Passionierte Imker bauen einen Prüfbetrieb für Bienenvölker auf

Von: Beatrix Oprée
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Handschuhe? Schutzkleidung? „Überflüssig“, sagen Professor Dr. Toni Ratte, Manfred Tesch und Herbert Gerhards (v.l.) vom Königinnen-Prüfbetrieb in Alsdorf-Ost. Foto: Beatrix Oprée
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Weiß gefliest muss der Raum sein, in dem der Honig geschleudert wird, wie bei Professor Dr. Gerd Groten in Noppenberg, dem vierten im Bunde der „Reinzucht-Kontrolleure“. Foto: Beatrix Oprée

Nordkreis. Der breite Imkerhut samt Netz sowie ein Paar lederne Schutzhandschuhe liegen zwar dekorativ bereit, scheinen aber bestenfalls der Form Genüge zu tun. Schutzkleidung benutzen die Männer schon lange nicht mehr, die sich gerade daran machen, Wabenrahmen aus einem Bienenstock zu ziehen.

„Hier ist die Königin“, Manfred Tesch hat nach einigem Suchen die Imme mit dem roten Punkt samt Identifikationsnummer entdeckt. Die Stockmutter und ihre Kolleginnen in elf weiteren Beuten spielen eine ganz besondere Rolle in der Kleingartenanlage an der Liegnitzer Straße in Alsdorf: Sie stehen als besonders ausgelesene Exemplare ihrer Spezies im Dienst der Wissenschaft. Denn bei den zwölf bunten Kisten auf der eigens vom örtlichen Siedlerverein gepachteten Parzelle handelt es sich um einen Prüfbetrieb für „Reinzucht-Bienenköniginnen“.

Sanftmut, Schwarmträgheit, Vitalität und Honigertrag zu fördern, heißt das Forschungsziel. „Wir sind Imker aus Leidenschaft“, erklärt Professor Dr. Toni Ratte, emeritierter Biologe der RWTH Aachen und Leiter der Prüfstation. „Mit unserem Einsatz hier möchten wir züchterische Programme des Deutschen Imkerbundes (DIB) und speziell der Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht (AGT) unterstützen.“ Die vier Prüfkollegen – neben Ratte und Tesch gehören Herbert Gerhards, Vorsitzender des Imkervereins Bardenberg-Alsdorf, und Professor Dr. Gerd Groten zur Truppe – wollen dazu beizutragen, „dass langfristig den Imkern in unserer Region eine sanftmütige und gegen Krankheiten – besonders gegen den Varroa-Parasiten widerstandsfähige Biene zur Verfügung steht“.

Die Arbeiterinnen aus den zwölf munteren Völkchen schwärmen derweil unermüdlich in den Himmel, nichts anderes als ihr Tagwerk im Sinn. In den Nachbargärten ist davon schon gar nichts mehr zu spüren. Und genau das ist es, was der Bevölkerung vermittelt werden soll: Die Zuchtbiene von heute ist friedfertig. Allenfalls Gewitterstimmung bringe sie aus der Ruhe. „Die Tiere spüren den Wetterumschwung genau, sind dann nervöser“, erklärt Herbert Gerhards. „Im Grunde aber sind alle Immen harmlos, werden nur aggressiv, wenn Gefahr droht“, bricht auch Vereinsmitglied Günter Kalinka eine Lanze für die eifrigen Honigsammler, die so wichtig sind für unser Ökosystem. Vor allem die 1977 aus Asien eingeschleppte Varroamilbe macht heimischen Bienen das Leben schwer. Längst sind alle Völker betroffen, in der freien Natur – ohne Eingreifen des Menschen – hätten sie keine Überlebenschance mehr, erläutert Professor Groten. Der Parasit schwächt die Tiere, macht sie anfällig für Krankheiten, infolge derer ganze Staaten ausgerottet werden. Aber auch unsachgemäßer Pflanzenschutz und die Zerstörung von Biotopen stellen ernste Gefahren für die Nektar sammelnden Insekten dar.

