Notplätze: Jetzt werden sogar Zeltstandorte geprüft

Von: bea/ks/vm/ssc
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So sehen sie aus, winterfest und mit Öl beheizt: Diese Zelte stehen in Köln-Chorweiler auf einem Parkplatz, als eine vom Land betriebene Notunterkunft für bis zu 1000 Flüchtlinge. In Jülich auf der Merscher Höhe entsteht derzeit eine ähnliche Anlage. Foto: Henning Kaiser/dpa

Nordkreis. Es ist diesmal kein offizielles Amtshilfeersuchen auf Anweisung, sondern eine „verbindliche Bitte“ an die Kommunen in NRW, kurzfristig je 70 weitere Erstaufnahmeplätze einzurichten, wie Freia Johannsen, Sprecherin der Bezirksregierung Köln erklärt.

Der Druck ist groß: „Die prognostizierten Zahlen sind immens hoch.“ Seit Anfang September sondiere der Krisenstab täglich, wo noch Plätze geschaffen werden könnten. Bis spätestens heutigen Mittwoch sollen die Städte sich erklären. Herzogenraths Bürgermeister Christoph von den Driesch stellt indes klar: „Wir sind am Limit.“

Am Montagmorgen habe die Stadt eine weitere E-Mail erreicht mit der Aufforderung, kurzfristig zu prüfen, wo eventuelle Freiflächen für winterfeste Zelte zur Verfügung gestellt werden könnten. So nimmt die Stadt derzeit die Restfläche des Concordia-Sportplatzes an der Waidmühl unter die Lupe, wo bereits die erste Notunterkunft für 150 Menschen eingerichtet worden ist.

Ein Objekt zu erweitern, bereite erheblich weniger Probleme, als noch eine Einrichtung aufzubauen, sagt der Bürgermeister mit Blick auf Logistik und Organisation. „Für eine komplett neue Unterkunft würden wir keinen Betreiber, keinen Caterer, keinen zertifizierten Security-Service mehr finden.“ Viele Fragen seien ungeklärt – nach Wasseranschlüssen, Heizung und weiterer Infrastruktur, die ein Zeltdorf benötige.

Die Erstaufnahmestelle Waidmühl hat inzwischen die zweite Belegung, die ersten 150 Hilfesuchenden, die ab 19. August angekommen waren, sind verlegt worden. Ein zweites Mal sei die Bundespolizei zwecks Erstregistrierung noch nicht an der Waidmühl gewesen, „danach würde wahrscheinlich der dritte Austausch erfolgen“, mutmaßt Jürgen Venohr, Fachbereichsleiter Bürgerdienste.

Unterdessen erhält Herzogenrath – trotz ursprünglich gegenteiliger Beteuerung der Bezirksregierung – auch weitere reguläre Zuweisungen. Alleine in den vergangenen beiden Wochen, so berichtet Venohr, seien 49 Flüchtlinge gekommen, für die eine Bleibe gefunden werden musste. 291 sind in 2015 bisher zugewiesen worden, insgesamt sind es 362. In der Turnhalle im Schulzentrum unterhält die Städteregion zudem 199 Notunterkunftsplätze. Bürgermeister und Fachbereichsleiter wissen genau: Ohne den Einsatz der vielen freiwilligen Helfer sowie des Arbeitskreises „Hand in Hand“, aber auch von Flüchtlingsberaterin Judith Kuntz, sei dies nicht zu stemmen.

Der Bürgermeister mit Blick auf die amtlich gesteuerte hohe Fluktuation in der Notunterkunft: „Was sagen wir den Ehrenamtlern, die sich um immer wieder neue Menschen kümmern müssen? Die unermüdlichen Helfer wollen doch auch mal Erfolge sehen.“ So will die Stadt den ehrenamtlichen Einsatz nun auf die Zugewiesenen lenken, „die ja auch unsere ganze Hilfe brauchen“.

