Würselen - Projekt am HGG: Zeitzeugin, die Geschichte spürbar macht

Projekt am HGG: Zeitzeugin, die Geschichte spürbar macht

Von: Yannick Longerich
Letzte Aktualisierung:
15882342.jpg
Emotional und beklemmend: Friederike Goertz erzählte Würselener Schülern über ihre Zeit als Kind in der Villa Buth in Jülich. Die Fabrikantenvilla war im Dritten Reich von den Nationalsozialisten als Zwischenlager für Juden vor der Deportation eingesetzt worden. Foto: Longerich

Würselen. Zum Abschied gab es für Friederike Goertz ein „süßes“ Geschenk für den Heimweg. Der Geschichtslehrer Timo Ohrendorf vom Würselener Heilig-Geist-Gymnasium hatte zusammen mit seinen Schülern einen kleinen Präsentkorb voller Honigspezialitäten aus seiner privaten Imkertätigkeit zusammengestellt.

Eine einfühlsame wie herzergreifende Geste – stellte Honig doch in den zurückliegenden Erzählungen von Goertz ein wichtiges und Kraft spendendes Detail dar. Über 70 Jahre ist es her, dass Friederike Goertz im Grundschulalter bei Pflegeeltern Unterschlupf fand und ihrer ins KZ Theresienstadt verschleppten Mutter Honig als Geste der Hoffnung schickte.

Die Odyssee der Familie Goertz begann in den frühen Jahren der NS-Herrschaft. Während ihr Vater Katholik war, geriet die mütterlicherseits jüdische Familie bald in den Fokus der NS-Rassenideologie. Vater und Mutter trennten sich, die zunächst noch gemäßigte NS-Rechtsprechung sprach der Mutter aber weiterhin das Sorgerecht zu. Nachdem Mutter und Tochter in späteren Jahren zunächst im „Dürener Judenhaus“ interniert waren, wurden beide ab 1941 in die von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Fabrikantenvilla Buth in Jülich verlegt.

Ausstellung auf Vogelsang

Das noch heute existierende Anwesen und seine Geschichte in der Nazizeit wurde von der Projektgruppe „Zeitgeschichte“ am Heilig-Geist-Gymnasium ins Auge gefasst. Unter dem Titel „Villa Buth – Zwischenstation zum Holocaust“ haben die Schüler zunächst Hintergrundwissen gesammelt und Grundlagenforschung betrieben. Friederike Goertz (geboren 1934), die als eine der wenigen Insassen einer Weiterverlegung in ein Vernichtungslager entgehen konnte, stand den jungen Historikern nun für eine Zeitzeugenbefragung zur Verfügung.

Der Projektkurs, der sich über das gesamte Schuljahr erstreckt und im Zuge einer abschließenden Facharbeit benotet und beendet wird, beschäftigt sich zum ersten Mal mit der zitierten Villa. Projektlehrer Timo Ohrendorf initiierte den Themenschwerpunkt, da er unter anderem aufgrund seines Wohnorts einen direkten Bezug zur Villa hat. Die Fülle der Abschlussarbeiten – auch Filmprojekte gelten als solche – sollen zusammen mit allen weiteren Ergebnissen in einem Sammelband veröffentlicht werden. Ferner planen die Verantwortlichen eine Ausstellung im kommenden Jahr im Forum Vogelsang am Ort der früheren NS-Ordensburg Vogelsang in Schleiden.

Das emotionale Gespräch mit Friederike Goertz wird sowohl in den Filmprojekten, als auch in den schriftlichen Ausarbeitungen eine zentrale Rolle spielen. Während beim Gespräch über ihre frühe Kindheit und die Erinnerung an beide Elternteile noch sehr viel Freude und Melancholie den Raum füllte, setzte in den nachfolgenden Episoden eine merkliche Beklemmung bei allen Beteiligten ein. Ihr Vater habe verhindert, erzählte Goertz, dass sie zusammen mit großen Teilen ihrer jüdischen Verwandtschaft nach Shanghai auswandern konnte.

Aus der Sicht eines Kindes erzählte sie weiter, wie sie nach mehreren erzwungenen Wohnortwechseln schließlich mit ihrer Mutter in die Villa Buth kam. Unbeschwert und freudig klangen die Passagen, als das junge Mädchen hörte, dass sie nun in einem „Schloss“ wohnen würde. Eine Puppe, die ihr ihre Freundin Anita vor der Trennung überlassen hatte, war stets in ihren Armen.

Das junge Mädchen bekam trotz ihres jungen Alters mit, dass immer wieder Menschen aus der Villa verschwanden. Antisemitische Anfeindungen im Alltag gehörten auch für sie zur Tagesordnung. Die verhältnismäßig behütete, doch oftmals sehr langweilige Zeit in der Villa endete schlagartig, als sie auf Drängen der Mutter bei einem Mönchengladbacher Ehepaar unterkommen sollte. Erst Jahre erkannte sie den eigentlichen Sinn dieser Maßnahme.

Offiziell sei sie in Mönchengladbach nur zu Besuch gewesen – Bestechung und gute Kontakte der Pflegeeltern retteten das Mädchen womöglich vor der Deportation. In Erinnerung geblieben ist Friederike Goertz ein Formular, auf dem über sie nur „Halbjude“ vermerkt war.

Während einer der unzähligen Luftangriffe nahm ihr ein Bombentreffer später auch dieses Heim. Die Puppe samt Puppenwagen war das einzige, was ihr Pflegevater aus dem Inferno retten konnte. Nach einem Irrweg durch verschiedene Evakuierungslager traf sie nach dem Krieg wieder auf ihre Mutter, die im Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte. Ein hoch emotionaler Moment – damals und auch heute noch, wenn sie davon erzählt.

Das Kommunionsbild ihrer Tochter Friederike in einem kleinen Medaillon rettete ihrer Mutter buchstäblich das Leben. Auch wenn Friederike Goertz mittlerweile ein langes und erfülltes Leben gelebt hat – besonders die Zeit der sich jährenden Novemberpogrome bringen ihr die schlimmen Erinnerungen immer wieder ins Gedächtnis.

Verbitterung oder Trauer überschatten jedoch nicht ihre Gefühlswelt: „Ich habe zu danken, dass das Thema in Schulen intensiv behandelt wird. Ich habe damals gelernt, dass das Böse nicht nur durch die lebt, die Böses tun. Vielmehr durch die, die dies dulden.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert