Projekt „Soziale Stadt“: „Wir-Gefühl deutlich größer geworden“

Von: Stefan Schaum
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Anlaufstelle und ein Ort, der ihr Kraft gibt: Im Haus Setterich fühlt Ute Fischer sich wohl. Dass es möglichst vielen anderen Besuchern ebenso geht, ist das Ziel der Stadtteilmanagerin. Foto: Stefan Schaum/ Jörg Lawitzky

Baesweiler. Ein kleines Jubiläum steht dieser Tage an, auch wenn das noch nicht groß gefeiert wird. Jedenfalls war es im Februar vor fünf Jahren, als Ute Fischer nach Setterich kam. Als Stadtteilmanagerin ist sie angetreten, um die Menschen zu aktivieren. Sie zu vernetzen oder einfach: sie näher zueinander und so den Bereich Setterich-Nord nach vorn zu bringen.

Und da hat sich im Programm „Soziale Stadt“ so manches getan, wie die 49-Jährige im Interview sagt.

Wie haben Sie Setterich bei ihrem ersten Besuch empfunden?

Fischer: Was ich am Anfang ganz frappierend fand, war die riesige Menge der Vereine. Gut 40 Stück gibt es ja allein in Setterich. Ich komme aus der Südpfalz, da sind die Strukturen ganz anders. In Baesweiler hat sicher der Bergbau dazu beigetragen, dass die Menschen eng zusammengerückt sind und sich in Vereinen engagieren. Bevor ich nach Setterich kam, war ich in Düren und Eschweiler beruflich engagiert. Da gab es zwar auch einige Vereine – aber nicht ganz so viele wie hier in einem solch kleinen Bereich.

Aber das sollte doch gut sein, oder? Wenn es schon etwas gibt, dann kann man darauf aufbauen.

Fischer: Schon. Aber ich hatte eher die Befürchtung: Wenn sich bereits so viele Menschen ehrenamtlich engagieren – gibt es dann überhaupt noch Potenzial, um weitere zu aktivieren?

Und? Gab es das?

Fischer: Ja. Aber auf dem Weg dorthin waren viele kleine Schritte vonnöten. Ich habe mich praktisch von Mensch zu Mensch durchgefragt. Jeden, den ich zu Beginn in Setterich angesprochen habe, habe ich gefragt: „Kennen Sie noch jemanden, der sich vielleicht auch gern einbringen würde?“

Klingt nach einem mühsamen Prozess.

Fischer: Nein, das war es eigentlich nicht. Ich habe nämlich recht schnell gespürt, dass es zum einen eine große Bereitschaft gibt, sich mit eigenen Ideen, Verbesserungsvorschlägen und anderen Dingen an dem Prozess zu beteiligen. Und zum anderen gab es bei vielen auch eine große Identifikation mit dem Gebiet Setterich-Nord.

Aber ein Gebiet, das für das Programm „Soziale Stadt“ in Frage kommt, genießt doch in der Regel einen eher schlechten Ruf.

Fischer: Sonst würde es das Programm wohl nicht geben, das stimmt schon. Sicher leben hier viele Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind oder nur niedrige Bildung haben. Auch viele mit Zuwanderungsgeschichte, allein das sind hier zum Beispiel 40 Prozent. Es gibt sicher Vorbehalte gegenüber diesen Menschen, auch innerhalb Setterichs.

Das heißt aber nicht, dass man diese Menschen nicht aktivieren kann. „Migranten haben kein Interesse, die wollen sich nicht beteiligen“ – das habe ich zu Beginn des öfteren gehört. Aber ich stelle immer wieder genau das Gegenteil fest. Und das Wir-Gefühl innerhalb Setterichs ist in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich gewachsen, würde ich sagen.

Wie haben Sie das angestellt?

Fischer: Mit einem engagierten Team und einer guten Zusammenarbeit mit der Stadt. Die Kunst ist wohl die, die Leute so zu nehmen, wie sie sind. Es bringt nichts, wenn man mit fertigen Ideen oder Projekten zu ihnen geht und sagt: das und das würden wir jetzt gern mit euch machen. Wir wollen stattdessen Angebote nach ihren Wünschen entwickeln. Wenn sich Frauen zum Beispiel ein besonderes Fitnessangebot wünschen, dann schauen wir, wie und mit welcher Hilfe wir genau solch ein Angebot hinbekommen.

Wie viele Kooperationspartner stehen Ihnen zur Seite?

Fischer: Das sind schon einige. Um die 50, würde ich sagen. Von der Volkshochschule, über die Städteregion bis hin zu den Schulen und Vereinen. Es gibt auch Geldgeber, die uns unterstützen, wenn es mal eng wird.

Wird es das denn?

Fischer: Was die Realisierung verschiedener Projekte betrifft, braucht es immer wieder Gelder, um sie auf die Beine zu stellen.

Und insgesamt? Der Projektzeitraum soll nun fortgeschrieben werden, um auch weitere finanzielle Förderung zu erhalten – damit wäre ihr Engagement und das von Kollegen vor Ort gesichert. Insgesamt klingt das aber nach einer Zitterpartie.

Fischer: Wir wussten ja schon zu Beginn, dass es einmal zu Ende gehen wird. Das ist allen Beteiligten klar. Aber ein Ende ist eben noch nicht erreicht. Hier gibt es noch viel zu tun und es schlummern noch viele Möglichkeiten. Deshalb wäre es schade, wenn es bald vorbei sein sollte.

Man hört aber schon mal, dass Ehrenamtler übernehmen sollen, wenn für die Hauptamtlichen kein Geld mehr da ist. . .

Fischer: Ja, das sind hehre Ziele. Aber ich habe eigentlich noch nie mitbekommen, dass solche Projekte ganz ohne hauptamtliches Personal weiterlaufen. Man muss ja die Kontakte pflegen, das ist das A und O. Und das ist richtig zeitintensiv. War ich zu Beginn selbst oft noch draußen und habe den Kontakt zu den Menschen gesucht, verbringe ich heute viel Zeit im Büro. Man braucht Hauptamtler, um die vielen Ehrenamtler richtig zu begleiten und sie zu unterstützen. Sonst sind sie bald überfordert und ziehen sich zurück.

Wie viele Ehrenamtler halten Sie denn bei der Stange?

Fischer: Einige. Es sind 30 bis 50, denke ich. Darunter sind viele, die nur hin und wieder einmal vorbeischauen und etwas machen, und andere, die sich regelmäßig und sehr intensiv einbringen. Zum Beispiel Ahmed Amgoune, der für unsere Stadtteilzeitung Übersetzungen ins Arabische macht. Oder Ulla Martino, die eine Nähgruppe für Kinder und Jugendliche anbietet, die große Resonanz findet. Und es kommen immer wieder neue Menschen, die Ideen mitbringen.

Gibt es ein Ziel, das Sie erreichen wollen?

Fischer: Neben dem Ziel, die Lebensverhältnisse und das Miteinander nachhaltig zu verbessern, gibt es ein eher inneres Ziel: Ich möchte, dass jeder einmal im Haus Setterich vorbeigeschaut hat und uns und unsere Angebote wahrgenommen hat. Nicht nur aus Setterich selbst, gern auch aus ganz Baesweiler.

Durch die Auslastung Ihrer Räume sorgen sie für Konkurrenz. Während im Haus Setterich viele Menschen aus- und eingehen, versucht das evangelische Gemeindezentrum wenige Meter nebenan händeringend, seine Räumlichkeiten zu vermieten um den Erhalt des Gebäudes zu finanzieren.

Fischer: Von Konkurrenz würde ich nicht sprechen. Zu Beginn des Projekts, als das Haus Setterich noch gar nicht stand, haben wir einige Angebote im Gemeindezentrum gemacht. Aber solche Angebote, wie wir sie heute bei uns haben, wären dort nicht machbar gewesen. Da braucht es mehr Räume und nicht hauptsächlich einen großen Saal.

Schaffen Sie sich durch ihre Arbeit nicht selbst ab? Je erfolgreicher sie im Projekt sind, desto weniger werden Sie gebraucht.

Fischer: Das ist zumindest die Theorie.

Und die Praxis?

Fischer: Durch steigenden Erfolg steigt auch der Arbeitsaufwand. Es gibt so viele Menschen, die man zuhause besuchen sollte, da sie bislang vielleicht nicht in der Lage sind, sich ohne Unterstützung an Projekten zu beteiligen. Sie sind womöglich krank oder mutlos. Aber oft kommt man gar nicht dazu. Allein die Verwaltungsarbeit ist enorm. Wer bekommt wann welchen Schlüssel für welchen Raum, und wann bringt er ihn wieder zurück? Da gibt es so viele Dinge, die beachtet werden wollen.

Wenn Sie ihre Aufgabe als Weg betrachten: Wo sind Sie gerade auf dieser Strecke?

Fischer: Etwa in der Mitte, würde ich sagen. Vieles ist bereits angestoßen, aber vieles muss auch noch gefestigt werden.

Mit den Projektmitteln wird in Setterich bautechnisch vieles auf Vordermann gebracht. Straßen, Plätze – wie bringen sich die Bürger da in die Planung mit ein?

Fischer: Sehr rege. Erst neulich gab es bei uns einen Infoabend, bei dem es um Entwicklungen in Siedlung-Ost ging. Wir hatten mit 20 Besuchern gerechnet, und es kamen mehr als 60. Das fand ich super. Und die Menschen haben zu Fragen wie Heizkosten oder den Zustand von Plätzen und Wegen in dem Gebiet ganz eifrig diskutiert.

Ist die neue Optik auch eine Visitenkarte für die „Soziale Stadt“?

Fischer: Das sind vor allem Dinge, die die Menschen wahrnehmen. Die sind zum großen Teil richtig stolz auf all das, was hier passiert, das erlebe ich immer wieder.

Was bedeutet das Haus Setterich für Sie?

Fischer: Für mich ist es so eine Art Heimat geworden. Es ist etwas Schönes, das mir trotz manch stressiger Tage Kraft gibt. Es ist gut, zu sehen, dass das Selbstvertrauen vieler Menschen wächst und sie immer mehr Sachen gemeinsam anpacken und dabei Spaß haben.

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