Offene Ganztagsschulen: Qualität darf keine Glückssache sein

Von: Karl Stüber
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Sie setzen sich für möglichst gute und einheitliche Standards für Einrichtungen der Offenen Ganztagsschule ein: (hinten v.l.) Bernhard Ruhl, Julia Kranz (beide OGS Sonnenschein), Simone Siemons (Haus St. Josef), Nathalie Schneider (Verein Betreute Schulen Aachen-Land) und (vorne v.l.) Nicole Krawcyk (OGS Pannesheide), Bruno Barth (Verein Betreute Schulen Aachen-Land) sowie Samantha Kirstein (OGS Alt-Merkstein). Foto: Karl Stüber

Nordkreis. „Es ist im Prinzip Glück, in welchem Umfeld eine Offene Ganztagsschule angesiedelt ist“, sagt Bruno Barth zur Qualität der OGS, an der Kinder landauf landab teilnehmen. Der Vorsitzende des Trägervereins Betreute Schulen Aachen-Land gehört zu den Aktivisten, die sich derzeit an einer Kampagne beteiligen.

Die Aktion hat zum Ziel, für die OGS die Notwendigkeit zur Einführung landesweit geltender Mindeststandards und einer angemessenen Finanzierungsgrundlage deutlich zu machen – unabhängig von den Möglichkeiten der jeweiligen Kommunen (Schulträger) und Kreise (siehe Info).

Die OGS-Realität(en) und die Auswirkungen der äußerst unterschiedlichen Qualität der Angebote und Rahmenbedingungen an den einzelnen Schulen haben aus Sicht Barths erheblichen Einfluss auf Bildungschancen und -gerechtigkeit. Und er ist mit dieser Meinung nicht allein. Um die Problematik zu erläutern und daraus abgeleitete Forderungen darzulegen, sind Vertreter der „OGS-Landschaft in Herzogenrath“ in der OGS Alt-Merkstein zusammengekommen, die dort in Containern, neudeutsch mobilen Klassen, untergebracht ist.

Speziell geschultes Personal

Nathalie Schneider, Fachberatung Verein Betreute Schulen Aachen-Land, nennt als einen wichtigen Aspekt von OGS die Inklusion (Teilhabe aller an allen Lebensbereichen, besonders für Menschen mit Handicap und deren angemessene Förderung). „Hierfür brauchen wir spezielles Personal am Nachmittag, das es zurzeit nicht gibt.“ Nicht minder wichtig sei Schülersozialarbeit, die aber ebenso unter mangelnden finanziellen Ressourcen und fehlendem Fachpersonal leide.

Nicole Krawcyk, pädagogische Leitung und Trägervertretung der OGS Pannesheide, nennt als Grund für die Personalprobleme die (ungleiche) Konkurrenz am Arbeitsmarkt. Mit Kindertagesstätten und Heimen könnten OGS-Einrichtungen nicht mithalten. Aus zwei Gründen: Zum einen werde dort mehr gezahlt, zum anderen würden die Mitbewerber dank Ganztagsstellen das Fachpersonal an sich binden können.

Klaus Zebner, Leiter der GGS Alt-Merkstein und Sprecher der Grundschulen in Herzogenrath, beschreibt die Konkurrenz, die sich Kommunen untereinander beim Werben um Fachpersonal machen. Logisch, dass diejenigen, die nach Tarif bezahlen (können), im Vorteil sind. Und nicht nur das: Auch die Ausstattung variiere entsprechend. Die Rede ist von „OGS de luxe“ und „OGS light“.

Simone Siemons, Fachberatung Haus St. Josef, entzaubert den Begriff Tarifbindung für den in Rede stehenden Einsatzbereich: „Alle OGS-Träger bekommen von den Kommunen jeweils das gleiche Geld. Um damit auskommen zu können, muss bei Tarifbindung die Zahl der Stunden reduziert werden.“ Und noch ein wichtiger Aspekt aus ihrer Sicht: Viele Mitarbeiter(innen) stünden in absehbarer Zeit zur Verrentung an. Wo soll bei dieser Bezahlung der Nachwuchs herkommen, fragt sie.

„Derzeit ist OGS ein additives System aus Pflicht- und Zusatzelementen“, sagt Schneider. Neben Hausaufgaben(-betreuung), Mittagessen und Freizeitangeboten gehe es um Arbeitsgemeinschaften und Kurse. Neben fest angestelltem Personal werde Fachwissen „hinzugekauft“, wie es eben finanziell möglich ist.

Samantha Kirstein, pädagogische Leitung der OGS Alt-Merkstein (Verein Betreute Schulen Aachen-Land), macht am Beispiel Gitarrenkurs deutlich, es sei immer wieder abzuwägen, ob man Laien oder Fachkräfte einsetzen kann. Oft sei es Glückssache und an Personen und deren Fähigkeiten und Einsatzwillen gebunden.

