Projekt zeigt: Ganz ohne Smartphones geht es nicht mehr

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:
10248937.jpg
Als Kunstwerk XXL: Smartphones haben die Marienrealschüler in ihrem „Offline“-Experiment auch selbst gebaut. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Doof war es und ganz schön einsam. Im Grunde der blanke Horror. Dass es ohne Handy hart sein würde, hatte Ann-Kathrin Wimmer befürchtet. Doch dass sich 24 Stunden so endlos lang hinziehen können, hatte sie nicht gedacht. Einen Tag lang hat die 13-Jährige auf Smartphone, Tablet & Co. verzichtet.

Komplett offline, rund um die Uhr: der Entzug als Experiment. Für sie steht jetzt fest: „Nie wieder ohne mein Handy!“ Einige Teenager der Alsdorfer Marienrealschule haben sich in einem Kooperationsprojekt mit der Jugendkunstschule „Aber Hallo“ dem Wagnis der virtuellen Abstinenz gestellt. Erst mal haben sie komplett abgeschaltet, um anschließend die Erfahrung in Fotos und Kunstwerken auszudrücken. Und um sich selbst zu hinterfragen: Kann ich heute überhaupt noch ganz ohne Handy und Internet sein?

Vielleicht hat Ann-Kathrin das Fehlen der ständig hereinbimmelnden Nachrichten von allen Teilnehmern am meisten bedauert. Doch gespürt hat jeder, dass ihm ohne Minibildschirm was fehlt. Verständlich, wenn man sich wie Ann-Kathrin mit den Freundinnen 500 Kurzbotschaften pro Tag hin- und herschreibt. „Können auch mal ein paar mehr sein“, sagt sie.

Das, was da an Textchen reinkommt und rausgeht, ist nach der Schule nahezu ihre komplette Kommunikation. „Anrufen ist heute bei Jugendlichen ziemlich out“, sagt Ann-Kathrin. Was früher gesprochen wurde, wird heute getippt und gewischt. Nur ihre Mutter ruft Ann-Kathrin hier und da mal an. „Die mag es nämlich nicht so, wenn ich ihr bloß schreibe. . .“

Immer in Griffweite

Freilich trifft sie sich auch mal mit den Mädels um zu quatschen. Aber die Handys haben sie dann mindestens griffbereit, wenn nicht gleich in der Hand. Was sich hier zeigt, ist viel mehr als eine Faszination an der modernen Technik.

Das Handy ist in der jungen Generation das Mittel zum Zweck geworden, zur Ausdrucksform oder schlicht: zu der wichtigsten Art, miteinander zu kommunizieren. Insofern kann man durchaus sagen, dass das Projekt die Schüler verstummen ließ. Wer nicht mehr „on“ war, konnte sich nicht mehr mitteilen. „Meine Freundinnen fanden das blöd, dass ich da mitgemacht habe“, sagt sie, „für die war ich ja plötzlich gar nicht mehr erreichbar!“

Sicher: Auch in der Marienschule gibt es ein Handyverbot, wie fast überall in den Lehrbetrieben. Ebenfalls sicher: natürlich hält sich von den älteren Schülern kaum einer dran. „Wir schauen auch in der Schule immer mal wieder drauf“, sagt Ann-Kathrin. Wer erwischt wird, muss das Teil rausrücken. „Wir kassieren Handys dann bis zum Nachmittag ein, das geht gar nicht anders, da ziehen alle Kollegen mit“, sagt Lehrer Thorsten Reusch, der die Schülergruppe im Medienprojekt gemeinsam mit Alexander Müller Hermes von „Aber Hallo“ betreut hat.

Dass heute fast jeder ein Smartphone in der Tasche hat („Höchstens zwei Prozent unserer Schüler haben keins“) ließe sich nicht vermeiden. Und das noch nicht mal wegen der Schüler selbst, sagt er. „Das können wir bei den Eltern nicht durchsetzen.“ Denn die bestehen darauf: Wenn mal ein Notfall eintritt, dann muss das Kind sich melden können. . .

Was Ann-Kathrin Wimmer mitnimmt? Die Erkenntnis, dass sie ihr Handy grundsätzlich braucht. „Das ist schon so, wir sind abhängig davon.“ Aber kleine Auszeiten sind noch drin. Wenn sie bei ihrem Pferd „Nico“ ist, dann schaltet sie ihr Handy ab. Eine Stunde geht das – und das sei auch mal schön. Aber anschließend schaut sie sicher gleich wieder nach. Es könnten ja 50 neue Nachrichten warten. Wer dranbleiben will muss eben drinbleiben. Drinbleiben im modernen Dauertexten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert