Plastik adé: Was sagen die Einzelhändler?

Von: Pia Sonntag
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Für Marianne Koch soll alles beim Alten bleiben: Sie will ihren Kunden weiterhin kostenlose Papier- und Plastiktüten anbieten. Foto: Pia Sonntag

Alsdorf. Beim Einkauf rechnen wir mit ihr, als kostenlose Tragehilfe geht sie über die Theke und soll das Gekaufte unbeschadet transportieren: Die Plastiktüte, die tagtäglich dem Käufer oft ungefragt mitgegeben wird und sicherlich dem ein oder anderen auf dem Weg nach Hause schon mal gerissen ist.

In so einem Moment werden sich bestimmt viele geschworen haben, auf eine stabilere oder wiederverwendbare Tragetasche umzusteigen – auch der Umwelt zu Liebe. Denn am Ende landen die benutzten Plastiktüten viel zu oft in der Natur – trotz eines guten Abfall- und Recyclingsystems. Je nach Kunststoffsorte dauert es dann zwischen 100 und 500 Jahren, bis sich eine Plastiktüte zersetzt hat, wenn sie nicht recycelt wird.

Alternative Baumwolltaschen

Viele Einzelhändler haben deswegen ihr Sortiment auf kostenpflichtige Baumwolltaschen umgestellt. Die Geschäfte, bei denen weiterhin an Plastiktüten festhalten wird, müssen sich auf eine Veränderung gefasst machen: Eine freiwillige Vereinbarung zwischen dem Handelsverband Deutschland (HDE) und dem Bundesumweltministerium sieht vor, dass die kostenlosen Plastiktüten nach und nach aus dem Handel verschwinden sollen.

Startschuss: 1. April

Nicht nur die Lebensmittelgeschäfte, bei denen Jute regelmäßig an den Mann gebracht wird, sondern auch weitere Branchen sollen sich daran halten. Ab dem 1. April sollen 60 Prozent der Tüten kostenpflichtig sein, innerhalb von zwei Jahren mindestens 80 Prozent.

In Alsdorf fallen die Meinungen dazu recht eindeutig aus. „Weg mit dem Plastik und her mit dem Stoffbeutel“, sagen die meisten Verkäufer. Trotzdem findet man immer noch Plastiktüten vor. Leider könne man nichts dagegen machen, weil die Vorgesetzten die endgültige Entscheidungskraft hätten, hieß es auf Seiten der Verkäufer.

Auch die Inhaberin des Ladens Berliner Moden in Alsdorf, Marianne Koch, hält weiterhin an ihren Plastik- und Papiertüten fest. Sie habe zwar schon von der Umstellung gehört, könne diese aber nicht nachvollziehen. Denn was beim Drogeriebedarf funktioniere, sei bei ihrer Kleidung nicht umsetzbar, sagt Koch. Bei schlechtem Wetter würde sie ihren Kunden eine Plastiktüte in die Hand geben und bei gutem Wetter eine Papiertüte reichen, die bei Regen beschädigt werden würde.

„Dass Plastiktüten der Umwelt schaden, ist mir bewusst, aber viele Kunden verwenden meine robusten Plastiktüten regelmäßig wieder“, sagt Koch. Sie selbst würde immer mehrere ihrer Plastiktaschen beim Einkauf dabei haben. Außerdem würden es ihre Kunden nicht einsehen, zusätzlich zum Einkauf Geld zu bezahlen. Ein weiterer Vorteil ihrer Tüten sei die Optik. Als „Hingucker“ bezeichnet sie ihre Kunststoffbeutel, die mit bunten Rosen bedruckt sind. Daher glaube sie nicht, dass ihre Tüten als „Wilder Müll“ in der Natur landen, denn „dafür sind die viel zu schade“, meint die Verkäuferin. Die Takko-Filiale in Alsdorf hingegen setzt seit einem halben Jahr nur auf Papiertüten. „Durch die Umstellung schonen wir die Umwelt. Auch die Kunden sind zufrieden“, sagt der Filialleiter von Takko, Markus Bauer. Für ihn kommt Plastik nicht mehr an die Kundschaft.

Ob er mit der Annahme richtig liegt, dass Papiertüten umweltfreundlicher sind, ist fraglich. Ein Problem ist die Wiederverwendbarkeit: Papier ist eben nicht so reißfest und auch nicht wasserabweisend. Außerdem benötigt die Herstellung fast doppelt so viel Energie wie die Produktion der Plastiktüte. Die Papiertüte dürfte also aus ökologischer Sicht ebenso umstritten sein.

Deswegen verzichtet der Textildiscounter Kik laut eigenen Angaben seit Oktober in den Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz komplett auf Plastik und Papier und setzt stattdessen auf Baumwolltaschen und PET-Taschen.

Vier Monate nach der Umstellung zieht Kik ein positives Fazit: „Die Umstellung war ein voller Erfolg und wurde von den meisten Kunden sehr positiv aufgenommen. Wir erhielten seitens vieler Kunden den Zuspruch zu diesem wichtigen Schritt zur Vermeidung von Plastikmüll“, so Patrick Zahn, Vorsitzender der Geschäftsführung. Von den neuen Taschen habe das westfälische Textilunternehmen zwischen Oktober 2015 und Januar 2016 knapp vier Millionen Stück verkauft. Durch den Verzicht auf Plastiktüten habe Kik in diesem Zeitraum rund 200 Tonnen Plastik einsparen können.

Bereitschaft vorhanden

Kik sei das erste Textilhandelsunternehmen gewesen, das den vollständigen Verzicht auf Plastiktüten umgesetzt hat. Bereits vor Einführung der Baumwollbeutel waren die Plastiktüten bei Kik kostenpflichtig. „Unsere Erfahrung ist, dass die Bereitschaft der Kunden, für Tragetaschen zu bezahlen, sehr viel höher ist als gemeinhin angenommen. Im Lebensmitteleinzelhandel sind Plastiktüten schon seit vielen Jahren kostenpflichtig und die Kunden haben sich entsprechend darauf eingestellt“, so Patrick Zahn.

„Nach so einem positiven Fazit, werden vielleicht noch mehr Einzelhändler darauf anspringen und es uns gleichtun“, sagt ein Verkäufer bei Kik, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen wollte.

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