Simone Siemons erinnert daran, dass die Diskussion um angemessene Ausstattung von OGS schon seit Jahren laufe und die landesweit organisierte Elternschaft entsprechende Forderungen formuliert habe. Allerdings, so Barth, wissen Eltern vor Ort die jeweiligen Angebote und ihre Unterschiede in den OGS-Standorten nicht zu bewerten und sind froh und zufrieden, dass ihre Kinder überhaupt betreut werden.

Julia Kranz, pädagogische Leitung der OGS Sonnenschein (Herzogenrath-Straß, Pfarre St. Josef), sagt, es sei wichtig, mit Eltern engen Austausch zu pflegen und sie über die Lage zu informieren. Als Reaktion auf die Probleme sei ein Förderverein gegründet worden, wobei sich Eltern an den Sachkosten beteiligen.

Das geschieht nicht selten, um Bedarf decken zu helfen. Aber, sagt Barth, das sei natürlich jeweils von den (wirtschaftlichen) Möglichkeiten der Eltern abhängig, also von dem sozialen Umfeld, in der eine Schule mit OGS eingebettet ist. „So wie das jetzt praktiziert wird, ist OGS eigentlich Schulgeld durch die Hintertür“, sagt er provozierend. Und: „Für das Land ist es bequem, wenn Eltern sich organisieren und die Defizite ausgleichen.“ Klar müsse sein, dass OGS weitaus größere Bedeutung hat oder haben muss als Betreuung: Zebner sagt: „Wenn Kinder nicht an der OGS teilnehmen, verpassen sie Bildungsangebote.“

Streit vermeiden

Anerkannt wird von den OGS-Aktivisten, dass die Städte und Gemeinden in der Regel tun, was sie können, um OGS zu unterstützen. In Herzogenrath etwa befasse sich ein freiwilliger Qualitätszirkel mit der Weiterentwicklung. Schulleiter Zebner sagt: „Die Stadt Herzogenrath hat als Schulträger bislang gemacht, was möglich war.“

Während in Herzogenrath die Elternbeiträge zur Finanzierung von OGS sozial gestaffelt sind, ist das bislang in Stolberg nicht so gewesen, sagt Barth. Ein weiterer Beleg dafür, dass einheitliche Standards landesweit notwendig sind.

Bernhard Ruhl von der OGS Sonnenschein (Herzogenrath-Straß, Pfarre St. Josef) warnt davor, dass Einrichtungen für Heranwachsende gegeneinander ausgespielt werden. Er befürchtet, dass bei der von manchen geforderten Kostenfreiheit bei Kitas das Geld an anderer Stelle fehlt – eben bei den OGS-Einrichtungen.

Schulleiter Zebner sieht neben Qualitätsaspekten einen weiteren Vorteil bei klaren Vorgaben: „Bei klaren Standards gäbe es keinen Streit.“

Forderungen werden am 12. Juli der (neuen) Landesregierung übergeben

Die Kampagne „Gute OGS darf keine Glückssache sein! – Qualität sichern. Standards ausbauen“ wurde von der Freien Wohlfahrtspflege gestartet, um die Öffentlichkeit, insbesondere Eltern, Lehrer, Politiker und Verwaltungen zu informieren und zu mobilisieren. Und Kinder sollen sagen, wie sie sich eine gute Ganztagsschule vorstellen.

Nach der Auftaktveranstaltung in Essen wollen die Teilnehmer nun mit kreativen Aktionen auf ihre Ziele aufmerksam machen. Am 12. Juli sollen die Forderungen der (neuen) Landesregierung in Düsseldorf übergeben werden.

Die Freie Wohlfahrtspflege NRW hat in ihrem Forderungskatalog den aus ihrer Sicht notwendigen Finanzrahmen für OGS formuliert. Dabei wird eine Gruppengröße von (maximal) 25 Kindern zugrunde gelegt. Die zugehörige Fachkraft leistet 27,5 Wochenstunden, das heißt, während der Schulzeit täglich 4,5 Stunden Betreuungszeit und eine halbe Stunde Vor- und Nachbereitungszeit (=25 Stunden die Woche) sowie zusätzlich sechs Wochen Ferienbetreuung für 50 Prozent der Kinder mit erhöhter Wochenstundenzahl. Die Leistungsfreistellung beläuft sich auf fünf Wochenstunden. Die Sachkostenpauschale, so eine weitere Forderung, beträgt 1000 Euro pro Jahr. Sogenannte Overheadkosten sollten zehn Prozent der Gesamtkosten betragen.

Auf Basis des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst ergeben sich laut Berechnungen der freien Wohlfahrtspflege Kosten in Höhe von 79 273,49 Euro pro Gruppe und Jahr. Je Kind sind dies 3170,94 Euro im Jahr.

Weitere Informationen:

www.freiewohlfahrtspflege-nrw.de

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