Auch die Stadt Würselen sieht keine Möglichkeit, der „verbindlichen Bitte“ der Bezirksregierung Köln nachzukommen und 70 weitere Asylbewerber im Rahmen des Erstaufnahmeverfahrens unterzubringen. „Wir haben derzeit keine geeigneten Häuser, es sei denn, wir würden Sporthallen nutzen“, sagt der Erste Beigeordnete Werner Birmanns. Verworfen hat die Stadt die Option, sogenannte Containerzelte am Reckergelände gegenüber dem Seniorenzentrum Carpe diem aufzustellen. Diese Zelte könnten zwar schnell geliefert werden, die Aufbauphase inklusive Installation der Infrastruktur würde indes sechs bis acht Wochen dauern.

Zur Unterbringung fest zugewiesener Asylbewerber kauft die Stadt jetzt per Dringlichkeitsentscheid zwei Objekte – bei Birk und an der Pleyer Straße in Bardenberg - an, wie Birmanns sagt. In dem Haus bei Birk sollen zwischen 12 bis 15 Einzelpersonen untergebracht werden, in dem Gebäude an der Pleyer Straße eventuell Familien.

Birmanns: „Wir wollen auf diese Weise die fest Zugewiesenen aus den Hotels rausbekommen.“ Auch die noch in der ehemaligen Albert-Schweitzer-Schule am Helleter Feldchen untergebrachten 28 zugewiesenen Flüchtlinge sollen möglichst schnell anderweitig untergebracht werden, um Platz für Asylbewerber im Rahmen des Erstaufnahmeverfahrens zu schaffen. Deshalb suche die Kommune auch mit Hilfe von Immobilienfirmen nach geeigneten Objekten.

Derzeit halten sich laut Birmanns rund 330 „feste“ Asylbewerber in Würselen auf, zuzüglich der 85 in der Albert-Schweitzer-Schule unter Fittichen der Städteregion. Dort wurden am Wochenende weitere 21 Betten aufgestellt. Laut Städteregion bauten Helfer von DLRG, DRK, Feuerwehr Würselen und hilfsbereite Anwohner unter Leitung von Kreisbrandmeister Bernd Hollands Etagenbetten auf und verteilten Decken und Bettbezüge.

„Es wird immer enger“, sagt Sozialamtsleiter Wolfgang Schleibach für Alsdorf. Bislang sei die Zahl der Flüchtlinge in der Erstaufnahme auf das Gesamtkontingent, das aufzunehmen ist, angerechnet worden. „Die Statistik zieht aber nicht mehr.“ Von Planbarkeit könne also keine Rede mehr sein. Neben den 220 Plätzen in der Erstaufnahme im Berufskolleg zählt Schleibach aktuell 457 Flüchtlinge. „Die große Zuweisung im Oktober mit 70 Menschen bereitet uns Kopfschmerzen: Wenn das so weitergeht, wird es schwierig.“ Bislang könne die Stadt aber noch auf Wohnungen aus dem privaten Wohnungsmarkt zurückgreifen.

Wie es um die Unterbringung von Flüchtlingen in Baesweiler bestellt ist, ist nicht zuletzt eine Frage der Stockwerke. Waren in der Turnhalle der ehemaligen Lessingschule zunächst 43 Flüchtlinge untergebracht, sind es jetzt 60. Mehr Betten finden keinen Platz.

Es sei denn, man tauscht die Betten, die ein Hotel am Aachener Kreuz zur Verfügung gestellt hatte, gegen Etagenbetten aus. „Das prüfen wir derzeit“, sagt Bürgermeister Dr. Willi Linkens. Diese Lösung sei auch deshalb machbar, weil die Aufenthaltsräume in der Halle und die Versorgungsflächen im nahe gelegenen Malteser-Jugendtreff noch Kapazität bieten, um eine womöglich doppelte Zahl Asylsuchender aufzunehmen. „Zeltstandorte sehe ich darüber hinaus nicht“, sagt Linkens. „Da braucht man Heizungen und zusätzliche Container, das ist ohne weiteres nicht machbar.“ Auch am Platz mangelt es. „Die Einrichtung der Turnhalle Lessingschule war unproblematisch, weil sie kaum von Vereinen und anderen genutzt wird. Bei anderen Flächen sieht das anders aus.“

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