Herzogenrath - Pastor Joachim Wehrenbrecht: „Religion vielfach nur noch Versatzstück“

Pastor Joachim Wehrenbrecht: „Religion vielfach nur noch Versatzstück“

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Die vierte Kerze: Joachim Wehrenbrecht appelliert an Besinnlichkeit zu Weihnachten. Foto: Oprée

Herzogenrath. Einspruch erhoben hat Joachim Wehrenbrecht, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Herzogenrath, gegen die Abwandlung des Weihnachtslieds „O Du Fröhliche“ zu Konsumzwecken. Beatrix Oprée sprach mit ihm über den Sinn des Christfestes.

„O Du Leckere“ lautet besagte Abwandlung – ich fand das originell …

Wehrenbrecht: Mir aber ist schon häufiger aufgefallen, dass religiöse Versatzstücke genutzt werden, um kommerzielle Dinge zu triggern. Das stößt mir auf. Deswegen habe ich mich bei den Verantwortlichen des entsprechenden Discounters beschwert über die Trivialisierung dieses schönen alten Weihnachtsliedes, in dem es ja heißt: „Christ ist erschienen, uns zu versühnen“. Das ist eine frohe Botschaft: Liebe erlöst, weckt Frieden, gebiert Zukunft. Heute aber ist Religion vielfach nur noch Versatzstück. In diesem Fall ist es die Fokussierung auf den leiblichen Genuss: Weihnachten wird auf Essen und Trinken reduziert.

Leckeres Essen gehört doch zum Fest dazu?

Wehrenbrecht: Ich habe nichts gegen Essen und Trinken. Im Gegenteil: Eine gemeinsame Mahlzeit ist wichtig und schön, festliche Gestaltung gehört dazu. Ich wehre mich aber dagegen, dass nur noch das an Weihnachten bedeutsam scheint. Und dass Weihnachten nur noch Deko ist. Lichterglanz ist schön, aber wo ist der Inhalt geblieben? Ich wehre mich dagegen, dass die Werbebranche christliche Inhalte nutzt, um Ware rauszuhauen. Gar nicht davon zu sprechen, unter welchen Bedingungen die oft produziert wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Apropos Ware: Weihnachten bedeutet ja auch Schenken. Da treiben es viele für Ihren Geschmack sicher auch zu bunt?

Wehrenbrecht: Im Grundsatz sind Geschenke etwas Schönes. Wenn man sich Gedanken macht, wie man anderen eine Freude bereiten kann. Das zeugt von Wertschätzung, Würdigung und Liebe. Aber nicht zu vergessen: Gottes Kind ist das größte Geschenk.

Da gibt es ja die Gegenbewegung, absolute Enthaltsamkeit in Sachen Geschenke. Was halten Sie davon?

Wehrenbrecht: Das kann natürlich jeder handhaben, wie er möchte. Aber Enthaltsamkeit gehörte früher zur Adventszeit – die ist Weihnachten vorbei. Dann wird die Geburt des Heilands gefeiert und die Freude darüber mit Geschenken zum Ausdruck gebracht. Ich kann mich noch daran erinnern, als meine Eltern beschlossen, sich nichts mehr zu schenken. Ich fand das damals befremdlich, es kam mir lieblos und hohl vor. Und auch das ist wichtig: Schenken braucht Resonanz – es ist ein Austausch, der durch das Fest Glanz bekommt.

Bleibt die Frage: Wie feiern Sie selbst denn Weihnachten?

Wehrenbrecht: Zunächst halte ich drei Gottesdienste, ansonsten bin ich Heiligabend alleine – um Kraft zu tanken. Dazu höre ich Bachs Weihnachtsoratorium.

Und was gibt es zu essen?

Wehrenbrecht (lacht): Würstchen mit Kartoffelsalat. Festessen ist am 1. und 2. Weihnachtstag angesagt, wenn ich mit der Familie feiere. Darauf freue ich mich. Genauso wie auf die Gottesdienste an den Festtagen und das gemeinsame Singen. Am 2. Weihnachtstag habe ich eine Taufe. Das passt wunderbar, dann steht das Kind im Mittelpunkt. Was in diesem Jahr noch gut zum Christfest passt, ist, dass wir ein Kirchenasyl gewähren.

Das hört sich sehr spannend an …

Wehrenbrecht: Es handelt sich um einen Mann aus Tadschikistan, der von der Mafia bedroht wird, die seinen Vater ermordet hat, soweit wir wissen. Er ist über Litauen eingereist und müsste dahin abgeschoben werden. Doch wir befürchten, dass die Asylgesetzgebung dort nicht ausreicht, um sein Leben zu schützen. Asyl geben – auch das ist Weihnachten. Auch Jesus war ein Flüchtlingskind.

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