Pesler: „Bei den Interviews ist auch die ein oder andere Träne geflossen“

Von: ssc
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Günter Pesler hat die Geschichten von Menschen aufgeschrieben, die als Gastarbeiter in die Stadt kamen. Mitunter waren die Interviews zum Buch sehr emotional. Foto: Schaum

Nordkreis. Günter Pesler interviewt Menschen, die als Gastarbeiter nach Baesweiler kamen. Ihre Lebensgeschichten bilden den Kern seines Buches.

Was hat Sie auf das Thema gebracht? War die aktuelle Flüchtlingssituation ein Anlass?

Pesler: Die Überlegung, eine Geschichte der Gastarbeiter zu schreiben, hatte ich schon lange. Doch wie so häufig, landen geplante Projekte zunächst einmal in der Schublade. Ute Fischer vom Haus Setterich hatte im vergangenen Jahr angeregt, ein Projekt über die Zuwanderer in Baesweiler und Setterich zu starten. Damit wurde die Idee wieder zum Leben erweckt. Aber mit erweitertem Umfang, da die Gastarbeiter zwar eine wesentliche Rolle als Zuwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg spielen, aber es ja auch andere Zuwanderergruppen gibt, wie zum Beispiel die Flüchtlinge, die aber für dieses Projekt nicht der Anlass waren.

Welche Erfahrungen haben Sie während der Interviews gemacht, wie waren die Gespräche?

Pesler: Die Interviewpartner sollten völlig ungezwungen aus ihrem Leben erzählen können. Bei Bedarf haben wir gezielte Nachfragen gestellt. Mit diesem Stil haben wir versucht, eine angenehme und persönliche Atmosphäre zu schaffen. Durch die gewählte Vorgehensweise konnten wir auch eventuell vorhandene Vorbehalte beseitigen. Letztlich verliefen alle Interviews sehr positiv.

Wie emotional war das Ganze?

Pesler: Auf Grund der teils sehr bewegenden Einzelschicksale flossen hin und wieder Tränen. Jeder Interviewpartner hatte die freie Wahl, wo das Gespräch geführt werden sollte. So kamen Gespräche bei den Menschen zu Hause zustande, im Haus Setterich oder in der Moschee. Saniye Kol von der Integrationsagentur Baesweiler und ich haben uns professionelle Hilfe beim Kulturgeografischen Institut der RWTH Aachen geholt. Dr. Maike Didero, die ein ähnliches Projekt mit marokkanischen Migranten bearbeitet hat, konnte uns helfen, den von Frau Kol und mir entwickelten Fragebogen zu optimieren.

Wollen Sie das Buch als Beitrag zur Integration verstanden wissen?

Pesler: Bei dem Thema Zuwanderung spielt natürlich auch Integration eine Rolle. Aussagen dazu werden sich im Buch finden, allerdings steht es nicht im Vordergrund. In erster Linie geht es darum, zu zeigen, warum Menschen ihr Heimatland verlassen, welche Schwierigkeiten damit verbunden sind, welche Erfahrungen die Migranten gemacht haben, wie heute ihr Verhältnis zu ihrem Heimatland und zu Deutschland ist – ja was überhaupt Heimat für sie ist. Wir möchten Verständnis wecken für Menschen, die viel Mut beweisen mussten, als sie ihr Heimatland verließen, häufig ihre Familien zurückließen.

Wir möchten, dass die Leser einen Perspektivwechsel einnehmen und sich in die Lage von Auswanderern versetzen. Wie wäre es, wenn man selbst auswandern müsste, weil es im Heimatland keine Perspektiven gibt oder weil man aus bestimmten Gründen flüchten muss? Diese Vorstellung allein sollte schon Verständnis für Migranten wecken. Unter diesem Blickwinkel kann man das Buch als Beitrag zur Integration begreifen, der ja auch von der aufnehmenden Seite geleistet werden muss. Optimal wäre es, wenn das Buch den Anstoß dazu gäbe, dass alle Beteiligten offener aufeinander zugehen.

Gibt es da Barrieren?

Pesler: Die hat es leider immer zwischen Einwanderern und Einheimischen gegeben, bis heute. Das wissen die älteren Baesweiler nur zu genau, wenn sie sich an die starke konfessionelle Trennung zwischen Katholiken und Protestanten noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg zurück erinnern. Viele Protestanten sind ja aus unterschiedlichen Ländern erst in den 1920er Jahren in das katholische Baesweiler gekommen, weil sie hier Arbeit im Bergbau fanden. Auch hier gab es viele Vorbehalte, deren Überwindung Jahrzehnte benötigte. Trennung kann aber nie die Grundlage zur Lösung von Konflikten sein, deshalb ist es gerade heute so wichtig, offen miteinander umzugehen, in einer Zeit, in der das Thema Migration wieder in aller Munde ist.

An wen richtet sich das Werk?

Pesler: Das Buch richtet sich an alle, die wissen möchten, was Migration für den Einzelnen bedeutet und welche Schicksale damit verbunden sind. Natürlich sind auch die angesprochen, die selbst eine Migrationsgeschichte haben. Das Buch dürfte im übrigen für den historisch Interessierten brauchbar sein, da ich Wert darauf lege, dass der geschichtliche Hintergrund von Migration auch berücksichtigt wird. Die Geschichte bietet dabei einiges an Überraschungen.

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