Herzogenrath - Pastor Martin Dielmann verlässt das Lukas-Gemeindezentrum in Kohlscheid

Pastor Martin Dielmann verlässt das Lukas-Gemeindezentrum in Kohlscheid

Von: Beatrix Oprée
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Hat sich mit seinem Mann in Kohlscheid bestens aufgehoben gefühlt: Pastor Martin Dielmann. Foto: B. Oprée

Herzogenrath. Kohlscheid war seine erste Pfarrerstelle, und für viele Gemeindemitglieder ist er Begleiter auf diversen Lebensstationen geworden: Pfarrer Martin Dielmann verlässt am Mittwoch die Lukas-Gemeinde. Im Interview blickt er zurück und voraus.

Seit wann waren Sie als Pfarrer im Lukas-Gemeindezentrum tätig?

Dielmann: Meinen Dienst als Pfarrer in Kohlscheid habe ich am 1. Oktober 1999 begonnen. Die Gemeinde kannte mich allerdings schon aus der Zeit von 1996, als ich in Kohlscheid als Pastor im Sonderdienst zur Entlastung des damaligen Superintendenten Jürgen Bath gearbeitet habe.

Wie sind Sie als Westerwälder nach Kohlscheid gekommen?

Dielmann: Nach dem Abitur habe ich in Wuppertal, Tübingen, Bern und Bonn studiert. Danach folgte die praktische Ausbildung im Vikariat in Duisburg-Marxloh und in Doetinchem in den Niederlanden. Da mir das Leben in den Niederlanden sehr gut gefallen hat, wollte ich die Nähe dazu gerne erhalten.

Die beiden Kirchen unterliegen in der heutigen Zeit wachsenden Herausforderungen – vor allem durch schwindende Zahlen an Gläubigen und einhergehend schrumpfende finanzielle Mittel. Wie manifestiert sich dies in der evangelischen Kirchengemeinde Herzogenrath? Wie ist die Mitgliederentwicklung?

Dielmann: Die Zahl der Gemeindeglieder in der Kirchengemeinde Herzogenrath ist in den ersten Jahren meiner Dienstzeit in Kohlscheid durch den Zuzug in die Neubaugebiete gewachsen. Allerdings ist der demographische Wandel mittlerweile zu spüren, der zum leichten Rückgang der Mitgliederzahl geführt hat. So sehen auch wir uns mit den wachsenden Herausforderungen konfrontiert; das Presbyterium macht sich entsprechend Gedanken.

Gibt es Notwendigkeiten zur Kostenkonsolidierung auf personellem Sektor oder etwa beim Immobilienbesitz?

Dielmann: Auf jeden Fall. Die Kirchengemeinde Herzogenrath hat – wie die meisten anderen Kirchengemeinden auch – einen Haushalt für 2014, der nur durch Entnahmen aus Rücklagen ausgeglichen werden kann. Die Ursachen betreffen die Einnahmen- wie auch Ausgabenseite. Die von der Landeskirche vorgeschriebene Substanzerhaltungsrücklage für alle kirchengemeindlichen Gebäude ist sicherlich notwendig, nimmt uns aber zur Zeit allen finanziellen Spielraum. In Zukunft werden sich deshalb schmerzhafte Einschnitte kaum vermeiden lassen.

So hat das Presbyterium zum Beispiel im Rahmen der Wiederbesetzung der Jugendreferentenstelle sehr intensiv über den zukünftigen Stellenumfang diskutiert. Da Sparmaßnahmen aber nicht ausreichen, macht sich die Gemeinde auch über die Einnahmenseite Gedanken – Stichwort: Spenden, Sponsoring, Merchandising. Darüber hinaus gibt es auch noch weitere Faktoren, über die das Presbyterium gewissenhaft, verantwortungsvoll und zukunftsorientiert berät.

Was ist Ihnen in Kohlscheid ein besonderes Anliegen gewesen?

Dielmann: Als meine zentrale Aufgabe habe ich stets die Verkündigung betrachtet. Die Gemeinde war offen für viele unterschiedliche Gottesdienstformen wie die Kleinkindgottesdienste, die Kinder-Kirche, die Teeniekirche, besondere Segnungs- und Dialoggottesdienste sowie „Kirche und Kino“. Als zweite wesentliche Aufgabe habe ich die Seelsorge betrachtet, das heißt, die Begleitung von Menschen in Krisen und an den Übergängen des Lebens. Daher habe ich besonderen Wert auf die sorgsame Vorbereitung und Durchführung von Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen gelegt.

Aber auch die Unterstützung der Flüchtlingsarbeit war mir von Anfang an ein großes Anliegen, nicht nur um Flüchtlingen und Migranten zu helfen, sondern auch, um protestantisch-kirchliches Profil zu zeigen. Mit der Teilnahme von Kindern am Abendmahl sowie der Einführung der Segnung gleichgeschlechtlich liebender Menschen ging es mir darum zu zeigen, dass wir als Kirchengemeinde offen sind und niemanden ausschließen.

