ÖDP: Hinz und die globale Ungerechtigkeit

Von: Verena Müller
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Ruhe in den Alltag bringen, an einem Ort, der nicht für den Kommerz bestimmt ist: Guido Hinz, Direktkandidat der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP), an seinem Lieblingsort, dem Stadtgarten Würselen. Foto: Verena Müller

Würselen. Es gab einen Schlüsselmoment im Leben von Guido Hinz. Eine Zeit, in der er sich sehr intensiv mit globalen Zusammenhängen beschäftigte. Damit, „was wir mit unserer Lebensweise global anrichten“, sagt der 50-Jährige. Und er will seitdem nicht weniger, als zur Verringerung von weltweiten Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten beitragen.

Hinz denkt immer vom großen Ganzen her, denn er findet, dass sich viele Probleme dann von selbst lösen. „Nicht nur Symptome mit Alibi-Funktionen kurieren, sondern die Dinge generell ins Gleichgewicht bringen“, hält er für den richtigen Ansatz und sieht sich deshalb seit seiner radikalen Kehrtwende im Alter von 24 Jahren bei der ÖDP gut aufgehoben.

Ihm sei wohl bewusst, dass die Ökologisch-Demokratische Partei auch 35 Jahre nach ihrer Gründung recht klein sei. 35, das ist auch die Zahl der Mitglieder, auf die es die Partei in Stadt und Altkreis Aachen zusammen bringt. Und dass die ÖDP in den Landtag einziehen wird, hält Hinz auch diesmal für nicht sehr wahrscheinlich. Da ist der Idealist Realist. „Der Landtag braucht noch mehr Zeit. Wünschenswert wäre allerdings, wenn der Schwellenwert zu mehr medialer Aufmerksamkeit überschritten werden könnte“, findet er.

In eine größere Partei wechseln, würde Hinz nie, sagt er. „Kompromisse werden da auf einem viel zu kleinen gemeinsamen Nenner geschlossen.“ Die Ehrlichkeit der Position, hinter der man steht, sei viel entscheidender als die Frage, auf welcher Welle des Erfolgs man mitschwimmen könne.

Aber wofür steht die ÖDP in diesem Wahlkampf eigentlich? Bildung ist einer der Schwerpunkte. „Hier muss man einiges grundlegend neu denken“, sagt Hinz. Zwei wesentliche Säulen sieht er: das Erlernen von Grundfertigkeiten in einer Art und Weise, die es jedem Schüler ermöglicht, die eigenen Fortschritte wahrzunehmen, und die Entwicklung der Persönlichkeit.

„Was ich derzeit erlebe, ist eine Überfrachtung des Lehrplans mit Einzelinhalten“, sagt Hinz. Das Urteil darf er sich erlauben, schließlich ist er Lehrer für evangelische Religion, Physik und Informatik an der Viktoriaschule Aachen. „Mehr Zeit für Bildung“ lautet die Botschaft der ÖDP, „dabei geht es aber nicht alleine um das Maß an Zeit, sondern auch um die Art der Ausgestaltung“, erläutert Hinz. Alle anderen Fragen, etwa zu Inklusion und G8 oder G9, seien nachrangig.

Nächster Schwerpunkt: innere Sicherheit. „Wir plädieren für mehr Bürgernähe, wollen die Eingangsvoraussetzungen für den Polizeidienst verändern, so dass auch Menschen mit geringerer Qualifikation aufgenommen werden können und dadurch eine dickere Personaldecke geschaffen werden kann.“ Ja, in dem Punkt gebe es eine gewisse Nähe zur CDU, gibt Hinz offen zu. Das sei nicht verwunderlich, die ÖDP sei nicht eindeutig rechts, links oder konservativ zu verorten.

Dritte Botschaft: die Energiewende konsequent vorantreiben. Raus aus Braunkohle und Kernenergie mit klaren, kurzfristigen Ausstiegsszenarien, dazu ein Konzept zur Förderung der erneuerbaren Energien. Gefördert werden soll in erster Linie die Forschung, etwa zu Speicher- und Umwandlungstechnologien. Die ökologische Steuerreform sei zweitrangig und außerdem ein Thema für die Bundesebene.

