Prävention ohne Zeigefinger: „Ein Wunder, dass ich noch lebe”

Von: Stefan Klassen
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Beeindruckende Biographien: „Ingrid” und „Gamy” von den Anonymen Alkoholikern erzählten Neuntklässlern der Settericher Realschule von ihren Lebens- und Leidenswegen. Foto: Stefan Klassen

Baesweiler. Im Klassenraum herrscht absolute Stille. Ungewöhnlich diszipliniert sind die 24 Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen, schließlich erwarten sie ungewöhnliche Gäste. Gäste, die sich aus der Deckung wagen, die ihre Anonymität aufgeben. Der Jugendlichen wegen.

Die beiden Referenten, eine Frau und ein Mann mittleren Alters, stellen sich als „Ingrid” und „Gamy” vor. Weitere persönliche Angaben verschweigen sie. Von der Öffentlichkeit unerkannt wollen sie bleiben, nur den Settericher Realschülern öffnen sie sich. „Ingrid” und „Gamy” gehören zu den „Anonymen Alkoholikern”, der in 185 Ländern vertretenen Organisation mit weltweit rund zwei Millionen Mitgliedern.

Schon Erfahrung gemacht

Die Jugendlichen und ihre Gäste sitzen auf Stühlen im Kreis, „Ingrid” zündet in der Mitte eine Kerze an. Doch der warme Flammenschein will so gar nicht zu dem passen, was „Ingrid” in den nächste Minuten aus ihrem Leben als Alkoholikerin offenbaren wird. Sie erzählt von einer scheinbar normalen Familiensituation, einer stets geregelten Arbeit, vom Selbstbetrug. „Erst habe ich abends einen ,edlen Wein´ getrunken, dann kam in den ,vitaminreichen´ Orangensaft der Campari, später kam der Absturz”, berichtet sie den aufmerksamen Realschülern.

„Ingrid” hat „Alkohol als meine eigene Belohnung” empfunden und „Probleme weggetrunken”. Bis der Punkt kam, als sie sich selbst den Alkoholismus eingestehen musste. Es folgten ein Aufenthalt in einer Fachklinik für suchtkranke Frauen und schließlich ihr Engagement bei den Anonymen Alkoholikern. Dort, sagt „Ingrid”, gibt es offene Ohren und neues Selbstbewusstsein. Dennoch: „Ich bin noch auf dem Weg, mein nüchternes Leben zu lernen.”

Zum lernen sind auch die Schüler da. Fast alle der 15- und 16-Jährigen im Rund haben schon Erfahrungen mit Alkohol gemacht, wie sich zeigt. Sei es beim Geburtstag der älteren Schwester oder kürzlich bei einer Halloween-Party. Und mehrere von ihnen kennen alkoholkranke Menschen in ihrem direkten Lebensumfeld, so offenbaren sie auf „Ingrids” Nachfrage. So mag es nicht verwundern, dass sie die Referentin mit vielen vernünftigen Fragen löchern: „Wie sind Ihre Kinder mit der Alkoholkrankheit umgegangen?” oder „Wie groß ist heute Ihre Lust auf Alkohol?” heißt es etwa.

Gesellschaftlich verniedlicht

„Gamy” verteufelt den Alkohol als „brutale Sucht”. Früher war das anders. Da hat er dem ebenfalls alkoholkranken Vater den Whisky geklaut, hat er fast permanent getrunken, was ihm ins Glas kam. „In der Clique haben wir uns richtig hochgeschaukelt”, blickt „Gamy” zurück. Es folgten Selbstmordgedanken, Intensivstationen, eine halbjährige Therapie, die Anonymen Alkoholiker. „Ich war schwer abhängig, es ist ein Wunder, dass ich noch lebe.”

Es sind die verschiedenen Formen und Ausprägungen des Alkoholismus, die „Ingrid” und „Gamy” den jugendlichen Realschülern vermitteln möchten. Und es ist die Gefahr, auf die besonders „Gamy” immer wieder verweist: „Alkohol wird in unserer Gesellschaft verniedlicht. Er bedroht jeden von uns.” Den Zeigefinger lässt „Gamy”, der heute „gewaltige Freude am neuen Leben” hat, dabei jedoch gesenkt. Was den Schülerinnen und Schülern gefällt, die von der Kraft der Worte und der Eindringlichkeit der Erzählungen beeindruckt sind. Mehr braucht es da nicht.

So ist Christoph nach den 90 intensiven Minuten mit „Ingrid” und „Gamy” „erstaunt, wie schlimm Alkohol sein kann. Ich finde es gut, dass die beiden bei und waren.” Anika „weiß jetzt, wie gewaltig die Folgen des Alkohols sein können”. Und Jessy „war vorher gar nicht so bewusst, was für Folgen das Trinken hat. Ich glaube, es wird mir nun leichter fallen, die Finger davon zu lassen.”

„Ingrid” pustet die Kerze aus”, die Jugendlichen verlassen das Klassenzimmer. Immer noch herrscht Stille.
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