Doch das Interesse an der Bienenhaltung wächst wieder, „bei allen Altersklassen“, sagt Toni Ratte. Und Herbert Gerhards schmunzelt: „Früher waren es hauptsächlich alte Männer, die sich diesem Hobby widmeten. Jetzt sind viele junge Leute dabei, übrigens zunehmend Frauen.“ Einen Bienenstock im Hausgarten können sich immer mehr Leute vorstellen. Vorausgesetzt, die Nachbarn spielen mit – und die Bienengesundheit ist gut zu handhaben.

Hier wollen die Imker in der Siedlung Ost aktive Hilfestellung leisten: „Imker aus der Region können von den besten Königinnen des Prüfstands eigene Königinnen nachziehen“, erklärt Toni Ratte. Ergänzend werden Kurse zur Aufzucht von Jungköniginnen angeboten. Die besonders sanftmütigen und vitalen Reinzucht-Bienenköniginnen sind von anerkannten Züchtern der DIB und der AGT zur Verfügung gestellt worden. Sie sind kontrolliert gepaarte Nachzuchten aus gekörten Völkern der registrierten Zuchtbetriebe.

Als Gegenleistung kontrollieren und dokumentieren die Betreiber des Alsdorfer Prüfbetriebs anhand der AGT-Richtlinien verschiedene Faktoren des nachgewachsenen Bienenvolkes, so etwa die Sanftmut: Die Bewertung „sehr sanft“ und damit vier Punkte erhalten auffallend friedfertige Völker, die sich ohne Maske, Handschuhe und Raucheinsatz behandeln lassen; nur ein wenig Rauch bedarf es bei den „sanften“ Genossen; nervöse Völker, die nur durch Rauch besänftigt werden, den Imker anfliegen und vereinzelt auch stechen, erhalten nur noch zwei Punkte. Ein Stich in die Hand zählt dabei nicht, da meist vom Imker unbeabsichtigt selbst provoziert.

Als „bösartig“ gilt ein Volk, dessen Tiere den mit Hut, Handschuhen und Rauch geschützten Bearbeiter stetig anfliegen. Vier Kategorien gibt es auch für den „Wabensitz“: Bleiben die Tierchen dicht an dicht auf der Wabe sitzen, die der Imker herauszieht, gilt der Sitz als „fest“ und erhält vier Punkte. Fliegen sie hingegen unruhig auf und ketten sich dann am Wabenrand traubenartig wieder an, gibt es nur eine 1.

Von großem Interesse ist auch die Bruthygiene: Bienen können von der Varroa-Milbe befallene Brutzellen erkennen und ausräumen. Je aktiver ein Volk dabei ist, umso widerstandsfähiger wird es und umso weniger Ameisen- oder Oxalsäureeinsatz braucht es, um die Parasiten zu bekämpfen. Hier gilt es, durch Selektion vitale Stämme zu züchten, was durch Kontrollen in der Alsdorfer Prüfstation unterstützt wird.

Alle Daten werden in Zuchtbücher eingetragen und per Internet vermittelt. Die Männer vom Imkerverein Bardenberg-Alsdorf sind überzeugt, dass sich ihr Einsatz lohnt: „Trotz widriger Umstände kann eine Bienenhaltung in unserer Region ein Quell der Freude sein“, schwärmt Toni Ratte. „Durch Verbreitung einer vitalen und sanftmütigen Biene wird die Bienenhaltung attraktiver für alle und nimmt Mitbürgern die Angst vor Bienen.“

Die Städte in der Städteregion haben die Mitglieder des Imkervereins als „Inseln in der stark landwirtschaftlich geprägten Umgebung“ ausgemacht, mit einer Fülle von Blütenpflanzen. Gute Trachtmöglichkeiten bieten auch die Halden mit Löwenzahn, Weißklee und Robinien. Ratte: „Auch hier ist Imkerei sogar lohnend.“

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