Beim Thema Verkehrspolitik schaut Hinz mit ein klein wenig Neid auf die Grünen, die es der ÖDP vorgemacht haben, wie man mit einem positiv besetzten Thema – im Gegensatz zu populistischer Panikmache anderer kleiner Parteien – Schlagzeilen machen kann. Mit einem NRW-Ticket zu einem Spottpreis nämlich. „Das ist grundsätzlich eine gute Idee. Ich frage mich nur, warum die Grünen das erst jetzt zur Sprache bringen“, sagt Hinz, der sich das natürlich nicht ernsthaft fragt, sondern die Mechanismen des Wahlkampfs kennt.

Sein Wahlkampf sieht, nebenbei bemerkt, recht überschaubar aus. Kein Ortsverbands-Marathon, kein Klinkenputzen. Und große Kampagnen kann sich die ÖDP auch alleine schon deswegen nicht leisten, weil ihre finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind. „Wir nehmen grundsätzlich keine Firmenspenden an“, erläutert Hinz.

„Weniger ist mehr“ lautet einer der Ansätze der Partei, der sich wie ein roter Faden durch politische Inhalte und Statuten zieht.

Auf Hinz‘ Alltag übertragen sieht das so aus: Er fährt Fahrrad, nutzt öffentliche Verkehrsmittel und Car Sharing. Er arbeitet Teilzeit. „Weil ich so finanziell mein Auskommen und zugleich genügend Zeit für anderes habe.“ Zum Beispiel dafür, darauf achten zu können, welche Zusammenhänge es bei der Entstehung von Lebensmitteln gibt. Er engagiert sich seit Jahrzehnten für das Projekt „Globale Nachbarschaft“ in Brasilien und fairen Handel, ist in der Kirche unter anderem als Prädikant (Laienprediger) aktiv und in Vereinen sowie Gesprächskreisen mit sozialpolitischer Färbung vertreten.

Bei so vielen Multiplikatoren – Schülern, Gottesdienstbesuchern, politisch Interessierten und so weiter – müsste die ÖDP doch längst massiven Zulauf oder wenigstens deren Ziele weite Verbreitung finden, müsste man meinen. Hinz überlegt. „Dinge, die man gehört und verstanden hat, führen nicht zwangsläufig dazu, dass man etwas ändert.“ So sei der Mensch nun mal konditioniert.

Sein Lieblingsort im Nordkreis ist übrigens der Stadtgarten in Würselen. „Wenn ich hier mit dem Fahrrad vorbeikomme, herrscht hier immer eine entspannte, ruhige Atmosphäre. Der Park ist wie eine Insel“, erzählt Hinz. Das habe für ihn auch Symbolcharakter. Ruhe in den Alltag zu bringen – mit einem Ort, der nicht für den Kommerz bestimmt ist.

Guido Hinz, geb. 1966 in Geilenkirchen, verheiratet, zwei Töchter, ging in Übach-Palenberg und Mönchengladbach-Rheindahlen zur Schule. Sein Abitur bestand er mit 1,0. 1984 nahm er in Aachen das Physikstudium auf. Aus seinem Hobby und Nebenverdienst, dem Programmieren, entstand eine eigene Firma. Die gab er auf, nachdem er mit 24 Jahren eine persönliche Wende erlebte. 1989 wurde er Mitglied der ÖDP, ein Jahr später Direktkandidat für den Bundestag.

1990 trat er als sozial und politisch engagierter Christ in die Evangelische Kirche ein. Im 1991 arbeitete er fünf Monate als ehrenamtlicher Helfer in Brasilien. Daraus ergab sich ein jahrzehntelanges Engagement. 1991 bis 1998 studierte Hinz in Bonn Evangelische Theologie und Physik. Inzwischen arbeitet er an der Viktoriaschule in Aachen als Lehrer in besagten drei Fächern. Er unterstützt Vereine und Initiativen wie Greenpeace, ADFC, VCD, Nabu und Foodwatch.

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