Würselen - Rätsel um das Grubenkreuz aus Anna II

Rätsel um das Grubenkreuz aus Anna II

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Ein Relikt aus der im Jahr 1930 eingestürzten Grube Anna II: Ein Kruzifix aus Eisen, das ein Überlebender des Unglücks zu Hause aufbewahrt und nach seinem Tod anonym dem Gnadenhof in Euchen vermacht hat. An der Weggabelung Hüpchensweid/Schleibacher Weg hängt es nun. Foto: vm
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Hat einen neuen Platz für das Kreuz gefunden: Peter Küppers. Foto: vm

Würselen. Bis zuletzt hat sie das Geheimnis ihres Mannes gehütet: die alte Dame, die unverhofft auf dem Gnadenhof in Euchen stand. Mit einer Tasche in der Hand, in der sie im doppelten Sinne eine Last trug – ein eisernes Kruzifix und das schlechte Gewissen ihres toten Mannes.

Sie fragte, wer der Leiter des Gnadenhofs sei. „Das bin ich“, antwortete Peter Küppers, was die Frau denn hergeführt habe, fragte er zurück. Da holte sie das Kreuz hervor, sagte, der letzte Wille ihres Mannes sei es gewesen, dass es einen Platz auf dem Gelände des Tierschutzvereins finde, an dem es möglichst viele Menschen sehen können.

Diese Begegnung liegt schon ein paar Jahre zurück. Nun hat das Kruzifix einen Platz gefunden: an der Wegkreuzung Hüpchensweid/Schleibacher Weg in einem Weißdornstrauch, am Ende des Areals der „Arche“. Der Tierschutzverein Arche ist die letzte Zuflucht für Tiere, die verwahrlost, alt oder krank sind, die schlecht behandelt wurden und in Euchen ihr Gnadenbrot erhalten oder nach einer „Resozialisierung“ wieder einem neuen, besseren Halter übergeben werden können.

Zu den Hintergründen, warum der Unbekannte den Tierschutzverein ausgewählt hatte, wollte die alte Dame so wenig wie möglich sagen. Und ihren Namen ebenso wenig. Vielleicht war es der christliche Gedanke der Arche, vielleicht kam der Mann früher, auf dem Weg zur Arbeit, an dem Gelände vorbei. Denn so viel verriet die Witwe dann doch:

Ihr Mann sei Steiger auf Anna II gewesen. Bei dem Kreuz handele es sich um ein Grubenkreuz, das vermutlich in der schachteigenen Schlosserei gegossen und an einer der unterirdischen Verzweigungen aufgestellt worden war. Laut Küppers, der aus einer Bergmannsfamilie stammt, war das nicht ungewöhnlich. „Die Bergleute waren sehr gläubig und beteten auch unter Tage“, sagt er.

Das Kreuz musste wohl Rost angesetzt haben, denn der Steiger nahm es im Jahr 1930 zu Renovierungszwecken mit nach Hause. Darüber erkrankte er, was sein großes Glück war. Denn während seiner Erkrankung ereignete sich am 21. Oktober 1930 die schwere Grubengasexplosion. 279 Menschen starben, 300 wurden verletzt. Der unbekannte Steiger verlor durch die Explosion viele Freunde und Kollegen.

Was den Mann dazu bewogen hatte, das Kreuz zu behalten, lässt sich schwer rekonstruieren. Vielleicht wurde er durch das Grubenunglück in seinem Glauben erschüttert. Vielleicht war das Kruzifix für ihn auch nur eine Art persönliches Andenken an die toten Kumpel und die Arbeit mit ihnen unter Tage. Man wird es vermutlich nie erfahren, denn die Witwe ist laut Küppers inzwischen auch tot.

Wie sie ihm bei ihrem Besuch erzählte, hängte ihr Mann es, nachdem er es restauriert hatte, bei seinen Tauben auf. Kleintierhaltung und vor allem Taubenzucht war damals in Bergmannskreisen weit verbreitet.

Die Tatsache, dass er das Kreuz erst nach seinem Tod an die Arche übergeben wissen wollte, spricht für sein schlechtes Gewissen, die Devotionalie unrechtmäßig behalten zu haben, und für Furcht vor rechtlichen Konsequenzen. Die schien auch die Witwe zu haben, die anonym bleiben wollte.

Küppers vermutet, dass die Dame aus Ofden stammt, denn sie sei zu Fuß gekommen, erinnert er sich. „Von Ofden bis hier sind es rund zwei Kilometer“, rechnet der Leiter des Gnadenhofs. Zu Fuß von Mariadorf – das hält er für unwahrscheinlich.

Küppers nahm das Kreuz an. Das ist jetzt schon mehr als zwei Jahre her. Er befreite es von Rost und überzog den Korpus – so, wie es der Steiger auch getan hatte – mit Klarlack. Der schützt nicht nur vor Rost, sondern verleiht dem Metall auch die Anmutung einer Emaillierung.

Vor einem weißen Hintergrund hängt es nun wieder an der Weggabelung, an der früher Bergleute aus Broichweiden und Euchen zur Grube Anna vorbeikamen. In einem Dornbusch. Wieder eine biblische Anspielung also: Nach Anna, der Mutter Mariens, und der Arche (Noah) nun also der brennende Dornbusch, in dem Gott Moses erschienen war und ihm seinen Namen gesagt hatte.

So scheint sich der Kreis zu schließen und das Kruzifix hat eine neue Bestimmung gefunden. Mit dem Unterschied, dass anstelle der Bergleute Radfahrer und Spaziergänger an ihm vorbeiziehen.

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