Oberkarnevalist Reiner Spiertz im Interview

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Seit über 40 Jahren ist Reiner Spiertz in vielen Gremien mit dem Karneval eng verbunden.

Nordkreis. Der Endspurt in die tollen Tage ist mit einem Paukenschlag eingeläutet. Viele Karnevalisten haben jedoch schon etliche Veranstaltungen, Sitzungen und Empfänge absolviert. Über den Erhalt des närrischen Brauchtums, die finanziellen Schwierigkeiten der Karnevalsgesellschaften und nicht zuletzt die Gunst des Publikums unterhielt sich Helmut Schiffer mit Reiner Spiertz aus Alsdorf-Warden, dem Präsidenten des Verbands der Karnevalsvereine Aachener Grenzlandkreise.

Ist es in diesen wirtschaftlich schlechteren Zeiten schwer, Karnevalist zu sein?

Spiertz: Wenn Sie mich als Freund des Karnevals fragen, der gerne Karneval feiert, muss ich sagen: Nein. Jeder Mensch feiert nach seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten. In der heutigen Zeit ist es sicher so, dass die Menschen nach wie vor sehr gerne Karneval feiern, jedoch ihr Geld gezielter und nicht so freizügig ausgeben wie in besseren Zeiten. Wenn Sie mich aber als Karnevalsfunktionär fragen, lautet die Antwort eindeutig: Ja. Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, Menschen - und vor allem junge Menschen unter 40 Jahren - zu finden, die sich ehrenamtlich in gesellschaftliche Organisationen einbinden lassen.

Es wird allgemein festgestellt, dass die Gäste bei den Veranstaltungen ausbleiben. Woran liegt das?

Spiertz: Dass die Gäste bei Veranstaltungen weniger werden, liegt sicher daran, dass Geld sparsamer ausgegeben wird. Bei der Auswahl der besuchten Veranstaltungen spielt die Attraktivität der Auftretenden eine entscheidende Rolle. Dabei muss allerdings gesagt werden, dass Attraktivität nicht unbedingt mit dem Bekanntheitsgrad der Auftretenden übereinstimmen muss. Viele Karnevalsprofis können in der heutigen Zeit fast während des ganzen Jahres bei Veranstaltungen oder im Fernsehen angeschaut werden. Hier wäre weniger, sicher auch im Interesse der Interpreten, manchmal mehr. Die Lokalmatadoren werden im Karneval immer attraktiver.

Bis vor zwei Jahren galten Kölner Interpreten als das Salz in der Suppe jeder Sitzung. Mittlerweile sind Eigengewächse vermehrt gefragt. Eine Frage der Gage oder aber der Rückbesinnung?

Spiertz: Eigene Vereinskräfte sind wieder auf dem Vormarsch. Dies liegt nicht nur an den sehr oft nicht mehr bezahlbaren Gagen der Karnevalsprofis, sondern auch an einer âÜberfütterungÔ der Bevölkerung mit diesen Interpreten. Außerdem besinnen sich viele Vereine wieder zurück zum heimischen, mit viel Lokalkolorit versehenen Karneval. Und die Gäste solcher Veranstaltungen geben den Verantwortlichen in den Vereinen recht. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die mit heimischen Kräften gespickten Veranstaltungen seit einigen Jahren wieder erheblich mehr Zulauf haben, da die Vereine solche Veranstaltungen dann auch zu erschwinglichen Eintrittspreisen anbieten können. Dadurch wird dann breiten Bevölkerungsschichten das Mitmachen im Karneval wieder ermöglicht.

Was zeichnet für Sie eine gute Sitzung und Veranstaltung aus?

Spiertz: Eine gute Veranstaltung sollte von einem Moderator oder Sitzungspräsidenten geleitet werden, der die einzelnen Auftritte mit humorvollen Worten verbindet und ankündigt und die Auftretenden als die wichtigsten Personen - neben dem Publikum natürlich - ansieht. Eine Sitzung sollte eine bunte Mischung aus Redebeiträgen, Gesang, Parodie und karnevalistischem Tanz beinhalten.

Emol Prinz sin - war oder ist das wirklich das Höchste, was ein echter Karnevalist anstrebt?

Spiertz: Es ist sicher immer eine ganz individuelle Frage, wie man sich selbst als Karnevalist sieht. Viele Karnevalsfreunde sehen eigentlich jedes Jahr ihr persönliches Glücksgefühl darin, sich fantasievoll zu verkleiden, miteinander zu singen und zu tanzen, um einfach nur miteinander Freude zu haben, überwiegend auch ohne übermäßigen Alkoholgenuss. Andere Karnevalsbegeisterte sehen es sicherlich als ein erstrebenswertes Ziel an, einmal in ihrem Heimatort das Prinzenzepter zu schwingen. Ich persönlich durfte dies vor genau 2x11 Jahren für den Karnevalsausschuss Hoengen in meiner Heimatstadt Alsdorf tun und hatte viel Spaß und Freude daran.

Behördliche Auflagen stellen viele KGs vor große Probleme. Sollte ehrenamtlicher Einsatz von der Politik nicht besser gefördert und honoriert werden?

Spiertz: Dies ist eines der Probleme, denen sich ehrenamtlich tätige Menschen in den Vereinen stellen müssen. Es gilt nicht nur, behördliche Auflagen zu erfüllen, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Gebühren durch die Vereine noch bezahlt werden können. Dies gilt für die oft nicht unerheblichen Hallen- und Saalbenutzungsgebühren bis hin zu den Genehmigungen für Karnevalsumzüge oder sonstige karnevalistische Freiluftveranstaltungen. Die Einhaltung von beispielsweise Brandschutzauflagen, TÜV-Abnahmen und Versicherungsvorschriften sind sicher im Interesse der Beteiligten. Die Kosten jedoch sind in den letzten zehn Jahren derartig angestiegen, dass viele Vereine sich einen Wagen in einem Karnevalszug schlicht nicht mehr leisten können. Ohne die dauerhafte Unterstützung und Förderung unserer Vereine und Verbände durch Wirtschaftsunternehmen, Handwerksbetriebe, Banken und Sparkassen sowie vieler privater Förderer und Gönner unseres Brauchtums könnten viele Vereine nicht mehr überleben.

Was wird oder war für Sie in der laufenden Session der karnevalistische Höhepunkt?

Spiertz: Ganz persönlich war dies natürlich die Verleihung des Närrischen Grenzlandschildes am 8. November 2008 durch die KG Au Ülle in Würselen. Über diese, nur alle zwei Jahre vergebene und im bundesweiten Karneval höchst angesehene Auszeichnung habe ich mich sehr gefreut.
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