen angestarrt wurde, weiß, dass einen das stutzen lässt. Man sucht im Blick des Gegenübers nach dem Grund. Und wenn dieser Moment eintritt, wenn junge Männer misstrauisch den Blickkontakt halten, verunsichert das Andrea Tirtey noch mehr. Haben die Täter sie gerade erkannt?

Panik steigt in ihr auf. „Die wissen ja, wie ich aussehe, aber ich weiß nicht, wie die aussehen“, sagt Andrea Tirtey. Wenn sie am Ziel angelangt ist, ist sie oft völlig ausgelaugt, zittert. Heute, knapp zwei Wochen nach dem Überfall.

Möglicherweise befinden sich die Täter gerade in Untersuchungshaft. Ein 22-Jähriger aus Aachen war nach einem Raubüberfall auf eine Würselener Tankstelle gefasst worden, zwei weitere Festnahmen – eines 24-jährigen Mannes und einer 21-jährigen Frau – folgten. Sie stehen in dem Verdacht, für eine ganze Reihe von Raubüberfällen verantwortlich zu sein.

Geständig sind sie aber nicht, deshalb reagiert die Polizei noch zurückhaltend auf Anfragen. „Jedenfalls hat es seit der Festnahme keine neuen Fälle gegeben“, so Sprecher Paul Kemen. Diese Nachricht als eine große Erleichterung für Andrea Tirtey einzustufen, ist wohl eine ziemliche Untertreibung.

Mittwochabend, kurz nach halb sieben, eigentlich schon Ladenschluss. Um halb wollte ein Kunde noch schnell Lotto spielen. „Wir hatten an dem Tag einen hohen Jackpot, es war viel los“, erinnert sich Andrea Tirtey. Sie war gerade hinten im Lager, als sie jemanden hinter die Theke huschen sieht. „Ich dachte, ich werde beklaut“, erzählt sie. Das war schon mal vorgekommen, zwei Packungen Zigaretten fehlten damals. So schnell wie der Dieb im Laden die Zigaretten gegriffen hatte, war er auch schon wieder weg.

Aber diesmal sollte es kein gewöhnlicher Dieb sein. Ein zweiter Mann stand vor der Theke, beide waren maskiert. Als Andrea Tirtey den Schritt vom Hinterzimmer hinter die Theke tat, zielte ein Waffenlauf auf sie. „Ob die Pistole echt war, weiß ich nicht“, sagt die Kioskbesitzerin.

„Mach‘ die Kasse auf!“, habe einer der Männer gerufen und mit der Faust auf die Tasten geschlagen. Die Würselenerin bat ihn, aufzuhören, weil sich die Kasse sonst nicht mehr öffnen ließe. Und so war es auch, sie klemmte. Mit Gewalt schlug der Täter auf die Box ein, bis sie aufsprang. Sogar das Kleingeld sammelte er ein, wies seinen Komplizen an, Zigaretten einer bestimmten Marke einzupacken.

Vielleicht auch aus Enttäuschung darüber, dass sich weniger als erwartet in der Kasse befand. „Wo ist das andere Geld?“, habe er gefragt. Aber Andrea Tirtey war mittags noch auf der Bank, mehr Bargeld gab es nicht.

Vor drei Jahren hatte sie den Kiosk übernommen. Zeitungen, Tabak, Lotto, Paketannahmestelle. 80 Prozent Stammkundschaft. Früher befand sich nebenan der Blumenladen der Mutter. Hier hatte sie als Floristin gearbeitet. „Aber für mich stand immer schon fest, dass ich den Laden nicht übernehmen würde“, sagt Andrea Tirtey. An Muttertag oder vor Weihnachten bis spät in die Nacht die Aufträge abzuarbeiten, das habe sie nicht gewollt. Zumal sie zwei Kinder hat, heute 14 und 16 Jahre alt.

Im Kiosk hatte sie schon länger parallel gearbeitet, ausgeholfen, bis der ehemalige Besitzer aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. So habe sich das eben ergeben. Andrea Tirtey wohnt mit ihrem Mann und den Kindern oben im Haus, der kurze Weg sei für sie als Mutter sehr praktisch. Eigentlich. Dass ihr Sohn beinahe Zeuge des Überfalls geworden wäre, darüber will Andrea Tirtey lieber gar nicht nachdenken.

Keine zehn Minuten habe der Raubüberfall gedauert, gefühlt aber ewig, erzählt sie. Erst als die Männer den Kiosk verlassen hätten, seien Passanten vorbeigegangen. Ein Mann, der das Friseurgeschäft gegenüber verließ, sah die Täter noch kurz, der nächste Kunde kam wenige Sekunden später. Näher beschreiben konnte die Täter aber niemand.

„Mit dem Schrecken davongekommen“ sei die Besitzerin, hieß es in der Polizeimeldung zu dem Überfall. Der hatte aber weitreichendere Folgen, nicht nur für Andrea Tirtey. Die Kollegin, die fünf Tage zuvor vermutlich Opfer derselben Täter geworden war, ging dazu über, ihre Ladentür abzuschließen. Andere Geschäftsleute taten es ihr gleich. „Das mache ich auch“, dachte sich Andrea Tirtey und brachte eine elektronische Klingel auf der Glastür an.

Wenn sie alleine ist, schließt sie ab und hängt ein rotes Schild mit der Aufschrift „Bei abgeschlossener Tür bitte klingeln“ hinters Glas. Aber sie ist selten alleine. Die ersten Tage nach dem Vorfall haben ihr Mann und ihre Freundin ihr abwechselnd Beistand geleistet. Nur einen Tag war der Kiosk geschlossen. „So schnell lasse ich mich nicht unterkriegen“, sagt die 46-Jährige. „Und die Kunden waren wirklich toll.“ Alle hätten ihr viel Kraft gewünscht, die wenigsten hätten sie mit Fragen bombardiert.

Am Wochenende nach der Tat hätte sie vielleicht besser psychologische Hilfe in Anspruch genommen, überlegt sie. „Aber jetzt auch nicht mehr.“ Inzwischen fahre sie wieder Auto, gehe wieder mehr vor die Tür. Auch wenn es manchmal noch schwerfalle. „Die Angst bleibt“, sagt sie.

Dass die Täter möglicherweise gefasst sind, hat sie durch Zufall erfahren. Ein Kunde hatte im Radio gehört, dass Tankstellen-Räuber gefasst wurden. Andrea Tirtey suchte sofort im Internet nach der Meldung. „Wir haben im Grunde nur darauf gewartet, dass die wieder zuschlagen“, erzählt sie. Als sie die Meldung fand, habe für sie festgestanden: „Das waren die.“ Auch wenn sie noch keine Bestätigung erhalten hat.

Was sie sich jetzt wünscht? Eine Gegenüberstellung mit den Tätern. „Ich muss die Gesichter sehen, um damit abschließen zu können“, sagt sie. „Damit sie für mich nicht mehr bedrohlich aussehen.“ Und damit sie fremden Menschen auf der Straße wieder ohne Argwohn begegnen kann.

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