Welches Erlebnis hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

Dielmann: Ich blicke auf eine intensive, spannende und schöne Zeit von mehr als 14 Jahren in Kohlscheid zurück, in der ich vielen Menschen begegnet bin, die mich vorbehaltlos angenommen und in ganz besonderem Maße gestützt und mir dadurch auch die Gemeindearbeit sehr erleichtert haben. Dadurch habe ich mit der Zeit ein richtiges Gefühl des „Zuhause-Seins“ entwickelt. Das Gefühl einer geglückten Gemeinschaft hat zum Beispiel auch durch die vielen Feste, die wir in der Gemeinde zusammen gefeiert haben, seinen Ausdruck gefunden. Besonders intensive Erlebnisse waren für mich die Seniorenfahrten ins Bergische Land sowie die Kinderfreizeiten nach Wegberg.

Ich möchte keine dieser Gemeindereisen missen. Ganz eindrücklich war natürlich die Gemeindefahrt nach Israel 2010 an die heiligen Stätten, die mir als Christ besonders bedeutsam sind. Es war mir ein intensives Erlebnis zum Beispiel am See Genezareth oder im Garten Gethsemane mit Gemeindegliedern Gottesdienste feiern zu können.

Sie haben sich als einer der wenigen von Anfang an zu Ihrer Homosexualität bekannt, Ihren Lebensgefährten im Juni 2007 in Köln geheiratet und Ihre Ehe im Lukas-Gemeindezentrum ein Jahr später segnen lassen. Wie hat seinerzeit die Gemeinde darauf reagiert?

Dielmann: Das war ein richtiges „Happening“, das ich als besondere Wertschätzung meiner Person und Arbeit in der Gemeinde erlebt habe. Tief berührt hat mich die große persönliche Anteilnahme vieler Gemeindeglieder. Die Beiträge der Gruppen und Kreise zu den Feierlichkeiten bleiben mir unvergesslich. Dass 20 ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden die Organisation des Sektempfangs so bravourös in die Hände genommen haben, bereitet meinem Mann und mir heute noch große Freude, wenn wir daran zurückdenken.

Sie haben einmal gesagt „Ich glaube, dass Sexualität eine gute Gabe Gottes ist, die er uns geschenkt hat, damit wir sie auch leben sollten und dürfen, und ich denke, das gehört auch zum Menschsein dazu.“ Blicken wir auf das jüngste Coming-out im Fußball, das allerdings erst nach aktiver Karriere erfolgte: Ist unsere Gesellschaft für den unaufgeregten Umgang mit Schwulen und Lesben doch noch nicht reif genug?

Dielmann: Es wird ja häufig gesagt, der Fußball sei eines der letzten Reservate archaischer Männlichkeit. Dort ist Sexismus noch stärker verbreitet als im Gros der heutigen Gesellschaft, und Homophobie eben auch. Es scheint mir wichtig hervorzuheben, dass auch der Rest unserer Gesellschaft längst nicht so aufgeklärt und schwulen- bzw. lesbenfreundlich ist, wie die mediale Berichterstattung uns das zum Teil suggeriert. Ich höre von Freunden und erlebe es selbst auch immer wieder, dass Ablehnung auch im Jahr 2014 noch ein großes Thema im Alltag ist, und zwar in fast allen gesellschaftlichen Bereichen. Prominente Coming-outs aus Sport und Politik lenken meines Erachtens davon eher ab.

Wo führt Sie nun Ihr Weg hin?

Dielmann: Mit dem 1. März beginnt ein neuer Lebensabschnitt für meinen Mann und mich in Köln-Ehrenfeld. Der Entschluss zum Pfarrstellenwechsel fiel mir nicht leicht, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen notwendig. Dort in der Gemeinde habe ich nur noch einen Stellenumfang von 75. Dies ermöglicht mir, insgesamt weniger zu arbeiten. Hinzu kommt, dass mein Mann seit Sommer eine neue Stelle beim WDR in Köln innehat.

Durch unseren Umzug fallen lange Fahrtzeiten weg, und wir beide werden wieder mehr Zeit füreinander haben. Leider geht mit unserem Wohnungswechsel auch unser Leben in Kohlscheid zu Ende. Auf die 14 Jahre blicke ich mit guten Gefühlen und Dankbarkeit viel zurück. Es war eine intensive Zeit, an die ich mich immer gerne erinnern werde.

Und wie wird es in der Lukas-Gemeinde in Kohlscheid weitergehen?

Dielmann: Wenn eine Pfarrerin oder ein Pfarrer die Stelle wechselt, sind eine Kirchengemeinde und ihr Presbyterium besonders gefordert. Denn es sind eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen. Das Presbyterium hat bereits die Wiederfreigabe der Pfarrstelle beim Landeskirchenamt beantragt. Damit ist der erste Schritt zur Neubesetzung erfolgt. Dennoch wird die Zeit, bis ein neuer Pfarrer/eine neue Pfarrerin mit dem Dienst beginnen wird, 9 bis 12 Monate dauern.

Solange wird Pfarrer Joachim Wehrenbrecht aus Herzogenrath-Mitte auch für die Gemeindeglieder in Kohlscheid Ansprechpartner bei Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Seelsorge sein. Da die Gemeindearbeit in Kohlscheid durch großes ehrenamtliches Engagement getragen wird, kann die Gemeinde zuversichtlich auf die Vakanz blicken. Von Herzen wünsche ich, dass der neue Pfarrstelleninhaber ebenso wie ich offen und warm aufgenommen wird und die Ressourcen und Gaben der Gemeindeglieder segensreich zum Wohle der Gemeinde nutzen kann.

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